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Koblenz

Eva Mattes liest Elena Ferrante: Mit einer warmen Stimme durch Jahrzehnte

Anke Mersmann

Gerade vor ein paar Tagen erst ist Eva Mattes beim Deutschen Hörbuchpreis gewürdigt worden: Die Schauspielerin, Autorin und Sprecherin erhielt den „Sonderpreis Lebenswerk“ für ihr langjähriges und herausragendes Schaffen. Die Jury lobte: „Ihre Stimme gibt dem Text Klang und den Figuren einen Körper.“ Treffender lässt sich die Wirkung kaum beschreiben, die sich einstellt, wenn Mattes Texte liest. Sei es in Hörbüchern, sei es live vor Publikum, wie Koblenzer Literaturfans jetzt erfahren durften: Mattes eröffnete am Sonntag das Koblenzer Literaturfestival „Ganz Ohr“ während einer Matinee im Theater Koblenz. Sie las aus Elena Ferrantes erfolgreicher neapolitanischer Saga – und dies in einer sehr präsenten und doch ganz zurückgenommen Weise.

Schauspielerin Eva Mattes hat die Koblenzer Literaturtage „Ganz Ohr“ eröffnet. Sie las im Theater Koblenz aus der neapolitanischen Saga der Autorin Elena Ferrantes.  Foto: Sascha Ditscher
Schauspielerin Eva Mattes hat die Koblenzer Literaturtage „Ganz Ohr“ eröffnet. Sie las im Theater Koblenz aus der neapolitanischen Saga der Autorin Elena Ferrantes.
Foto: Sascha Ditscher

Sie zeigt: Es geht hier in diesen eineinhalb Stunden nicht um die Person Eva Mattes, um die 63-jährige Prominente, die Schauspielerin, die zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Films gehört. Es ist einzig und allein ihre Stimme, die zählt. Diese Wärme in ihr, dieser Tonfall, der ruhig und doch klangvoll ist, und in dem sie das Publikum im Großen Haus von ihrem Lesepult auf der Bühne fast schon umarmt, umhüllt. Das ist wohliges Zuhören in Reinform.

Bemerkenswert komprimiert

Dafür sorgt Mattes von der ersten Sekunde an, in der sie sich ihre Lesebrille aufsetzt, ins Publikum lächelt und zur Textvorlage greift: Sie liest. Und sie bricht durch nichts mit dieser Aufgabe. Weder lenkt sie mit einem Hallo zur Begrüßung ab noch stoppt sie im Lesefluss, um die ausgewählten Textstellen zu erklären. Das ist wirklich bemerkenswert. Schließlich komprimiert Mattes eine mehr als 2000-seitige, in vier Romanen erzählte Geschichte über die Freundinnen Elena und Lila. Diese beginnt in der Jugend der beiden in den Nachkriegsjahren in Neapel und reicht bis ins 21. Jahrhundert hinein, in die reifen Jahre der beiden. Entsprechend komplex und reich an Figuren ist die Handlung.

Diesen episch erzählten, vierbändigen Romanzyklus in vier Ausschnitten so zusammenzufassen – einer pro Roman –, dass selbst Zuhörer, die keines der Bücher gelesen haben, einen roten Faden zu greifen bekommen und eine Vorstellung der Figuren entwickeln, ist eine feinsinnige, geschickte Leistung. Eva Mattes gelingt genau dies. Jegliche Erklärungen ihrerseits sind überflüssig, sie nimmt ihre Zuhörer lieber mit in die Jugendjahre von Elena und Lila, zu einer Episode in der Schule, in der die tiefe Zuneigung, aber auch der stete Konkurrenzkampf zwischen den so unterschiedlichen Mädchen deutlich wird. Beides zieht sich über Jahrzehnte, wie Eva Mattes ihren Zuhörern mit ihrer warmen Stimme erzählt.

Die geschickt ausgewählten Textpassagen zeugen davon, wie tief Mattes die Ferrante-Saga durchdrungen hat: Sie hat die Hörbücher zu allen vier Romanen eingesprochen und sich damit in Ohren und Herzen von Abertausenden von Ferrante-Fans gelesen. Die Hörbücher der Saga sind beliebt, auf Lesungen leiht Mattes der italienischen Autorin Elena Ferrante hierzulande ihre Stimme. Die Autorin selbst steht für keine Lesungen zur Verfügung, sie lebt lieber abseits der Öffentlichkeit. Eva Mattes aber ihrer Popularität dank der Saga einen zusätzlichen Schub gegeben.

Sie war zuletzt mehr als Sprecherin und Vorleserin zu hören denn als Schauspielerin vor der Kamera zu sehen, seit der „Tatort“ aus Konstanz nicht mehr läuft. 2016 wurde die letzte Folge ausgestrahlt. Mattes spielte die Kommissarin Klara Blum, 14 Jahre lang gehörte diese Rolle zu ihrem Leben. Ihren Namen hatte sie als Schauspielerin wohlgemerkt schon viel früher bekannt gemacht. Durch das Theater, vor allem aber, weil sie in den 70er-Jahren mit wichtigen, namhaften Regisseuren wie Peter Zadek, Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog zusammenarbeitete.

Mehr als 100 Hörbücher

Inzwischen haben es der Künstlerin Hörbuchproduktionen angetan, mehr als 100 hat sie inzwischen mit ihrer warmen Stimme eingesprochen. Die verstummt im Theater Koblenz nur dann, wenn Eva Mattes nach jeder Textpassage Raum für Musik lässt. Das Calamus Reed Quintet spielt, bestehend aus Mitgliedern des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie und Nico Wouterse. Der gehört zum Ensemble des Musiktheaters am Theater Koblenz, ist Bassbariton, aber eben auch ein ausgezeichneter Saxofonist. Gepaart mit Oboe, Klarinette, Bassklarinette und Fagott trägt sein Instrument einen gewitzten, vielschichtigen beschwingten und atmosphärisch zur Lesung passenden Klang ins Theater – Uraufführung inklusive: „Drei englische Tänze“ von Christopher Meux. Wie die Zuhörer des voll besetzen Theaters Koblenz hört Eva Mattes dem spielfreudigen Quintett aufmerksam zu, bevor wiederum sie das Wort – die Worte Elena Ferrantes – ergreift und das Publikum wieder mit ihrer warmen Stimme ummantelt.

Die Jury des Deutschen Hörbuchpreises, die Mattes Sonderpreis für das Lebenswerk zusprach, urteilte übrigens noch: „Wer Eva Mattes einmal gehört hat, wird sie in Erinnerung behalten.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

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