Archivierter Artikel vom 29.06.2011, 10:20 Uhr

Scharping-Interview: China verdient Respekt, nicht oberlehrerhaftes Verhalten

Der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident und heutige Berater chinesischer Unternehmen über das aufstrebende Reich der Mitte.

Rudolf Scharping
Rudolf Scharping

Der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Rudolf Scharping (63) berät inzwischen chinesische Unternehmen. Deutschland müsse schnell, innovativ und wettbewerbsfähig sein, um seinen Vorsprung zu verteidigen, sagt er im Interview mit unser Zeitung.

Der chinesische Computerhersteller Lenovo will das Essener Unternehmen Medion übernehmen, chinesische Maschinenbaukonzerne bauen in Deutschland Fabriken – nur zwei Beispiele von vielen. Müssen wir uns um einen unabhängigen Wirtschaftsstandort Sorgen machen?

Nein. Deutsche Firmen haben weit mehr in China investiert. Auch dank China hat sich die Weltwirtschaft wieder stabilisiert; das hat ja auch uns geholfen. Die wirtschaftliche Verflechtung wächst – und genau da beginnt die Herausforderung: Wir müssen schnell, innovativ und wettbewerbsfähig sein, also unseren Vorsprung verteidigen. China muss diese Gegenseitigkeit auf gleicher Augenhöhe umsetzen, und da ist noch viel zu tun – gegen Korruption, für Wettbewerbsgleichheit oder zum Schutz geistigen Eigentums.

Wie profitiert dabei die deutsche Wirtschaft?

Unsere großen Unternehmen und zunehmend der Mittelstand sind in China aktiv. Das ist alles andere als ein leichter Markt; China wächst aber schnell und braucht immer mehr, was die deutsche Wirtschaft in besonderem Maße auszeichnet: hohe Qualität, sauberes Management, gute Ausbildung, exzellente Fachkräfte, herausragende Energie- und Umwelttechnik und vieles mehr.

Sind denn Geschäfte mit einem Land, das für seine eklatanten Menschenrechtsverstöße bekannt ist, moralisch zu verantworten?

Handel und Wandel, verbunden mit kluger Politik, hilft sehr. Der Dialog zwischen Deutschland und China über Fragen des Rechtsstaates zeigt das. Da ist unser Selbstbewusstsein gefragt, nicht oberlehrerhaftes Verhalten. Seit seiner Öffnung hat sich dieses Tausende Jahre alte Land in 30 Jahren gewaltig entwickelt. Das verdient Respekt – und die positive Entwicklung Chinas wird weitergehen, in jeder Hinsicht.

Die Fragen stellte Dietmar Telser