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    KoblenzMuss Terrorangst für Absagen herhalten? Veranstalter bläst Veranstaltungen am Deutschen Eck ab

    Es sollten zwei Großveranstaltungen mit prominenten Künstlern werden – das Sommer Open Air der Volksmusik mit Publikumslieblingen wie Marianne und Michael und die neue Show des Komikers Helge Schneider. Gut zwei Wochen, bevor sie am Deutschen Eck in Koblenz auftreten sollten, zog der Veranstalter jedoch die Reißleine und sagte die Termine ab – verantwortlich: Terrorangst.

    Der Komiker und Jazzmusiker Helge Schneider (oben) wollte mit seinem Tourneeprogramm „240 Years of Singende Herrentorte“ am 22. Juli Station am Deutschen Eck in Koblenz machen. Doch es kam anders.
    Der Komiker und Jazzmusiker Helge Schneider (oben) wollte mit seinem Tourneeprogramm „240 Years of Singende Herrentorte“ am 22. Juli Station am Deutschen Eck in Koblenz machen. Doch es kam anders.
    Foto: dpa

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

    Eindeutige Hinweise auf eine gestiegene Bedrohungs- oder gar konkrete Gefährdungslage sind für diese Entscheidung zwar nicht ausschlaggebend gewesen, aber Veranstalter Ralf Grefkes von RGV Musikproduktionen und Eventgestaltung aus dem Landkreis Neuwied begründet seinen Entschluss dennoch mit einem Stimmungswechsel im Ausgehverhalten potenzieller Gäste:

    „So ein Vorfall wie bei Rock am Ring (wegen einer vermuteten terroristischen Gefährdungslage musste das Festival in diesem Jahr für einen Abend unterbrochen werden, Anm. d. Red.) wirkt sich auf den Ticketverkauf aus. Man merkt deutlich, dass die Leute bei Freiluftveranstaltungen zurückhaltender geworden sind. Unsere Zielgruppe ist durchaus eine ältere, vor allem beim Volksmusik-Open-Air, und genau diese Leute fühlen sich in einer Halle dann doch sicherer, ist mein Eindruck.“

    Auf den Auftritt des Volksmusik-Duos Marianne und Michael hat der Veranstalter abgesagt.
    Auf den Auftritt des Volksmusik-Duos Marianne und Michael hat der Veranstalter abgesagt.
    Foto: dpa

    Aussage sorgt für große Verwirrung

    Rund 2300 Karten hätte Grefkes für jede der Veranstaltungen verkaufen können. Helge Schneider lockte jedoch nur 300 Menschen, sich ein Ticket vorab zu sichern, Marianne und Michael nur 120. Für Verwirrung sorgte eine Mitteilung auf der Facebook-Seite Helge Schneiders. Auf dieser hieß es am Mittwoch: „Der Veranstalter hat uns mitgeteilt, dass, auch wegen der Vorkommnisse bei Rock am Ring, die Sicherheitsauflagen so erhöht wurden, dass das Konzert nicht mehr zu vertretbaren Kosten durchgeführt werden kann.“ Dabei wurde zuvor weder mit den städtischen Behörden noch mit der Polizei über ebensolche Sicherheitsauflagen gesprochen. Ein unglückliches Missverständnis, schürt die Meldung doch Ängste, die jeglicher Grundlage entbehren, weil sie den Eindruck weckt, dass ohne ein Großaufgebot an Sicherheitspersonal und Polizei eine Freiluftveranstaltung generell nicht mehr durchzuführen sei.

    Vonseiten der Stadt wird der Vorgang rund um die Absage mit Erstaunen kommentiert: „Die Entscheidung des Veranstalters ist für uns nicht nachvollziehbar, weder die Stadt noch die Polizei haben irgendwelche Auflagen erteilt“, erklärt Thomas Knaak, Sprecher der Stadt Koblenz. Seiner Aussage nach meldete der Veranstalter im April das Schneider-Programm per E-Mail an. Weitere Informationen wie etwa eine Aufbauskizze oder Erwartungen zur Besucherzahl, blieb er der Stadt schuldig. „Da im Juni die Werbung begann und wir immer noch nichts gehört hatten, versuchten die Kollegen des Ordnungsamtes mehrfach erfolglos Kontakt aufzunehmen. Schließlich ging beim Ordnungsamt Ende Juni eine Absage per E-Mail ein“, sagt Knaak.

    Karten können bei den Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden. Der Auftritt Helge Schneiders soll in der Rhein-Mosel-Halle nachgeholt werden, ob die Volksmusiker irgendwann zu einem Nachholtermin kommen, steht noch nicht fest.

    Auch Grefkes selbst bestätigt, noch nicht explizit geplant zu haben: „Ich habe gehört, dass mehr Security und Absperrmaßnahmen erforderlich wären, aber in die konkrete Planung sind wir nicht eingestiegen. Ich habe vorher alles abgesagt.“ Abgesehen von schlechten Vorverkaufszahlen – und Grefkes Gefühl, dass die Angst vor Terror dafür verantwortlich ist – gibt es also keinen Grund zur Absage der Veranstaltungen, und auch nicht zur Beunruhigung.

    Keine Auswirkungen auf Vorverkauf zu erkennen

    Andere Open-Air-Veranstalter aus Koblenz können die Einschätzung, Terrorangst habe das Klima verändert, zudem nicht teilen. So erklärt etwa Markus Dietze, Intendant des Koblenzer Theaters, das derzeit Bizets „Carmen“ unter freiem Himmel auf der Festung Ehrenbreitstein zeigt: „Wir können keine signifikante Veränderung beim Vorverkauf feststellen.“ Und für ihn als Veranstalter gelte: „In Sachen Sicherheit verlasse ich mich ausschließlich auf die Aussagen der Polizei.“ Zudem bestimmt für das Freilufttheater zunehmend ein anderer Aspekt über einen glücklichen oder unglücklichen Ticketverkauf: das Tageswetter. Immer mehr Menschen entscheiden eher spontan über den Kartenkauf.

    Zum gleichen Schluss kommt auch Berti Hahn, Inhaber der Gülser Kleinkunstbühne Café Hahn und Veranstalter vieler Open-Air-Events auf der Festung Ehrenbreitstein. Seiner Erfahrung nach hängt der Vorverkauf nach wie vor stark von zwei Faktoren ab: dem Angebot und dem Wetter. „Ich habe auf keinen Fall den Eindruck, dass Terrorangst Open-Air-Events irgendwie beeinträchtigt. Die Leute entscheiden spontan, ob sie zu Freiluftveranstaltungen gehen, abhängig davon, ob es ein schöner Sommerabend wird oder nicht. Einen schlechten Vorverkauf auf abstrakte Gefährdungslagen zu schieben, halte ich für eine fragwürdige Ausrede. Außerdem sind ja auch andere Veranstaltungen am Deutschen Eck sehr gut gelaufen.“ Dass Ticketeinbußen bei Freiluftveranstaltungen auf Terrorangst zurückzuführen sind, die auf nachvollziehbaren Entwicklungen und nicht auf gefühlten Stimmungslagen beruht, erkennen weder Dietze noch Hahn.

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