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Perspektiven auf die heutige Männlichkeit: Der schöne Mann

Wolfgang M. Schmitt

Der Besuch eines beliebigen Drogeriemarktes beweist es: Der Mann von heute ist ein anderer als der von gestern und vorgestern. Der Mann von heute soll und will schön sein. Anti-Falten-Cremes für Tag und Nacht, Hyaluronsalben zum Aufpolstern der Augenpartien, Lippenbalsam, Aloe-Vera-Masken, Conditioner für den Vollbart, Pflegespülung für die Haare – die Produktpalette für den Mann wächst kontinuierlich. Und Männer, die zur Kosmetik oder Maniküre gehen, sind keine Seltenheit.

Der Mann von heuteIn einer Serie haben wir das Thema Mann und Männlichkeit in der Gegenwart beleuchtet – alle Teile finden Sie unter www.rhein-zeitung.de/kulturTeil 1: Der verunsicherte MannTeil 2: Der schöne MannTeil 3: Der schwule MannTeil 4: Der zornige MannTeil 5: Der tugendhafte Mann
Der Mann von heuteIn einer Serie haben wir das Thema Mann und Männlichkeit in der Gegenwart beleuchtet – alle Teile finden Sie unter www.rhein-zeitung.de/kulturTeil 1: Der verunsicherte MannTeil 2: Der schöne MannTeil 3: Der schwule MannTeil 4: Der zornige MannTeil 5: Der tugendhafte Mann

Gewiss, schon immer war das Aussehen eines Mannes wichtig – die Literatur der vergangenen Jahrhunderte beschreibt viele starke, stolze, attraktive, elegante Herren. Dass ein Mann jedoch als „schön“ bezeichnet wird, war eher ungewöhnlich. Das Attribut blieb den Frauen vorbehalten. Einzig homosexuelle Literaten feierten den schönen Mann – wenn auch mehr den naturschönen als den kosmetisch aufgehübschten. „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben“, klagte August von Platen in seinem Gedicht „Tristan“ von 1825. Und der Dandy Oscar Wilde setzte 1890 der männlichen Schönheit mit seinem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ ein Denkmal.

Der junge Dorian Gray geht einen teuflischen Pakt ein: Während sein Ölporträt altert, bleibt Dorian ewig jung und schön. Mehrmals wurde der Stoff verfilmt, doch nur einmal mit einer Idealbesetzung: 1970 spielte Helmut Berger die Titelfigur – Berger war es auch, der als erster Mann das Titelblatt der Modezeitschrift „Vogue“ zierte und als der „schönste Mann der Welt“ galt. Heutzutage wird dieser Titel inflationär häufig vergeben, damals aber war ein „schöner“ Mann etwas Neues. „Was ein Mann schöner is' wie ein Aff', is' ein Luxus“, ließ Friedrich Torberg einst seine Tante Jolesch sagen.

So ist es nicht verwunderlich, dass Dorian Grays Schönheit von der Damenwelt gar nicht wahrgenommen wird. „Frauen haben keinen Sinn für Schönheit, wenigstens gute Frauen nicht“, erklärt ein Herr im Roman. Stattdessen würden Frauen von der „edlen Seele“ eines Mannes sprechen.

Heute ist das sicherlich nicht mehr haltbar. Ausschlaggebend dafür ist der Wandel der Geschlechterrollen. Im Zuge der Emanzipation haben sich die Anforderungen an Frauen und Männer gewandelt. Ein Blick auf die Heimatfilme der 1950er-Jahre lässt das erkennen: Darin war es selbstverständlich, dass der 50-jährige, grau melierte Herr (Rudolf Prack) mit hohem gesellschaftlichen Status die gerade volljährig gewordene Winzertochter (Sonja Ziemann) heiratet.

Beim Mann zählte das ökonomische und soziale Kapital. Hollywooddiva Zsa Zsa Gabor stellte einst klar: „Ein Mann mit einem großen Bankkonto kann gar nicht hässlich sein.“ Das mag auf Superreiche noch immer zutreffen, doch inzwischen sind Frauen finanziell unabhängiger, auch wenn es noch Lohnunterschiede gibt. Jetzt greift auch der Mann nach dem ästhetischen Kapital, während sich Frauen nicht mehr darauf reduzieren lassen wollen.

Der Soziologe Otto Penz hat in seiner Studie „Schönheit als Praxis“ (Campus-Verlag) die Schönheitspraktiken von Frauen und Männern untersucht und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen: „Alle Befragten, Frauen wie Männer, verweisen unisono auf das berufliche Umfeld als wichtigen Bezugspunkt für die Schönheitspflege“, heißt es.

Im Arbeitermilieu werde nach wie vor ein traditionelles Männerbild geschätzt, während die Frauen dieses Milieus viel Zeit und Geld in ihre Schönheit investieren. Interessant ist aber, „dass mit steigender Klassenlage die Schönheitspraxen der Frauen und Männer konvergieren: Die Schönheitshandlungen der Frauen nehmen tendenziell ab, jene der Männer zu. In der oberen Klasse bildet sich damit eine Art ‚androgyner‘ Männertypus aus.“ Bei Frauen hingegen werden mit steigender Berufsposition „professionelles Wissen und Führungskompetenzen wichtiger“. Die soziale Vorherrschaft der Männer ist in der oberen Klasse im Schwinden begriffen, „bedingt durch die hohe Bildung und wirtschaftliche Autonomie der Frauen“. Damit wächst aber die Bedeutung männlicher Körperpflege.

Je erfolgreicher Frauen sind, desto mehr arbeiten Männer an ihrer Schönheit. „Der Machtverlust der Männer auf partnerschaftlichem Gebiet zeigt sich mit einem Wort in einer Art ‚Feminisierung‘ der Handlungsweisen, darin, dass nunmehr auch Männer als hässlich empfundene Körperbehaarung entfernen, der schlanken Linie wegen Diät halten oder chirurgische Eingriffe nachfragen.“

Der Mann von heute

Unser ReporterWolfgang M. Schmitt beleuchtet in einer fünfteiligen Serie das Thema Mann und Männlichkeit in der Gegenwart.

Folgende Teile erwarten Sie:

  • Teil 1: Der verunsicherte Mann
  • Teil 2: Der schöne Mann
  • Teil 3: Der schwule Mann
  • Teil 4: Der zornige Mann
  • Teil 5: Der tugendhafte Mann

Das bedeutet nicht, dass Männer weiblich wirken wollen, im Gegenteil, es geht darum, „Männlichkeit gekonnt in Szene zu setzen“. Männer geben das nur ungern zu. Sie betonen lieber, dass für sie Fitness und Gesundheit zählen. Das deckt sich damit, wie sich junge Männer auf der Internet-Fotoplattform Instagram inszenieren. Unter Schlagworten wie #fitness oder #healthy posieren muskulöse Männer mit freiem Oberkörper und porentief gereinigten Gesichtern um die Wette. In den Kommentarspalten wird die Schönheit der Männer gepriesen – von weiblichen wie männlichen Bewunderern, wobei Letztere ihr Kompliment häufig mit dem Schlagwort #nohomo versehen, um klarzustellen, dass sie keinesfalls für schwul gehalten werden wollen.

Die Angst vor dem Vorwurf der Verweiblichung stellte auch Penz in seinen Interviews fest. Hier zeigt er sich wieder: Der verunsicherte Mann, der seine neue Rolle noch nicht richtig einstudiert hat. Besonders durch das Erscheinen des – von David Beckham etablierten – metrosexuellen Mannes ist die Sorge, für homosexuell gehalten zu werden, ständig spürbar. Dabei wird das Klischee der effeminierten Homosexuellen heraufbeschworen, von dem sich die Heterosexuellen durch eine ausgeprägte Maskulinität glauben absetzen zu können. Ein Trugschluss, ist doch der Trend zu mehr Gesichts- und Sonstwobehaarung in der urbanen Schwulenszene entstanden, ehe Heterosexuelle ihn nachahmten. Trotz aller Ängste wird die Schönheit des Mannes mit der fortschreitenden Emanzipation noch wichtiger werden. Ein Glück für die Frauen.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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