Archivierter Artikel vom 14.09.2013, 07:30 Uhr

Wahlkampf: Die Kanzler und die Künstler

Künstler und Intellektuelle machen sich in den Wahlkämpfen des 21. Jahrhunderts zunehmend rar. Eine vielsagende Szene spielt sich in diesem Wahljahr in der Berliner SPD-Zentrale ab. Literaturnobelpreisträger Günter Grass lässt es sich nicht nehmen, Kanzlerkandidat Peer Steinbrück öffentlich seine Unterstützung zuzusagen.

Die Unterstützung von Literat Günter Grass (rechts) ist Peer Steinbrück sicher.
Die Unterstützung von Literat Günter Grass (rechts) ist Peer Steinbrück sicher.
Foto: dpa

Von Rena Lehmann

Der Liedermacher Wolf Biermann will in diesem Jahr Angela Merkel wählen.
Der Liedermacher Wolf Biermann will in diesem Jahr Angela Merkel wählen.
Foto: dpa

Doch die Solidarität des Literaten geht für Steinbrück nach hinten los. Zwischen den Intellektuellen und der Politik funkt und knistert es schon lange nicht mehr wie einst. Früher gehörte es vor allem bei den Sozialdemokraten zum guten Ton, sich mit Dichtern und Denkern zu umgeben. Es gibt Fotos von Altkanzler Willy Brandt und Grass, wie beide, in Rauchwolken versunken, über die Lage der Nation sinnieren. Die Union und die Intellektuellen fremdelten lange miteinander.

Kanzler Ludwig Erhard (CDU) hat bekannte Schriftsteller, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der „Gruppe 47“ zusammenschlossen, als „Pinscher, Banausen und Nichtskönner“ bezeichnet. Heinrich Böll, Siegried Lenz und Philosoph Jürgen Habermas mischten sich in Essays und Leitartikeln im Feuilleton immer wieder wortmächtig in die Politik ein.

Als Günter Grass jedoch 2013 in seiner Unterstützerrede die Abschaffung der Wehrpflicht kritisiert und vor einer Söldnerarmee warnt, muss sich Steinbrück schnell und gründlich distanzieren. Der Auftritt mit Grass bringt ihm nichts als schlechte Presse ein. Man muss davon ausgehen, dass der regelmäßige Grass'sche Auftritt bei der SPD heute nur noch um der Tradition willen gepflegt wird.

Der inzwischen 85-jährige Literat hat sich zuletzt mit seinem umstrittenen Israel-Gedicht doch sehr weit von sozialdemokratischen Grundüberzeugungen entfernt. Von Grass' Pflichtauftritt abgesehen, ist von Künstlern in diesem Wahlkampf so wenig zu hören wie nie zuvor. „Still ruht der See“, kommentierte Steinbrück die Abwesenheit von Schriftstellern, Schauspielern und Co.

Für eine kleine Überraschung sorgte noch Liedermacher Wolf Biermann, als er, der früher den Sozialdemokraten nahestand, erklärte, dass Angela Merkel „meine Kanzlerin ist“. Das war jedoch nicht mehr als eine Wahlempfehlung, nach der Journalisten Biermann gefragt hatten. Von allein drängt sich niemand mehr offensiv auf die politische Bühne.

Der Historiker und Politologe Jens Hacke vom Hamburger Institut für Sozialforschung sieht die Ursache für die Stille nicht in einem fehlenden Interesse der Künstler an der Tagespolitik. Die Zeiten haben sich geändert. „Früher waren die Lager immer klar zu erkennen“, sagt er. „Die großen Themen der alten Bundesrepublik waren die Vergangenheitsbewältigung, die Angst vor einem Links- oder Rechtsruck, die Wiedervereinigung.

“All das seien „nationale und emotionale Themen“ gewesen, zu denen man klar Stellung beziehen konnte. „Und der Intellektuelle lebt davon, dass es klare Frontlinien gibt“, meint Hacke. Das ist in den meisten politischen Fragen 2013 jedoch nicht mehr der Fall. Die Euro-Krise und die Zukunft Europas sind „zu komplex“. Wie etwa sollte jemand die drängenden Europafragen in einem Roman verarbeiten? Nicht nur Themen und Parteien haben sich verändert, auch die Streitkultur ist 2013 eine andere als 1960.

„Intellektuelle haben heute nicht mehr die Monopolstellung wie früher“, meint Hacke. Der Chor der Meinungen ist mit dem Internet und sozialen Medien vielstimmiger geworden. „Es ist nicht mehr so, dass ein Schriftsteller im stillen Kämmerlein seinen Leitartikel schreibt und die Welt darauf wartet“, sagt der Historiker. Das heißt aber nicht, dass sie ihren Einfluss völlig eingebüßt hätten.

Glaubt man den Worten Hackes, dann sind sich Politiker und Künstler heute sogar näher als je zuvor – bloß nicht mehr so öffentlichkeitswirksam. Intellektuelle sind heute pragmatischer. „Die eigentlich politikferne Erregung findet gar nicht mehr so statt“, meint Hacke. Stattdessen sind Künstler in Stiftungen und Netzwerken aktiv, sitzen in Beratergremien – und nehmen so hinter den Kulissen sehr wohl Einfluss auf Politik.

Der Autor des Bestsellers „Der Turm“, Uwe Tellkamp, ist etwa zu Gast in der Konrad- Adenauer-Stiftung. Ingo Schulze („Adam und Evelyne“) trägt gern bei der Grünen-nahen Heinrich-Böll- Stiftung vor. Der Historiker Hacke schließt deshalb darauf, dass Künstler heute sogar mehr Möglichkeiten haben, mit der Politik im Dialog zu sein als früher.

„Künstler haben heute eigentlich viel mehr Aktionsräume“, ist er überzeugt. Die kleine Schar von wortmächtigen Stimmen, die das Land in früheren Zeiten noch in Aufruhr versetzen konnten, gibt es dafür 2013 nicht mehr. Darüber hinaus dürfte es Schriftstellern nicht anders gehen als anderen Bürgern. Philosoph Richard David Precht etwa lässt durchblicken, dass er wie so viele nicht weiß, wen er wählen soll. Ihm fehlt bei allen „eine Zukunftsvision“.

Auch die Kommunikationsforscherin und Autorin Miriam Meckel ist ratlos, weil sie Unterschiede vermisst. Wenn der Wahlkampf so müde ist, warum sollten dann die Intellektuellen hellwach sein, möchte man fragen.