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Gefeiert wird in Berlin immer: Die ewige Party

Es gibt Promis in Berlin, die scheinen zeitlos zu sein. Und omnipräsent, das heißt, man sieht sie immer und überall, mit einem Glas Sekt in der Hand und lächelnd.

Rita Süssmuth von der CDU ist so eine Dame. Ich habe sie kennengelernt als etwas verhuschte Professorin von einer Pädagogischen Hochschule, das ist knapp 50 Jahre her. Dann war sie mal Rebellin gegen Helmut Kohl, den ewigen Pfälzer. Dann hat sie sich gegen die Immunschwächeseuche Aids ins Zeug gelegt. Und nun steht sie mit dem ehemaligen US-Botschafter John Kornblum auf dieser Party. "Lovely Rita, Meter Maid", summt jemand, "How Could I Do Without You?", ein Beatles-Song.

Der dicke Reiner Calmund, Vorgänger von Tante Käthe bei der Werkself Bayer Leverkusen, ist auch da. Und der Printen-Kaiser aus Aachen, Hermann Bühlbecker, wie immer sehr schlank mit sehr schlanker Begleiterin. An der Ecke stehen, so der Berliner Schnack, Oetti und Mappi, beide ehemalige Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg und beide nicht ganz rund aus dem Amt geschieden. Dazwischen schwirrt, wie ein aufgeschrecktes Huhn, die Mutter aller Talkmasterinnen, Sabine Christiansen, überraschend nüchtern übrigens, aber es ist ja noch früh.

Wir spielen Mäuschen auf einem Empfang eines süddeutschen Verlages, der ein Nachrichtenmagazin herausgibt. Die eigentliche Sensation ist der Organisator der Party, ein bejahrter Zeremonienmeister, der aus der Verbannung zurück ist. Der legendäre Manfred Schmidt ist wieder an Deck des Musikdampfers Berlin. Schmidt war das Zentrum von "Schnulli-Gate" (der "Stern" berichtete). So hatte er sich mit seinen Sponsoren aus der Industrie liebkost. Man titulierte sich höchst vertraulich als Ober- und Unter-Schnulli. Er hatte in diesem Geschäftsmodell vor vier Jahren den damals amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff mit in den Abgrund gerissen und war vorübergehend verschwunden.

Es war seinerzeit bei den Partys für Wulff und Oettinger nicht immer so ganz klar, wer die Zeche zahlte. Jedenfalls nicht die Herren Politiker. Der Hannoveraner Wulff galt als besonderer Laumann bei diesen Nord-Süd-Dialogen, auf denen er und Oettinger ihre neuen Partnerinnen zu präsentieren wussten. Regisseur der Seifenopern: Manfred Schmidt, der Partymacher aus Barcelona. Er hat mittlerweile sein Scherbengericht überstanden und legt mit der alten Truppe wieder los. Auch Wulffs früherer Sprecher ist da, der legendäre Olaf Glaeseker, der seinem byzantinischen Leib die unterschichtsorientierten Klamotten seines neuen Dienstherrn (Mode aus Braunschweig namens "New Yorker") antut, eine Peinlichkeit besonderer Art. Die Show muss weitergehen. Und sie geht weiter.

Foto: boule1301 – Foto

Was ist ein Scherbengericht? Schon mal das Wort "Ostrakismos" gehört? Das ist altgriechisch und kommt von "ostrakon", die Scherbe. Wenn ich im Westerwald meinen Garten umgrabe, stoße ich immer wieder auf die Überreste des Geschirrs meiner Vorbewohner. Kannenbäckerland, deine Schätze sind grau mit blauer Glasur, eine halbe Untertasse, der Henkel einer Tasse. Ich sammle das. Im antiken Athen hat man diese Scherben aufgehoben und als Notizzettel benutzt. Mit einem spitzen Gegenstand kann man Namen einritzen. Einmal im Jahr fand eine Volksabstimmung statt, in der die Athener bestimmen konnten, wer ihnen am meisten auf den Keks gegangen war. Die Frage war etwas vornehmer formuliert: Man suchte jene, die der Demokratie gefährlich werden könnten. Die Scherben wurden eingesammelt und ausgezählt. Und der Gewinner war der Verlierer: Er musste zehn Jahre in die Verbannung. Solange wollte man nichts von ihm sehen.

Ganz wichtig für die staatspolitische Bedeutung war: Der Besitz und die Rechte des Verbannten wurden nicht angetastet. Er konnte nach der Verbannung, wenn alles vergeben und vergessen war, weitermachen, wo er aufgehört hatte. Es gibt Philosophen, die das für weise hielten. Staatskrisen wurden vermieden, indem man durch Verbannung der kontroversesten Figur die Lage entschärfte. Bei uns müsste im Moment wohl Angela die Koffer packen.

Das Modell "Vergeben und Vergessen" finden fast alle Gäste der Berliner Party tief in ihren Herzen gut. Die meisten haben etwas auf dem Kerbholz, entweder als veritable Täter oder als deren Handlanger. Herr Mappus hat Steuergelder verballert beim Rückkauf von Aktien des dann landeseigenen Energieversorgers. Herr Bartsch von der Links-Partei ist da, den würde ich gern nach dem SED-Vermögen fragen. Herrn Wowereit würde ich gern zur Bauaufsicht über den Berliner Flughafen gratulieren. Hans-Olaf Henkel ist noch für die Gründung der AfD zu danken. Nur Rita, die hat es bisher nur zu einem kleinen Spesenskandal gebracht, weil sie für den Umzug ihrer Tochter mit einem Dienstwagen schummelte. Unter den Handlangern der Täter sehe ich geschätzte Berufskolleginnen von mir und weniger geschätzte Kollegen, auch ein oder zwei ganz schlimme Finger aus der Beraterbranche. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die gesamte Gesellschaft ist von der Idee des Scherbengerichtes begeistert. Nur die Frist, die sollte kürzer sein. Bei dem Partymogul Manfred Schmidt waren es vier Jahre, schon weniger als die Dekade der Athener. Was man sich hier so als Verbannungsfrist wünscht, wäre ein Wochenende. Am liebsten so wie in der Beichte der katholischen Kirche. Deren Vergebung setzt aber ernsthafte Reue voraus. Davon spüre ich hier nichts. Es wird Sekt nachgeschenkt. Das hilft beim Vergessen.

Kocks Kolumnen: Typisch Berlin
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