Archivierter Artikel vom 03.02.2022, 06:00 Uhr
Speyer

Junge Synodalen im Interview: Warum die Erwartungen so hoch sind

Heute beginnt die dritte Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt – und die Erwartungen sind höher denn je, erzählen Viola Kohlberger und Melanie Giering, zwei der jungen Synodalen, im Interview mit uns.

Von Michael Defrancesco

Diesen Donnerstag beginnt die dritte Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt – und die Erwartungen sind höher denn je.
Diesen Donnerstag beginnt die dritte Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt – und die Erwartungen sind höher denn je.
Foto: alswart – stock.adobe.com

Wie ist denn die Stimmung kurz vor dem Beginn der dritten Vollversammlung?

Viola Kohlberger: Ich hatte bisher jedes Mal das Gefühl, dass es diesmal eine besondere Versammlung werden würde, weil immer kurz vorher irgendetwas kirchenpolitisch Relevantes aufkam. Beim vergangenen Mal war zum Beispiel eine Woche vor der Versammlung verkündet worden, dass Kardinal Woelki im Amt bleiben darf. Wir haben jetzt zum ersten Mal zweite Lesungen vor uns, wir können zum ersten Mal Beschlüsse fassen. Der Druck wird deutlich größer – der ist von Versammlung zu Versammlung gestiegen. Inzwischen kennen mich auch einige Menschen, und so fahre ich jetzt mit noch mehr Erwartungen als sonst nach Frankfurt.

Melanie Giering: Die hohen Erwartungen empfinde ich auch so. Und es ist schon symptomatisch, dass kurz vor den Synodalversammlungen immer etwas Schlimmes in der Kirche passiert. Daran sieht man schon, wie es überall in der Kirche brennt. Die Not, dass endlich etwas passieren muss, wird immer größer. Das war beim vergangenen Mal auch schon so – und erinnern wir uns, dass die zweite Synodalversammlung abrupt innerhalb weniger Minuten endete: Es gab keine Beschlussfähigkeit mehr, da zu viele Teilnehmende schon abgereist waren. Insofern weiß ich nicht, was diesmal auf uns zukommen wird.

Gibt es Themen, die aus Ihrer Sicht unbedingt umgesetzt werden müssten, damit der Synodale Weg ein Erfolg wäre?

Giering: Man kann kein Thema für sich allein betrachten, sie hängen alle zusammen und bauen aufeinander auf. Generell muss etwas Konkretes herauskommen, damit der Synodale Weg etwas gebracht hat. Und das dürfen nicht nur kleine Veränderungen sein, die an der Basis gar nicht wahrgenommen werden würden. Wir müssen auf alle Themen gleichzeitig pochen und dürfen uns nicht damit zufriedengeben, wenn nur ein Thema erfolgreich abgeschlossen werden würde. Wir müssen als Mindestanspruch formulieren, dass bei jedem Thema ein tragfähiges Ergebnis herauskommen muss.

Kohlberger: Das sehe ich genauso. Mir ist ein Ende der Ungleichbehandlung und Diskriminierung wichtig, also das Ende der Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts und ein Ende der Diskriminierung queerer Menschen in der katholischen Kirche. Und wir brauchen echte Gewaltenteilung, also ein Ende der priesterlichen Vorherrschaft.

Viele Gläubige wollen derzeit aus der katholischen Kirche austreten, weil sie der vielen Skandale müde sind und den Glauben verloren haben. Warum sind Sie beide noch engagiert dabei?

Kohlberger: Wenn ich das Vertrauen, dass sich etwas ändert, nicht mehr hätte, könnte ich aufhören und sofort austreten. Aber ich glaube, dass sich etwas ändern kann, weil ich die starke gläubige Gewissheit habe, dass Gott uns alle gleich und ebenbürtig geschaffen hat. Unsere christliche Botschaft ist im Grunde so stark und Heil versprechend, dass ich die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen noch nicht aufgeben möchte.

Giering: Ich habe die tief greifende Hoffnung, dass die Kirche sich ändern kann. Wenn wir an die Grundwerte des Glaubens denken, wenn ich an meinen persönlichen Glauben denke, dann sehe ich, dass Gott jeden Menschen liebt. Daraus resultiert für mich, dass wir mit dem Synodalen Weg einfach Erfolg haben müssen, da wir sonst den Anspruch an unsere Religion, an unseren Glauben nicht erfüllen können. Ich muss aber auch sagen, dass ich jeden Menschen, der ausgetreten ist, aus tiefstem Herzen verstehen kann. Ich habe persönlich das Glück, noch keine negativen Erlebnisse mit der Kirche gehabt zu haben. Zum Beispiel wurde ich noch nicht in meiner Berufung diskriminiert, da ich persönlich keine Berufung zur katholischen Priesterin verspüre.

Wie reagiert Ihr Umfeld derzeit auf Ihre Arbeit beim Synodalen Weg?

Giering: Ich komme aus Hamburg, und auch wenn ich dort viele gläubige Jugendliche treffe, haben viele überhaupt keine Ahnung vom Synodalen Weg. Die, die mehr Hintergrundwissen haben, beneiden mich eher nicht um meine Aufgabe. Sie machen mir viel Mut und senden mir Kraft für mehr Durchhaltevermögen.

Kohlberger: Mein Umfeld empfinde ich als sehr bestärkend und Mut machend. Und – beneidet werde ich auch von niemandem. Es wird schon gesehen, wie viel wir jungen Synodalen machen und welche Kraft wir inzwischen haben. Es ist wertvoll, dass das von so vielen gesehen wird. Viele vertrauen mir inzwischen auch ihre persönlichen Geschichten an und unterstützen mich in meiner Arbeit. Ich möchte Verbündete sein für queere Menschen und laut sein für alle, deren Stimme in der katholischen Kirche noch nicht oder nicht mehr gehört wird. Das habe ich mir anfangs nicht bewusst vorgenommen, aber das hat sich entwickelt – und jetzt empfinde ich das durchaus als meine Sendung.

Welche Erlebnisse der vergangenen Versammlungen sind Ihnen noch im Gedächtnis geblieben?

Kohlberger: Natürlich vor allen Dingen die Auseinandersetzung mit Kardinal Woelki. Er hatte mich bei der vergangenen Versammlung auf dem Flur angesprochen, weil er sich von einem meiner Redebeiträge angegriffen gefühlt hatte. Und er meinte dann, mir erklären zu müssen, wie ich mich vor der Synodalversammlung zu äußern hätte, und vor allen Dingen wie nicht. Das habe ich deutlich als Machtmissbrauch empfunden und habe dies dann auch öffentlich so kommuniziert – zum Beispiel in den sozialen Netzwerken. Und noch während der laufenden Versammlung bekam ich so viel Zuspruch und Solidarität – das war toll. Es war bestimmt nicht intendiert von Woelki, dass ich durch diesen Vorfall dermaßen an Bekanntheit gewinnen würde – aber das wiederum hilft mir jetzt, meine Anliegen noch deutlicher und wahrnehmbarer platzieren zu können. Der Zusammenhalt vor allen Dingen der jungen Synodalen ist wirklich sehr beeindruckend.

Giering: Das abrupte Ende beim vergangenen Mal war schon sehr verwirrend, das ist mir schon unangenehm im Gedächtnis geblieben, weil ich das Gefühl bekam, dass manchen Menschen der Synodale Weg nicht so wichtig ist wie mir und dass sie ihn vielleicht sogar boykottieren wollen. Meine liebsten Erlebnisse sind die Gespräche am Rand der Versammlung – sei es auf dem Flur, wo ich glücklicherweise nur positive Gespräche führen durfte, oder auch bei den Mahlzeiten, wo ich mit einer Reihe sehr unterhaltsamer Bischöfe am Tisch sitzen konnte. So durfte ich auch lockere Gespräche erleben, aber auch tiefgründige Gespräche, und ich lernte dadurch einige Bischöfe besser kennen und auch ihre Haltung zu bestimmten Themen des Synodalen Wegs.

Das habe ich als sehr bestärkend empfunden. Zumal mir aufgefallen ist, dass sich manche Bischöfe gar nicht öffentlich in Redebeiträgen äußern – und da war ich schon interessiert, wie sie denn wirklich über bestimmte Themen denken, denn sie werden am Ende mitbestimmen, was sie mit den Beschlüssen, die wir fassen, anfangen werden. Und ich war sehr freudig überrascht, wie sie nicht nur bereit waren, mit mir und uns jungen Synodalen ins Gespräch zu kommen, sondern dass sie tatsächlich auch die gleichen Ansichten zu unseren Schwerpunkten hatten. Mir hat es gefallen, dass sie bereit waren, sich manche Themen auch aus unserer Perspektive erklären zu lassen.

Das Gespräch führte unser Redakteur Michael Defrancesco