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Düsseldorf

Jan Böhmermanns "Deuscthland": Ernst oder Hurz?

Claus Ambrosius

Jan Böhmermann und sein Kreativteam als Ausstellungsmacher: Mit dieser Schau landet das NRW-Forum Düsseldorf auf jeden Fall einen Coup. Und der Besuch der Ausstellung lohnt sich auf jeden Fall – auch, wenn man mitunter das Gefühl nicht los wird, womöglich naiver Teil der neusten Inszenierung des TV-Satirikers zu sein.

Das fängt ja gut an mit einem mulmigen Gefühl gleich am Eingang: Dort wird in der Böhmermann-Ausstellung in Düsseldorf nach Deutschen und Ausländern getrennt.   Foto: Frau Babic Fotografie
Das fängt ja gut an mit einem mulmigen Gefühl gleich am Eingang: Dort wird in der Böhmermann-Ausstellung in Düsseldorf nach Deutschen und Ausländern getrennt.
Foto: Frau Babic Fotografie

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Es war der größte anzunehmende Unfall für die deutsche Außenpolitik durch einen Fernsehmann seit Rudi Carrells verunglücktem Witz über den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini 1987: Jan Böhmermanns Spottgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten, ausgestrahlt im März 2016 auf dem Spartenkanal ZDFneo, führt nicht nur zu einer veritablen Verstimmung zwischen der Türkei und der Bundesrepublik, zu allerhand erstaunlichen Positionierungen von Politikern und anderen Meinungsmachern von allen Seiten, sondern auch wenigstens am Rande zur Diskussion über die Frage, was Kunst darf und was nicht. Ein zentraler Punkt dabei: Wenn sie schon Schutz genießen soll, was genau ist dann Kunst? Was Satire? Was – wie womöglich im Falle des Khomeini-Videos – nur ein schlechter Scherz?iese Böhmermann-Affäre wirkt bis heute nach, auch im NRW-Forum. Das Düsseldorfer Ausstellungshaus, das die erste Schau aus den Händen Jan Böhmermanns und seiner Kreativschmiede bildundtonfabrik (btf) präsentiert, fährt die Sicherheitsvorkehrungen massiv hoch, wenn der Satiriker zu Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellungen im Haus ist – er gilt nach wie vor als bedroht.

Dabei ist auch ohne Anwesenheit Böhmermanns in der übersichtlich großen Schau klar: Die Ausstellungsmacher sehen in ihrer tiefschwarzen Bestandsaufnahme des bundesdeutschen Status quo dieses unseres „Deuscthland“ (mit absichtlichem Schreibfehler) als bedroht an. Als Werbung für die Schau fungiert ein Schwarz-Weiß-Foto, das eine bekannte Szene der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen samt eingenässter Jogginghose und Hitlergruß nachstellt. Es steht symptomatisch für die ganze Ausstellung: Wer Böhmermann und sein Werk kennt – und weiß, dass er für die Verbreitung des Originalfotos im Internet vom Fotografen abgemahnt wurde, hat mehr von der Düsseldorfer Ausstellung. Alle anderen können in dem Motiv immerhin noch das Stereotyp des hässlichen Deutschen erkennen und liegen damit auch nicht falsch.

Drinnen arbeiten sich Böhmermann und sein Team an den gesellschaftlichen Brüchen unserer Gesellschaft ab – und auch an seiner „Schmähkritik“-Affäre, passenderweise in einem Bereich mit Titel „Rechtsfreier Raum“ benannten Bereich. Dort an der Wand zu sehen: Etwa die Häme, die ein Kommentator der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit Furor zu jeder neuen Entwicklung des Skandals und des folgenden Prozesses über Böhmermann ausgoss, außerdem Textprotokolle mit geschwärzten Stellen und genaue Verzeichnisse der erlaubten und der verbotenen Passagen.

Dabei sind nahezu alle anderen Exponate der Ausstellung weit interessanter – auch, weil sie immer wieder Frage aufwerfen, was wohl dokumentarisch/authentisch ist, und was reine Fiktion. Wie steht es etwa um das Schreiben vom Bundeskanzleramt, das die Überlassung der berühmten Wanderkleidung der Kanzlerin ankündigt? Direkt gegenüber jedenfalls ist das Merkel-Outdoor-Outfit hinter Glas einer Puppe angezogen, daneben dokumentieren Paparazzi-Fotos die Treue der Kanzlerin zur Wohlfühlklamotte. Und davor, ganz Museumspädagogik 1.5, stehen Muster der Kleidung als Anfass-Objekt zum Testen bereit. Ein zum Fetisch geronnener Personenkult, der seinen Höhepunkt in den Ölschinken findet, die in realistischer Altmeistermanier die Kanzlerin im Kreise ihrer Parteifreunde oder in der strahlenden Begegnung mit ihren Lieblingsverlegern Burda und Springer abbilden. Ein „Making of“-Buch hinter Glas zeigt Böhmermann im Malerkittel beim Pinseln der Werke – erfundener Künstlerkult zum behaupteten Personenkult, das hat etwas irgendwo zwischen feinsinniger Satire und Denunzierung des Kunstbetriebes.

Außerdem darf in der Schau darf, GroKo-Verhandlungen hin oder her schon wieder gewählt werden: Eine Reihe von Kabinen animiert die Besucher, Stellung zu beziehen – allerdings, ohne die wirkliche Frage zu kennen. Man entscheidet also, ob man für Karriere oder für Kinder ist, für Palästina oder für Israel. Graustufen zwischen den unversöhnlich gesetzten Meinungspolen sind nicht zugelassen, die getroffene Wahl wird per Kamera an die Museumswand projiziert: ein überraschend treffender Kommentar zur inhaltlich extrem verkürzten öffentlichen Diskussion zu den jeweiligen Themen.

Keine Überraschung mehr ist nach der vergangenen Sondersendung des „Neo Magazin Royale“ der „Reichspark“, dessen Modell zentral in der Schau aufgestellt ist. Mit Virtual-Reality-Brillen können je zwei Besucher eine sechsminütige Reise durch das fiktive Monsterprojekt erleben, in dem man die Schlacht um Stalingrad, das alte Berlin, die Dresdner Bombennacht und Hitlers Freitag im Berliner Führerhauptquartier wie in einer gigantischen computersimulierten Geisterbahn erlebt – weiche Knie durch die sinnestäuschenden Rundumeffekte inklusive.

Jüngere Ausstellungsbesucher, die im Publikum dank Böhmermanns Popularität stark vertreten sind, kennen solche Virtual-Reality-Effekte möglicherweise schon von Computerspielen – für das gesetztere Museumspublikum sind sie hingegen meist „Neuland“ – wie Angela Merkel 2013 das Internet zur Schadenfreude jüngerer Netznativer definierte. Den damit geprägten Spottbegriff hinterfragt wiederum die Installation „Neuland“ in der Ausstellung: Auf einem alten Tintenstrahldrucker werden die aktuellen Twitter-Nachrichten von Tausenden politischen und institutionellen Amts- und Würdenträgern ausgedruckt. Der Papierberg, der dem Druckungetüm entspringt, enthält bei genauerem Hinsehen zumeist Belangloses, das in der jeweiligen Meinungs- und Parteienblase herumgereicht wird: Ein „Neuland“, das vor allem mit sich selbst und mit selbstverliebter Bauchnabelschau beschäftigt ist.

Drastische Ernsthaftigkeit

Wer die Ausstellung ernst nehmen will, kann ihren einzelnen Exponaten, die laut Böhmermann „links und rechts runtergefallen sind auf der Hobelbank“ einen erstaunlich gelungenen Medienwechsel vom Fernsehen in die bildende Kunst und ihren Museumsbetrieb attestieren. Wobei nicht auszuschließen ist, dass interessierte Besucher und Rezensenten bei nächstbester Gelegenheit als gutgläubige Kultur-Gutmenschen vorgeführt werden könnten – aber das ist in einer Zeit, in der Ironie nur noch anhand eines zwinkernden Emotions-Emoticons hinter den Aussagen zu erkennen ist, eben auch nicht mehr zu verhindern. Seit Hape Kerkelings „Hurz!“-Liedvortrag 1992 vor kunstbeflissenem Publikum muss selbiges stets damit rechnen, zur Not über sich selbst lachen zu können. Die Drastik, mit der Böhmermann und Co. aber ins politische Zeitgeschehen grätschen, lässt auf Ernsthaftigkeit hoffen – es bleibt spannend. Schließlich wird dieses Team im kommenden Jahr vom ZDF angeblich endlich aus dem Nacht- und Nischengetto geholt.

Bis zum 4. Februar Di. bis Do. 11 bis 18 Uhr, Fr. 11 bis 21 Uhr, Sa. 10 bis 21 Uhr, So. 10 bis 18 Uhr, Infos unter www.nrw-forum.de

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