40.000
Aus unserem Archiv

Perspektiven auf heutige Männlichkeit: Der zornige Mann

Wolfgang M. Schmitt

Männer sind gefährlich. Nicht immer, nicht alle – jedoch ist der zornige Mann ein Gegenwartsphänomen, das Beachtung verdient. Denn Männer, die zürnen und deshalb hassen, schlagen, missbrauchen, sind keineswegs erst seit der #MeToo-Debatte im Gespräch.

Der Mann von heuteIn einer Serie haben wir das Thema Mann und Männlichkeit in der Gegenwart beleuchtet – alle Teile finden Sie unter www.rhein-zeitung.de/kulturTeil 1: Der verunsicherte MannTeil 2: Der schöne MannTeil 3: Der schwule MannTeil 4: Der zornige MannTeil 5: Der tugendhafte Mann
Der Mann von heuteIn einer Serie haben wir das Thema Mann und Männlichkeit in der Gegenwart beleuchtet – alle Teile finden Sie unter www.rhein-zeitung.de/kulturTeil 1: Der verunsicherte MannTeil 2: Der schöne MannTeil 3: Der schwule MannTeil 4: Der zornige MannTeil 5: Der tugendhafte Mann

Um zu verstehen, woher der Zorn der Männer kommen kann, lohnt die Frage, woher diese Männer kommen. Auch wenn vielleicht früher oder später geboren, viele sind Kinder der 90er-Jahre. Das gemeinhin als fröhlich geltende Jahrzehnt mit seiner Spaßkultur hat sie geprägt. Nach dem Fall der Mauer breitete sich nicht nur in Deutschland, sondern im gesamten Westen eine scheinbar heitere Stimmung aus.

Der Kapitalismus und seine Gattin, die liberale Demokratie, hatten gesiegt, der Kommunismus verschwand im Abgrund der Geschichte, in dem laut dem französischen Lyriker und Philosoph Paul Valéry „für alle Platz ist“. Das „Ende der Geschichte“ verkündete zudem der US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, und tatsächlich fühlte es sich ein bisschen so an: Was man brauchte, kaufte man einfach – auch die eigene Identität, die sich aus verschiedenen Markenprodukten zusammenbauen ließ wie ein Ikea-Regal. Auch Männer entdeckten nun die Freuden des Konsums – nicht mehr nur klassische Statussymbole wie Armbanduhren und Autos waren von Interesse, man tauschte sich plötzlich über Modetrends sowie hochwertige Kosmetikartikel aus.

Kultromane der 90er-Jahre wie „American Psycho“ von Bret Easton Ellis und Christian Krachts deutsches Pendant „Faserland“ handeln von gut verdienenden Männern, die bewusst im Konsum aufgehen. Auf Dauer bedeutet das aber eben auch, darin unterzugehen beziehungsweise zornig zu werden: Die Hauptfigur in „American Psycho“ wird zum Frauenmörder, „Faserland“ deutet hingegen einen auto-aggressiven Schluss an: den möglichen Suizid der Hauptfigur. Glücklich sind diese Männer nicht. Diese Bestseller trafen einen Nerv der Zeit und legen im Rückblick nahe, dass die Fröhlichkeit der 90er oft ein zynisches Lachen war, das bedeutete: Uns geht es zu gut. Als sei die Zivilisation kein Ort für echte Männer.

Der Kampf ums Dasein

Kein Film hat das eindrücklicher eingefangen als David Finchers „Fight Club“, kein Film prägte mindestens zwei Generationen von Männern stärker. Der auf dem gleichnamigen Roman von Chuck Palahniuk beruhende moderne Klassiker erzählt die Geschichte eines namenlosen Protagonisten (gespielt von Edward Norton), der sein Leben aus dem Ikea-Katalog zusammengestellt hat und der, um sich die Langeweile des konsumorientierten Daseins zu vertreiben, allabendlich eine Selbsthilfegruppe aufsucht. Angesichts der vielen weinenden Männer (und Frauen) geht es ihm gleich besser. Eines Tages aber trifft er auf Tyler Durden – gespielt von einem extrem durchtrainierten Brad Pitt –, der ihm eine neue Welt eröffnet: eine harte, brutale, echte Welt, eine, in der der Mann wieder Mann sein kann.

Es fallen Sätze, die von den Fans des Films, auf Poster gedruckt oder Schulmäppchen geschrieben wurden: „Wir sind eine Generation von Männern, die von Frauen großgezogen wurde. Ich frag mich, ob noch eine Frau wirklich die Antwort auf unsere Fragen ist.“ Diese Männer haben Angst vor einer weiblicher werdenden Gesellschaft, sie fürchten sich davor, selbst zu verweiblichen – in einem Selbsthilfekurs in „Fight Club“ sitzt tatsächlich ein Mann mit Busen. Das diffuse Unbehagen dieser Männer hat eine reale Grundlage: Während der männlich dominierte industrielle Sektor unaufhörlich im Schwinden begriffen ist, wächst der weiblich geprägte Dienstleistungssektor.

„Dementsprechend steigt seit längerer Zeit die weibliche Erwerbstätigkeit an, während die männliche ebenso kontinuierlich abnimmt. Seit einigen Jahren ist in den deutschsprachigen Ländern die männliche Arbeitslosenquote höher als die weibliche“, schreibt der Männerforscher Walter Hollstein in seiner Studie „Was vom Manne übrig blieb“ (Opus-Magnum-Verlag). Im Film erkennt der diabolisch-virile Tyler Durden ebendiese heikle Situation und gründet deshalb einen Fight Club, ein vor der Öffentlichkeit verborgener Klub für Männer, die ihre geballten Fäuste aus den Hosentaschen ihrer Designerjeans ziehen und wieder zuschlagen wollen. „Mann, ich sehe im Fight Club die stärksten und cleversten Männer, die es jemals gab. Ich sehe so viel Potenzial ... Herrgott noch mal, eine ganze Generation zapft Benzin, räumt Tische ab, schuftet als Schreibtischsklaven“, predigt Durden zu den zornigen Männern.

Männer sind bereit zur Eskalation

„Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars … Werden wir aber nicht. Und das wird uns langsam klar. Und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten.“ Diese Männer sind nicht nur verunsichert, sondern verzweifelt und bereit zur Eskalation. Was der Film als poppiges Spektakel inszeniert, wird in der Realität zum Ernstfall. Wohin mit dieser Gewalt? Wohin mit diesem Zorn?

Angesichts der Gewalt gegen Frauen, über die derzeit diskutiert wird, und mit Blick auf den Hass der zumeist männlichen Trump-Wähler und den Sympathisanten der Autokraten erscheint der Film „Fight Club“ heute in einem anderen Licht. Er wirkt prophetisch. Zwar rettet sich der namenlose Protagonist nach vielen harten Kämpfen doch wieder in eine Beziehung mit einer sehr emanzipierten Frau, doch die Realität hält ein solches Happy End nicht zwingend bereit. In der Wirklichkeit muss der moderne Mann wohl auch einige Tiefschläge einstecken, um sich mit seiner neuen Rolle anzufreunden, die nicht unbedingt weniger männlich, aber auf eine andere Weise männlich sein könnte.

Zeit zur Zähmung

Das Problem ist, dass viele Männer den Prozess der Zivilisierung als eine erzwungene Zähmung ihrer Männlichkeit wahrnehmen – sie fühlen sich als Verlierer dieser Entwicklung. Und sie sind es auch, wenn sie darauf beharren, dass die Zivilisation das Gegenkonzept zur Männlichkeit ist. Dann aber sind sie nicht mehr weit entfernt von jenen, die der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger „Schreckens Männer“ (Suhrkamp-Verlag) nennt. Sie werden zu „radikalen Verlierern“, die Enzensberger gleichermaßen in Amokläufern wie Fundamentalisten erblickt.

Für den Philosophen Peter Sloterdijk ist der Zorn kein neues Phänomen. Der erste zornige Mann war Achilles, schreibt er in seinem Buch „Zorn und Zeit“ (Suhrkamp-Verlag). Den großen Tragödien gelang es jedoch, den Zorn zu kanalisieren, zu bändigen. Sie reinigten den Zuschauer vom rohen Affekt. Und heute? Die Konsummärchen, das haben die genannten Romane und Filme eindrucksvoll bewiesen, können das jedenfalls nicht, sie bleiben leere Versprechungen. Wichtig sei jetzt, sagt Sloterdijk, eine „Lernzeit für Zivilisierungen“. Doch schnell wird dieser Lernprozess nicht vonstattengehen. Die Männer von heute brauchen Zeit – und die Frauen Geduld.

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!