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Koblenz

Auf Überziehern beim Tag der Architektur

Claus Ambrosius

Sonntagnachmittag, kurz vor halb fünf, letzte Chance, beim diesjährigen Tag der Architektur noch das spektakuläre Wohnhaus am Neuendorfer Rheinufer mitzunehmen. Ein selbstbewusstes Sechsfamilienhaus, das mit seinen großen Fensterflächen natürlich die Frage aufwirft: Wie mag da der Ausblick wohl sein?

Glück gehabt, das verantwortliche Architekturbüro hat sogar noch in den letzten Minuten Nerven für Interessierte: „Am besten schnell rein, mit dem Aufzug hoch, Überzieher drauf und an die Führung anschließen!“, winkt ein Mitarbeiter durch ins Innere. Und schon ist der Rheinblick vergessen, denn schon hier kann man große Augen machen: Sichtbeton im Treppenhaus, schlicht und edel ist das alles – auch der Aufzug, der ganz hinauf in den fünften Stock führt.

Vor der Wohnungstür bläht sich ein großer Müllsack, gefüllt mit Dutzenden benutzter Plastiküberziehern für die Straßenschuhe: Das Haus war offenbar eine ziemliche Attraktion beim Aktionswochenende der Architektenkammer, das Jahr für Jahr in ausgewählte Neubauten einlädt. Sicher ist sicher, her mit einem Paar frischer Überzieher: Zwar ist die Wohnung noch unbewohnt – aber sie soll natürlich bis zum Einzug ihres Besitzers mackenfrei bleiben, wie sie es vor dem Tag der Architektur war.

Ein Fall für „Oh!“ und „Ah!“

Drinnen führt Asker Mogulkoc, Architekt und gemeinsam mit Holger Zimmermann Geschäftsführer des Büros Mplus Architekten in Lützel, durch die großzügige Dachwohnung. Und die bunt gemischten Besucher, die ihm im Gänsemarsch durch das über zwei Geschosshöhen reichende Zimmer zum Rhein zur Treppe hoch unters Dach folgen, sparen nicht mit „Oh!“ und „Ah!“.

Da ist er, der Ausblick. Besser gesagt, da sind sie, die Ausblicke. Den Rhein hatte man ja erwartet, netterweise zeigt er sich zum Tag der Architektur auch mal nicht in seiner schlammigen Farbpalette. Und: Ja, mit dieser Fensterfläche ist das wirklich eine Menge Rhein, die man aus dieser Wohnung und den anderen fünf der Anlagen stromabwärts fließen sieht. Aber noch überraschender ist eigentlich der ausgesprochen nette Ausblick, den man von der großzügigen und nicht einsehbaren Dachterrasse über Neuendorf hat – und seitlich ist mit dem Blick auf die Festung Ehrenbreitstein das Panoptikum möglicher Koblenzer Edelpanoramen komplett.

Während sich die Besucher für die schönen Bäder begeistern oder andächtig überlegen, wie sie den begehbaren Kleiderschrank wohl einrichten würden, wird mit dem Architekten heftig gefachsimpelt: Befreundete Architekten und ein Statiker sind gekommen, um sich das viel diskutierte Haus einmal selbst anzusehen. Denn die Anlage, erzählt Asker Mogulkoc, war durchaus nicht unumstritten: Schon bevor die Baukräne anrückten, gab es in Neuendorf durchaus Kritik am Neubauvorhaben, die sich auch in Leserbriefen niederschlug.

Da hilft vor allem: Transparenz. Und so luden die Mplus Architekten mehr als ein Dutzend Kritiker ein, um über das Sechsfamilienhaus zu informieren. Etwa über die Überlegungen für die Planung: „Hier stand vorher eine Gastwirtschaft mit Kegelbahn, wir sind mit dem Denkmalamt hineingegangen, um zu sehen, was zu erhalten ist“, erinnert sich der Architekt. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: nichts. Unzählige An- und Umbauten hatten nichts Erhaltenswertes hinterlassen, zahlreiche Hochwasserstände taten ihr Übriges hinzu. Das Urteil der Fachleute: Das Haus war „abgängig“, im Architektenjargon das Todesurteil für ein Bauwerk.

Für den Neubau traten die Architekten mit dem Ehrgeiz an, Beziehungen zur gewachsenen Architektur der Umgebung aufzubauen: So gesehen, passt der Neubau besser an diese Stelle als sein Vorgänger. Denn mit den beiden nach vorn weisenden markanten Giebeln wirkt das Gebäude nicht nur weit weniger massiv, sondern zitiert auch deutlich die Giebelständigkeit der vielen benachbarten Flößerhäuser. Wohlgemerkt: Das ist Ausdruck eines architektonischen Gestaltungswillens – rein theoretisch hätte man auch einen in Koblenz allzu häufig anzutreffenden Kasten bis zur maximalen Höhe hinsetzen können, mit dem mehr Wohnfläche und somit mehr Verkaufsgewinn zu erzielen gewesen wären – der aber das Rheinufer auf Jahrzehnte hin nicht gerade verschönert hätte.

Mit solchen Informationen versorgt, machte der Unmut gegenüber dem Neubau bald einem Interesse Platz, erzählt der Architekt. Sind die Giebel die eine, nicht zu übersehende Reminiszenz an das Ensemble, in dem das Haus heute steht, so kommt noch der Holzrahmenbau hinzu, in dem es über dem in Stahlbeton errichteten unteren Bereich gebaut wurde: „Im Grunde das gleiche Baumaterial, wie es seit Jahrhunderten benutzt wird – nur in einer modernen Form.“ All das kam auf dem Markt gut an, von den sechs Wohnungen sind fünf verkauft.

Präsenz in der Region zeigen

Nun haben längst nicht alle Besucher beim Tag der Architektur entweder eine Kaufabsicht oder planen, demnächst selbst zu bauen. Worin besteht also das Interesse der Architekten, beim Aktionswochenende dabei zu sein? Für das Team von Mplus sicherlich auch, vor Ort Gesicht zu zeigen. Das Büro ist in der Region etwa mit Projekten wir dem Loftpark in Andernach oder dem Bürgerzentrum Lützel vertreten, aber stark auch in anderen Städten wie aktuell Pirmasens, Köln und Hamburg. Und: Auch der Tag der Architektur ist eine Gelegenheit, sowohl mit Kollegen, aber auch Anwohnern und anderen Bürgern ins Gespräch zu kommen.

So konnte sich Asker Mogulkoc über das große Interesse an dem Wohnhaus am Rheinufer freuen, stand aber auch kritischen Besuchern Rede und Antwort: „Vieles ist ja Geschmacksfrage. Der eine findet die Betonoptik im Treppenhaus ganz grandios, der andere findet es schrecklich.“ Geduld zum Erklären hat er jedenfalls reichlich mitgebracht, ist auch bei dieser letzten Führungsrunde noch sichtbar begeistert, wenn er kleine Gimmicks der Wohnung vorführt. Etwa den superpraktischen und noch dazu völlig unsichtbaren Stauraum in den Einbauschränken in der Treppe zum Dach, der auf allgemeine Begeisterung stößt – oder die in der Wohnung verbauten stilvollen Strahler, die einfach von Hand punktgenau auf Bilder an der Wand oder andere wichtige Punkte ausgerichtet werden können.

Über Interesse an solchen Feinheiten und Ausführungsdetails freut sich Mogulkoc: „Ja, das ist doch spannender als immer nur Fragen nach Quadratmetern und Kaufpreis.“ Leider können wir ihm diese aber zum Abschluss nicht ersparen: Mit rund 160 Quadratmetern kommt die Wohnung auf einen Preis von rund 610.000 Euro. Und somit auf einen Quadratmeterpreis von etwa 3800 Euro, die immer noch deutlich unter jenen liegen, die für andere Neubauprojekte in Koblenz gefordert werden. Aber was sind schon schnöde Zahlen? Der Rheinblick ist ohnehin unbezahlbar.

Claus Ambrosius

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