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Hamburg

"Kinky Boots": "La Cage" für Fortgeschrittene

Claus Ambrosius

Ein Ex-Boxer, der sich für ein Leben als Dragqueen Lola entschieden hat, rettet mit seinen heißen Entwürfen sündiger Stiefel eine vor dem Bankrott stehende Schuhfabrik: Klingt komisch, ist aber so. Und macht im Musical "Kinky Boots" seit Kurzem auch auf Deutsch – und zwar im Stage-Operettenhaus in Hamburg mit Blick auf die Reeperbahn – richtig Laune.

Aufwendige Produktion mit perfekter Technik, starke Musik und dem fantastischen Gino Emnes (Mitte, im Korsett) als Lola: Die deutschsprachige Version des Musicals „Kinky Boots“ von Regisseur Jerry Mitchell nach dem Buch von Harvey Fierstein und mit Musik von Cindy Lauper ist ein Volltreffer.  Foto: dpa
Aufwendige Produktion mit perfekter Technik, starke Musik und dem fantastischen Gino Emnes (Mitte, im Korsett) als Lola: Die deutschsprachige Version des Musicals „Kinky Boots“ von Regisseur Jerry Mitchell nach dem Buch von Harvey Fierstein und mit Musik von Cindy Lauper ist ein Volltreffer.
Foto: dpa

Manche Stücke sind mit einem schwierigen Titel gestraft. Gerade in der Gattung Musical, die auf klare Botschaften setzt, könnte das für „Kinky Boots“ ein Stolperstein sein. Auch mit gutem Schulenglisch kann das kaum jemand spontan übersetzen („Dreckige Stiefel?“, „Heiße hohe Hacken?“), also muss sich Werbung anderer Brücken bedienen: Musik von Cyndi Lauper – ja, damit können alle Ü 40 etwas anfangen. Oder: „Die Geschichte eines Schuhfabrikanten, der die drohende Pleite abwendet, indem er hochhackige Stiefel für Männer in Frauenkleidern herstellt“ – nun ja, das treibt noch nicht die Busladungen von Touristen ins Musicaltheater. Männer in Frauenkleidern: Da gibt es doch schon ein Musical! In „La Cage aux Folles“ ist dieses Motiv verkörpert durch den Travestiekünstler Albin/Zaza und seinen KollegInnen, das Buch der Musicalfassung stammt vom US-Schauspieler und Autor Harvey Fierstein, der auch der kreative Kopf hinter „Kinky Boots“ ist. Beide Musicals, auch die Geschichte der „schrillsten Schuhfabrik der Welt“, sind Adaptionen von Filmen. Aber während das Kinovorbild von 2005 („Kinky Boots – Männer in Stiefeln“) in Deutschland unbemerkt blieb, wird dies der Hamburger Musicalfassung, die unlängst Premiere im Stage-Operettenhaus feierte, eher nicht passieren: „Kinky Boots“ hat, dem sperrigen Titel zum Trotz, Kultpotenzial.

Einmal wegen der Geschichte, die genug „Junge trifft Mädchen“-Anteil und gesellschaftspolitische Themen abseits der Dragqueen-Welt versammelt, um ein großes Publikum anzuziehen – aber auch und vor allem wegen der starken Musik, die man Cyndi Lauper, wenn man sich nur an ihre Poperfolge aus den 80ern von „Girls Just Want to Have Fun“ oder „Time after Time“ erinnert, nicht unbedingt zugetraut hätte.

Mit immerhin zwölf Livemusikern im Graben entfesselt „Kinky Boots“ wummernd vorantreibende Disconummern mit stark rockigem Einschlag, gefühlvolle Balladen, die in keinem Musical fehlen dürfen, und ein Mitklatschfinale, das im Publikum vom jungen Szenehäschen bis zur reifen Hamburgtouristin in der Frauenchor-Reisegruppe alle vom Sitze reißt – Chapeau!

Obwohl der junge Erbe einer Schuhfabrik, der zunächst mit der väterlichen Firma nichts zu tun haben möchte, die zentrale Figur ist, die sich im Laufe des zweieinhalbstündigen Abends zum verantwortungsvollen Firmenchef wandelt, steht der wandelbare zweite männliche Hauptdarsteller im Mittelpunkt, der diese Wandlung möglich macht: Simon, Ex-Boxer, der sich für ein Leben als Dragqueen mit dem Namen Lola entschieden hat und sich den Lebensunterhalt auf der Showbühne verdient – bis er per Zufall zur Chefschuhdesignerin der schwindsüchtigen Firma Price and Sons wird. Schon sein Auftrittssong „Land of Lola“ hat das Zeug zum Discohit – und ist in einer Choreographie von Jerry Mitchell atemberaubend auf die Bühne gebracht. In Deutschland übernimmt souverän und stimmstark Gino Emnes diese fordernde Traumpartie für einen hochambitionierten Musicaldarsteller, der sich in den anspruchsvollen Gesangsnummern auch vom kraftvoll-eleganten Tanzen auf mörderisch hohen Absätzen nicht aus dem Takt bringen lässt.

Viel Botschaft ohne Moralkeule

Auf dem Weg zum Happy End werden allerhand Vorurteile durchexerziert und auf den Kopf gestellt: Dieses Musical hat eine faustdicke Botschaft im Gepäck, ohne dabei moralinsauer zu wirken. Das funktioniert nicht nur in den USA am Broadway erwartungsgemäß gut, wo Dragqueens viel eher als in anderen Ländern Teil des kulturellen Mainstreams sind (in Deutschland schafft das gerade mal ansatzweise Olivia Jones) – auch im „Kinky Boots“-Ursprungsland England, in Australien, Norwegen sogar in Japan und Korea hat das Musical bereits für einiges Aufsehen gesorgt. In Deutschland dürfte es mit Sicherheit keinen passenderen Platz für das Stück als das Stage-Operettenhaus mit Blick auf die Reeperbahn geben, die vom zwielichtigen Rotlicht-Amüsierviertel längst zur Hochglanz-Unterhaltungsmeile mit angehängtem Sexviertel geworden ist.

So ist „Kinky Boots“ in Deutschlands Musicalhauptstadt derzeit die heißeste Ware – ein Titel, der dem Stück auch die nächste große Musicalpremiere im Februar nicht den Rang ablaufen dürfte: Dann kommt die blitzsaubere und familientaugliche „Mary Poppins“ auf die Bühne des Stage-Theaters an der Elbe.

Informationen zum Stück und Tickets online unter www.stage-entertainment.de

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

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