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    Rheinland-Pfalz/Berlin

    "Schwer verliebt": Politiker fordern Schutz vor entwürdigendem TV-Format

    Nach den Vorwürfen, die die 27-jährige Teilnehmerin der Sat.1-Kuppelshow „Schwer verliebt“ gegen den Sender und dessen Produktionsfirma erhebt, haben Medienpolitiker einen besseren Schutz vor Knebelverträgen bei Reality-TV-Formaten gefordert.

    Verletzt und gedemütigt fühlt sich Sarah aus Fischbach. Wir wünschen uns Unterstützung für sie und sind ganz <a href="http://aufsarahsseite.rhein-zeitung.de" target="_blank">aufsarahsseite.rhein-zeitung.de</a>
 
    Verletzt und gedemütigt fühlt sich Sarah aus Fischbach. Wir wünschen uns Unterstützung für sie und sind ganz aufsarahsseite.rhein-zeitung.de  

    In der Show, deren dritte Folge am Sonntagabend ausgestrahlt wurde, sieht sich Sarah H. aus Fischbach an der Nahe auf entwürdigende Art und Weise dargestellt und vorgeführt (wir berichteten).

    Der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Martin Dörmann, beobachtet die Entwicklung solcher Formate „mit Besorgnis“, sagte er unserer Zeitung. „Es gibt eine Tendenz, dass Menschen, die nicht über die intellektuellen Fähigkeiten eines Anwalts verfügen, weitreichende Verträge der Sender arglos unterzeichnen.“ Dörmann hält eine Diskussion über solche Praktiken daher für „dringend geboten“. „Die Sender müssen ihr Geschäftsmodell auf Kosten anderer überdenken. Auch der Zuschauer ist gefragt: Er beteiligt sich schließlich daran, indem er einschaltet.“ Dörmann forderte die Einrichtung einer unabhängigen Stelle, die die Verträge der Kandidaten vor dem Abschluss prüft. „Es wäre toll, wenn die Branche sich einem Kodex verpflichten würde.“ Die Überprüfung durch die Landesmedienanstalten reicht für ihn nicht aus, weil sie erst im Nachhinein Sanktionen aussprechen könnten. „Dann ist für den Betroffenen das Kind bereits in den Brunnen gefallen.“

    Die Medienpolitikerin und grüne Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner sagt: „Die Menschenwürde wird dort nicht geachtet. Als verantwortlicher Journalist oder Produzent muss man diejenigen schützen, die vielleicht nicht einschätzen können, worauf sie sich einlassen.“ In der Serie werden auch kompromittierende Tagebuchaufzeichnungen der 27-Jährigen eingeblendet. „Man muss schon fragen, ob es immer noch härter, noch schlimmer, noch menschenverachtender zugehen muss“, kritisiert Rößner. Auch sie hält eine öffentliche Diskussion für notwendig. „Ich halte es für sehr problematisch, wenn Szenen, die nachgestellt sind, als Realität verkauft werden.“

    Sarah H. hatte erklärt, dass ihre Handlungen und Äußerungen in der Show von den Produzenten vorgegeben wurden. „Ich musste das tun“, sagt sie. Druckmittel sei der „Kandidatenvertrag“ gewesen, in dem sie sich schriftlich zur Zusammenarbeit verpflichtet hatte.

    Der Fernsehkritiker Holger Kreymeier, der das Internetmagazin Fernsehkritik.tv betreibt, kennt die Praktiken der Produktionsfirmen: „Den Menschen wird erzählt, es geschehe nichts gegen ihren Willen. Sobald der Vertrag unterschrieben ist, argumentiert man dann mit der Dramaturgie der Show.“ Die Produzenten würden die Teilnehmer mit Verweis auf den Vertrag einschüchtern. „Das funktioniert meistens, obwohl die Sender vor Gericht wohl niemals recht bekommen würden.“ Was für die Zuschauer reine Komik ist, wird für die Kandidaten zu einem realen Horrorszenario.

    Der Kölner Medienanwalt Martin W. Huff hält es „für sehr fragwürdig“, wenn Kandidaten unterschreiben, dass sie die ihnen zustehenden Persönlichkeitsrechte einem Sender übertragen – „auch wenn dies freiwillig geschieht“. Auch seien die Verträge „sehr einseitig“ ausgestaltet. Der Produzent kann sich jederzeit entscheiden, auf den Kandidaten zu verzichten. Der Kandidat muss aber mit Schadenersatzforderungen rechnen, wenn er die Show früher verlässt.

    Sat.1 reagierte überrascht auf die Äußerungen von Sarah H.: „Wir haben von ihr bisher durchgehend positives Feedback erhalten“, sagte Sprecherin Diana Schardt. Nach ihren Worten gibt es kein Drehbuch, sondern lediglich einen Drehplan, so wie dies bei allen TV-Produktionen üblich und nötig sei. Beschwerden seitens der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz sind dem Sender nicht bekannt.

    Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

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