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Koblenz

Institution vor Generationswechsel: Koblenzer Kulturfabrik verjüngt sich radikal

Melanie Schröder

Was genau ist die Kulturfabrik? Die Antwort ist so schnell gefunden, wie sie unpräzise ist: eine lokale Kulturinstitution mit dem Schwerpunkt Jugendtheater in Koblenz-Lützel. Das klingt durchaus vage. Und genau deshalb soll die Profilschärfung künftig zum Aufgabenschwerpunkt des traditionsreichen Hauses werden – ein Leitbild soll ideell und inhaltlich für mehr Wiedererkennungswert sorgen, so die Idee. Die Weichen wurden jetzt gestellt.

In der Kulturfabrik Koblenz steht ein Generationswechsel an. Foto: Julia Berlin <br>
In der Kulturfabrik Koblenz steht ein Generationswechsel an.
Foto: Julia Berlin

Der gesamte Gesellschafterkreis, der seit 1996 im Amt ist und dem Dieter Servatius all die Jahre als Geschäftsführer vorstand, übergibt an die nächste Generation – fast in Gänze. 18 von 20 Gesellschaftern haben sich zurückgezogen, ihr Ehrenamt teils an ihre Kinder, teils an Freunde der Kufa übergeben. Der Altersdurchschnitt des Gremiums hat sich so mit einem Schlag um 28 Jahre verringert.
„Dieser Schritt war notwendig“, sagt der scheidende Geschäftsführer Dieter Servatius. Die „radikale Verjüngung“ soll die Kufa für die Zukunft aufstellen. Denn: „Man hat als älteres Semester gewisse kulturelle Vorstellungen, die man ungern loslässt“, reflektiert der 81-Jährige seine Rolle als Geschäftsführer mit Bedacht. Und freut sich, dass den Jüngeren nun die Erneuerung und Zuspitzung thematischer Art ermöglicht wird.


Neuer Geschäftsführer fürs Haus
Als Geschäftsführer folgt ihm ein Kufa-Kenner nach: Seit 2010 ist Ralph Fischer dem Haus verbunden. Damals stieß er zum Gesellschafterkreis, obwohl er eigentlich kein Mann der Kultur ist. Das gibt der studierte Bauingenieur zu, der hauptberuflich die Sektkellerei Sartor leitet. In der Kufa will er künftig Prozesse steuern und koordinieren, die inhaltliche Ausrichtung soll nach wie vor in den Händen des Kulturbüros liegen – mit Christina Zirngibl als Kufa-Managerin an der Spitze.
„Derzeit sind wir mitten im Meinungsprozess. Die erste konstituierende Sitzung hat bereits gezeigt: Der Wille, sich mit Ideen einzubringen, ist bei den neuen Gesellschaftern sehr präsent“, sagt Fischer. Entsprechend werden alte Strukturen aufgebrochen: Tagten die Gesellschafter in der Vergangenheit einmal im Jahr, sollen sie künftig viermal jährlich zusammenkommen. Die Identifikation mit dem Kulturort zu erhöhen, ist ein erklärtes Ziel. Zudem soll ein Kulturausschuss begründet werden, der ebenfalls vierteljährlich tagen und dem Kulturbüro inhaltlich zuarbeiten soll. „Früher haben sich die Gesellschafter als Kapitalgeber verstanden“, sagt Fischer. Jetzt sei ein Gestaltungswille spürbar.
Über diesen freut sich besonders Christina Zirngibl. Die Kufa-Managerin verspricht sich viel von der anstehenden Zeitenwende: „Ich erhoffe mir eine Profilierung, sodass wir nicht ins Schwimmen geraten, was inhaltlich zu uns passen könnte oder nicht.“ Ein formuliertes Leitbild, was die Frage beantwortet „Die Kufa ist ...“ sei dafür notwendig. „Programmpunkte sollen in eine größere Idee eingebunden sein. Bisher haben wir auch oft Bauchentscheidungen getroffen – lohnt sich das, hat das Erfolg? In Zeiten zunehmender Konkurrenz und Nischenbildung müssen wir stärker sehen, was unser roter Faden ist.“ Zwar benutzt Zirngibl den Begriff nicht gern, er fällt aber doch in Bezug auf die bisherige breit gestreute Programmvielfalt – „Gemischtwarenladen“. Für die Zukunft wünscht sie sich, zielorientierter zu arbeiten, um den „Programmschwerpunkt für das 21. Jahrhundert zu finden“.


Anspruch und Wirklichkeit
Soziokultur ist dabei das Thema, das der Kufa eingeschrieben ist – nach wie vor. „Es gibt ja den formulierten Wunsch, dass wir noch mehr zum soziokulturellen Zentrum werden. Aber da wohnen zwei Seelen in einer Brust“, erklärt Zirngibl. „Soziokultur ist immer der Bereich mit dem geringsten finanziellen Ertrag. Das heißt, es wird auch Aufgabe des Kulturausschusses sein, weitere Finanzierungsquellen aufzutun.“ Und Servatius gibt zu bedenken: „Man muss berücksichtigen, dass wir seit 1996 keine Zuschusserhöhung bekommen haben – weder von der Stadt noch vom Land. Jetzt erwartet das Kulturamt von uns, dass wir verstärkt Sozialarbeit in Lützel machen, aber das können wir nicht finanzieren, da müsste eine Erhöhung stattfinden.“ Beziehungsweise gezielte Projektförderung, hakt Fischer ein.
Der neue Geschäftsführer betont, dass sich die Kufa nicht gänzlich neu erfinden muss: Kernkompetenzen wie das Jugendtheater, Workshopangebote wie Theater(er)leben oder Formate wie das Familienfrühstück sollen erhalten bleiben. Wie viel Luft nach oben ist, sollen neue Ideen ausloten. Eben mithilfe des neuen Kulturausschusses, dessen Eigeninitiative für Fischer nicht selbstverständlich ist.
Schließlich sind alle Neugesellschafter berufstätig. Ihre Ambitionen für die Kufa sind rein ehrenamtlicher Natur. Auch für Fischer selbst. Deshalb sei die Übernahme der Geschäftsführung auch kein Selbstläufer gewesen. Eineinhalb Jahre haben er und Servatius nach einem Nachfolger gesucht – doch das Interesse blieb verhalten. „Auch ich bin nicht wenig beschäftigt“, sagt Fischer. Dass es künftig zu einer Doppelspitze auf Geschäftsführerebene kommt, hält er für nicht unwahrscheinlich.

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

Kulturfabrik: Von Pioniergeist und Engagement getragen

Koblenz. Also wieder eine Art Generationenwechsel in der Koblenzer Kulturfabrik (Kufa). Und vielleicht auch ein Kulturwechsel. Wie schon einmal vor 22 Jahren. Damals kreuzten sich dort zwei ganz verschiedene Entwicklungslinien freier Kultur in der Stadt, reichte eine Linie die Verantwortung für die Kufa an eine andere weiter. Die Wurzeln beider gehen auf die Wende von den 1970ern zu den 80ern zurück.

Untrennbar mit der Geschichte der Kulturfabrik verbunden: Der langjährige Geschäftsführer Dieter Servatius (von links), Programmmanagerin Christina Zirngibl und der neue Geschäftsführer Ralph Fischer. ⋌Foto: M. Schröder​
Untrennbar mit der Geschichte der Kulturfabrik verbunden: Der langjährige Geschäftsführer Dieter Servatius (von links), Programmmanagerin Christina Zirngibl und der neue Geschäftsführer Ralph Fischer. ⋌
Foto: M. Schröder​

Einerseits waren da freischaffende Künstler um das Tanztheater Regenbogen. Sie richteten unter großen Mühen das ungenutzte alte Fabrikgebäude her, entwickelten es zum alternativen Kulturzentrum mit Kneipe, Arbeitsstudios und Wohnräumen, mit Theatersaal für das Regenbogen-Ensemble und Kleinkunstgastspiele. Auf der anderen Seite war da das Schülertheater am Max-von-Laue-Gymnasium, damals vom Deutschlehrer Dieter Servatius initiiert, dann mit seinem Musikkollegen Uli Adomeit vorangetrieben. Es war der Humus, auf dem die Idee für das Koblenzer Jugendtheater keimte, das Servatius 1991 gründete.

Im Kulturzentrum, das die Regenbogengruppe um Doris Schaefer, Arno Alderath und Barbara Pietjou geschaffen hatte, fand das Jugendtheater seine Heimstatt. Damit gehört es zu einem der vielen bereichernden Momente der Kultur, die von der Kufa ihren Ausgang nahmen. Etwa der Kinderzirkus Bambini, aus dem die Jugendkunstwerkstatt hervorging. Oder ein Tanztheaterfestival, das zum Ausgangspunkt für den „Festivalstern Jugendtheater“ des rheinland-pfälzischen Kultursommers wurde. Oder das Kulturbüro Rheinland-Pfalz, das heute von Lahnstein aus unter anderem zahlreiche Jugendliche im freiwilligen sozialen Jahr betreut. Oder: Es ging von der Kufa als einem der ersten soziokulturellen Zentren im Bundesland der Zündfunke aus für ähnliche Einrichtungen andernorts; so standen Kufa-Leute den Trierern zur Seite beim Aufbau der dortigen Tufa, der Tuchfabrik.

1996 machte sich Endzeitstimmung breit in der Kufa. Kürzung des städtischen Zuschusses, zugespitzte Finanzkrise, Sanierungsstau im Gebäude, Differenzen innerhalb der ersten Betreibergeneration: Rund 16 Jahre nach ihrer Gründung stand die Kufa vor dem Aus. Und: Das Jugendtheater drohte sein Domizil zu verlieren. Um das zu vermeiden, fädelten Dieter Servatius und Ulrich Hoppenheit von der Sparkasse Koblenz als einem der Hauptsponsoren des Jugendtheaters einen Coup ein: Sie einigten sich mit den drei bisherigen Gesellschaftern Schaefer, Pietjou und Alderath auf die Übernahme der Kufa-GmbH durch eine Gruppe aus Koblenzer Bürgern.

Servatius und Hoppenheit überzeugten rund 20 Lehrer, Juristen, Geschäftsleute, mit je 5000 Mark Einlage als Neugesellschafter mitzumachen. Nun mit kundigem Rat von Finanzfachmann, Steuerberater, Anwalt ausgestattet sowie mit Unterstützung von Handwerk, Handel und auch wieder der Kulturpolitik, hieß es in der Kufa: Neustart. Generalsanierung von Kneipenfoyer und Theater wurden gestemmt, die Probensituation fürs Jugendtheater optimiert, die Vermietung der Obergeschosse intensiviert, neue Veranstaltungsprogramme aufgelegt ... Denn die Kufa musste sich auch rechnen, die je 70.000 Euro Zuschuss von Stadt und Land reichen bei Weitem nicht. Mieten, Eintritts- und Bewirtungseinnahmen waren und sind weiter unverzichtbar.

Der Übergang 1996 verlief im Spannungsgeflecht zwischen altem und neuem Hausherrn sowie Kulturpolitik durchaus nicht konfliktfrei. Er bedeutete zwar die Rettung der Kufa, wurde indes von der freien Szene misstrauisch beäugt. Denn dort empfand man die neue Lösung zugleich als Kulturbruch: Was als Ausdruck alternativer Kulturbewegung begonnen hatte, nahmen nun etablierte bürgerliche Kräfte in die Hand. Das Ende einer Ära? Das Scheitern einer Utopie?

22 Jahre später muss man die Sache so sehen: Ohne den Mut und den Pioniergeist der Kufa-Gründer hätte es dieses Kulturzentrum nie gegeben; ohne das Engagement des nachherigen Gesellschafterkreises um Dieter Servatius würde es die Kufa längst nicht mehr geben. Insofern übernimmt die jetzt neue Generation von Gesellschaftern ein wichtiges Erbe, das auf Basis der Verbindung zweier Traditionslinien fortentwickelt werden kann: hier das Jugendtheater, da die unkonventionelle Experimentierfreude der Alternativkultur.

Von unserem Autor Andreas Pecht

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