Archivierter Artikel vom 26.08.2021, 07:00 Uhr
Kabul

Generalleutnant Mais im Interview: „Afghanen hatten mehr Hubschrauber als wir“

Der Sieg der Taliban macht fast alles zunichte, was die Bundeswehr in 20 Jahren am Hindukusch geleistet hat. Was macht das mit den Soldaten? Und wie konnte es zu einem solchen Debakel kommen? Darüber haben wir mit Generalleutnant Alfons Mais gesprochen.

Von Dirk Eberz
In Kabul sind auch Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte der Bundeswehr im Einsatz. Im günstigsten Fall kann die Elitetruppe des Heeres sogar innerhalb weniger Stunden mobilisiert werden.
In Kabul sind auch Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte der Bundeswehr im Einsatz. Im günstigsten Fall kann die Elitetruppe des Heeres sogar innerhalb weniger Stunden mobilisiert werden.
Foto: dpa

Der Koblenzer macht dafür neben Korruption und Vetternwirtschaft in der afghanischen Armee auch Führungsversagen verantwortlich. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt der Inspekteur des deutschen Heeres auch, wie seine Spezialkräfte auf Einsätze wie in Kabul vorbereitet werden und warum sie die Evakuierungsaktion auch schon früher hätten starten können.

Seit 20 Jahren bildet die Bundeswehr in Afghanistan Sicherheitskräfte aus. 59 deutsche Soldaten haben ihr Leben in dem Land gelassen, Hunderte sind traumatisiert. Und dann kollabiert das System innerhalb weniger Tage. Hat die Truppe das Gefühl, dass alle Opfer umsonst gewesen sind?

Diese Frage beschäftigt die Truppe. Und zwar intensiv. Für alle, deren Angehörige gestorben sind oder Schaden genommen haben, ist das sehr schwer zu verkraften. Das gilt auch für Soldaten, die den Tod von Kameraden miterlebt haben. Ich denke, jeder Afghanistanveteran, wenn ich den Begriff so wählen darf, sieht die Bilder dieser Tage mit einem mulmigen Gefühl. An mir geht das auch nicht spurlos vorüber. Das können Sie mir glauben. Zumal ich von diesem Flughafen in Kabul sicher 100-mal gestartet und gelandet bin.

War es das alles wert?

Dazu kann ich Ihnen nur meine ganz persönliche Meinung als Berufssoldat sagen. Der Einsatz war für mich in Ordnung. Denn man muss ja betonen, dass die Taliban keine Chance hatten, die Macht zu übernehmen, als die Bundeswehr und bis zu 30 andere alliierte Kontingente noch im Land waren. Also war es gut, dass wir da waren.

Aber können Sie sich erklären, warum eine Armee, die den Taliban personell haushoch überlegen ist und mit modernsten Waffen ausgestattet ist, innerhalb weniger Wochen kapituliert?

Das ist in der Tat eine Frage, mit der ich mich gedanklich beschäftige. Denn das ist ja eine Berufsarmee gewesen. Das waren keine Wehrpflichtigen, die sofort die Waffen fallen lassen, weil sie zum Dienst gezwungen worden wären. Wir haben wohl überschätzt, inwieweit die Soldaten bereit sind, für einen Staat zu kämpfen, der mit internationaler Unterstützung entstanden ist. Ich denke, das Scheitern hat auch viel mit Korruption zu tun, mit Vetternwirtschaft und schlechter Behandlung der Soldaten. Und das Führungskorps ist auch nicht immer nach Leistung ausgewählt worden, sondern über einen Schlüssel nach Ethnien. Dass die Truppe in der Fläche als Wachmannschaften gebunden gewesen war, hat ebenfalls zu ihrer taktischen Schwäche beigetragen.

Trotzdem hätte die Armee die Taliban, die gerade mal auf 60.000 Mann geschätzt werden, doch militärisch in Schach halten müssen.

Rein numerisch sicher. Wir sprechen da ja von einem Verhältnis von Verteidiger zu Angreifer von drei zu eins. Normalerweise sagen wir, dass es umgekehrt sein muss, um als Angreifer überhaupt eine Chance zu haben. Hinzu kommt die gewaltige materielle Überlegenheit. Aber Ausrüstung und Stärke allein machen es nicht. Wichtig sind auch Motivation, Ausbildung und Führung. Und da haben die Taliban offenbar einen höheren Gefechtswert entwickelt.

Den Taliban sind Unmengen an Waffen in die Hände gefallen. Flugzeuge, Hubschrauber, Sturmgewehre und Drohnen. Man spricht ja schon von der am besten ausgerüsteten Terrormiliz der Welt. Können die Taliban ihre Beute jetzt auch schon nutzen?

Zumindest, was die Flugzeuge betrifft, halte ich das für sehr unwahrscheinlich. Einem US-Bericht zufolge war schon im Frühjahr nur rund ein Drittel einsatzfähig. Das sind ja Hightechgeräte. Da brauchen sie Wartungspersonal, da brauchen sie eine Ersatzteilversorgung und eine ausgefeilte Logistik. Ich will nicht ausschließen, dass man das mal auf der Zeitachse kaufen kann. Aber eine unmittelbare Gefahr von heute auf morgen sehe ich da nicht. Die Unmengen an Handfeuerwaffen, Nachtsichtgeräten und Fahrzeugen hingegen verleihen den Taliban eine noch höhere Beweglichkeit, als sie das vorher mit ihren Mofas oder Autos hatten. Das ist schon ein Zugewinn.

Spötter haben ja schon gesagt, dass die Taliban jetzt materiell besser ausgestattet sind als die Bundeswehr. Ist das übertrieben?

Das ist eine bittere Frage. Ich glaube, die afghanische Armee ist im weltweiten Ranking die sechst- oder siebtgrößte gewesen. Also die waren schon sehr gut ausgerüstet. Mit einem Augenzwickern gesprochen: Die hatten auf jeden Fall zu meiner Zeit in Afghanistan 2018 und 2019 mehr einsatzfähige Hubschrauber als wir. Das muss man leider konzedieren.

Das Heer hat jetzt Elitetruppen wie das Kommando Spezialkräfte und Fallschirmjäger für Afghanistan abgestellt, die den Flughafen in Kabul verteidigen sollen. Was sind das für Soldaten? Und wie werden sie auf ihre Aufgaben vorbereitet?

Der Kern sind Fallschirmjäger und Kommandosoldaten. Hinzu kommen Sanitäter, Fernmeldespezialisten und Lautsprechertrupps der operativen Information. Ein Mix aus unterschiedlichen Fähigkeiten also. Das sind Kräfte, die wir permanent für solche Fälle vorhalten. 365 Tage. Rund um die Uhr. Das Retten von deutschen Staatsbürgern bleibt eine nationale Aufgabe, die wir nicht delegieren. Wir haben dazu in der Division Schnelle Kräfte in Stadtallendorf ein Kontingent aufgebaut, das genau auf diesen Auftrag spezialisiert ist. Solche Rettungsaktionen werden jedes Jahr geübt. Das läuft dann immer nach festen Checklisten ab. Nach einer gewissen Vorwarnzeit kann die Bereitschaft dann schnell hochgefahren werden, um Truppen und Material innerhalb kürzester Zeit an die Flughäfen zu verlegen. Über See kommt auch die Marine ins Spiel. Die Soldaten sind auch alle zum Fallschirmsprung befähigt, was zum Glück diesmal nicht notwendig war. Also es ist schon eine gewisse Elite.

Wie schnell sind die Spezialkräfte denn konkret einsatzbereit, wenn das Go aus Berlin kommt?

In Kabul ist das mit 48 Stunden Vorlauf abgelaufen. Die Frage ist immer, wie viel Vorwarnzeit haben sie. Wenn sie der Truppe vier Wochen vorher sagen, dass sie innerhalb von sechs Stunden losfliegen soll, dann funktioniert das auch in sechs Stunden. Wenn es „out of the blue“ kommt, dauert es länger. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Bundeswehr gerade auch noch andere Aufträge hat. Und da denke ich nicht nur an bundesweite Corona-Amtshilfe und den Katastropheneinsatz im Ahrtal. Auch die Einsätze in Mali und auf dem Balkan laufen ja alle weiter.

Kam der Einsatz für die Bundeswehr denn diesmal „out of the blue“? Also ohne Vorwarnzeit?

Grundsätzlich haben wir heeresintern Truppenteile der Division Schnelle Kräfte schon während der gesamten Rückverlegung der Bundeswehr aus Afghanistan in Alarmbereitschaft gehabt. Denn das Abziehen ist immer ein großer Schwächemoment. Wir halten also permanent Kräfte für solche Fälle vor.

Das heißt, dass die Bundeswehr auch theoretisch schon früher mit der Evakuierung hätte beginnen können, wenn aus der Politik ein Einsatzbefehl gekommen wäre?

Natürlich. Die politischen Prozesse beeinflussen wir ja als Militärs nicht. Wir beraten selbstverständlich. Aber irgendwann muss die Politik sagen: Jetzt!

Die Evakuierung in Afghanistan ist für die Bundeswehr beispiellos. Wie gefährlich ist der Einsatz für die Soldaten auf einer Skala von 1 bis 10 nach Ihrer Einschätzung?

Da würde ich mal mindestens 7 bis 8 sagen. Sie können mir glauben, dass wir jetzt in Gedanken alle bei denen sind, die da vor Ort sind. Da lastet schon ein sehr großer Druck auf den Soldaten. Sie schauen in die Augen von Menschen, die in Panik hoffen, noch irgendwie einen Flieger zu bekommen. Und man muss auch klar sagen: Der Druck wird wohl noch weiter zunehmen. Denn irgendwann ist der letzte Tag. Darauf muss man sich einstellen.

Der Flughafen in Kabul wird von US-Truppen und Bundeswehr gesichert. Zusammen rund 5000, 6000 Soldaten. Könnten die ihre Stellung auch halten, wenn sich die Taliban dazu entschließen sollten, den Airport anzugreifen?

Ich bin nicht vor Ort. Deshalb ist das ein Stück weit Spekulation. Rein numerisch bin ich aber fest davon überzeugt. Denn auch die US-Soldaten sind ja Elitetruppen. Und die USA haben auch noch eine Flugzeugträgergruppe im Indischen Ozean, es gibt zudem einen Luftschirm. Das Zusammenspiel funktioniert gut. Die Luftbrücke steht. Das muss möglichst lange aufrechterhalten werden. Für mich ist es allerdings nicht vorstellbar, dass die Taliban einen neuen Konflikt vom Zaun brechen wollen.

Wer es bis zum Flughafen Kabul geschafft hat, scheint sicher. Aber wie sieht es denn mit deutschen Staatsbürgern und afghanischen Ortskräften aus, die immer noch außerhalb ausharren? Kann die Bundeswehr die irgendwie noch in einer Kommandoaktion rausholen?

Kabul ist sicher ein sehr schwieriges Terrain für solche Aktionen. In vielen Fällen ist es vielleicht einfacher, über die Grenze ins Ausland zu evakuieren. Etwa nach Tadschikistan oder Usbekistan.

Bestürzt es Sie, dass viele Ortskräfte, die die Bundeswehr unterstützt haben, jetzt in die Hände der Taliban fallen könnten?

Natürlich. Ich habe vom Wachpersonal bis zu Dolmetschern viele Ortskräfte persönlich kennengelernt. Ohne sie hätten wir unseren Auftrag ja nie ausführen können. Und sie waren für uns auch ein Bindeglied zu einer uns vollkommen fremden Kultur. Den größten Teil ihrer Ortskräfte hat die Bundeswehr aber vorher bereits ausgeflogen. Schon in einer ersten Welle 2012 und 2013. Aber es wird noch eine Restgröße geben. Ich habe auch keine Vorstellung, wie viele es noch beim Auswärtigen Amt, beim Entwicklungshilfeministerium beim Innenministerium gibt.

Es gab zuletzt auch Stimmen, die gefordert haben, dass die Nato wieder nach Afghanistan reingehen soll. Halten Sie das für realistisch?

Auf jeden Fall nicht ohne die USA. Wir haben ja im Norden nur deshalb ausbilden und operieren können, weil uns die Nato-Alliierten mit Fähigkeiten ergänzt haben, die uns so nicht zur Verfügung stehen. Da fehlt mir aus militärischer Sicht jede Fantasie, wie die Bundeswehr oder andere europäische Länder diese Mission, die wir gerade beendet haben, in irgendeiner Form wieder fortsetzen könnten.

Das Interview führte Dirk Eberz

Generalleutnant Alfons Mais ist Chef des deutschen Heeres

Generalleutnant Alfons Mais ist seit Februar 2020 Inspekteur des Heeres mit Dienstsitz in Strausberg (Brandenburg) und damit Chef von mehr als 60.000 Soldaten. Geboren wurde Mais 1962 in Koblenz. Er wuchs im Stadtteil Moselweiß auf und besuchte das Johannes-Gymnasium in Lahnstein.

General Alfons Mais
General Alfons Mais
Foto: picture alliance/dpa

Nach 40 Dienstjahren und 14 Umzügen wohnt der 59-Jährige jetzt wieder mit seiner Frau in Koblenz. Der Drei-Sterne-General trat 1981 in die Bundeswehr ein und absolvierte seine Offizieranwärterausbildung an der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg. Von 1982 bis 1985 studierte er Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Danach wurde er zum Hubschrauberführer ausgebildet.

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