Gefangen im Netz: Warum Jugendliche internetsüchtig werden

Bis in die Nacht sitzen Jungs am Computer und kämpfen sich Schlag um Schlag durch die virtuelle Kampfzone. Mädchen zählen die Likes (positive Meinungsbekundungen) unter ihren Fotos. Ist das nicht mehr zu kontrollieren, sehen Experten ein ernstes Problem. Sie fordern mehr Plätze zur stationären Behandlung. Beim Deutschen Suchtkongress, der bis zum 19. September in Hamburg veranstaltet wird, tauschen sich Wissenschaftler auch über das Thema Internetsucht aus – besonders im Hinblick auf Jugendliche.

Lesezeit: 3 Minuten
Internetsucht
Emsig fliegen die Finger über die Tastatur. Der Internetsüchtige vergisst Familie und Freunde und setzt sogar seinen Job aufs Spiel.
Foto: Kevin Rühle

Hektisch scrollt eine Jugendliche auf ihrem Smartphone durch ihre WhatsApp- und Instagram-Nachrichten. Das Mädchen liest kaum einen der kurzen Texte, es geht ihm um die Likes unter den Botschaften und Fotos. Es ist geplagt von Versagensängsten, hat wenig Selbstwertgefühl und eine Neigung zu Depressionen. Familiäre Probleme wie eine Trennung der Eltern kommen hinzu. So beschreibt der Hamburger Suchtforscher Rainer Thomasius eine typische Patientin mit sogenannter Social Media Disorder.

Diese Form der Internetabhängigkeit betreffe Mädchen stärker als Jungen. „Mädchen neigen eher dazu, exzessiv Social Media zu nutzen“, sagt Thomasius. Jungen gerieten dafür schneller in Abhängigkeit von Computerspielen wie „Call of Duty“ oder „CounterStrike“. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK in Kooperation mit Thomasius im vergangenen Jahr ergab, dass 2,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland als abhängig von sozialen Medien einzustufen sind. Betroffen sind demnach rund 100.000 Jungen und Mädchen.

Jugendliche in Nöten

Viele Menschen greifen häufig oder sehr häufig zu ihrem Handy, um Nachrichten zu lesen, zu schreiben oder Beiträge zu posten. Ab wann hat man aber eine sogenannte internetbezogene Störung? Der Kontrollverlust sei immer das zentrale Kriterium, erklärt Thomasius. Das gesamte Denken verenge sich auf das Computerspielen oder die sozialen Medien. Betroffene Jugendliche geben demnach andere Freizeitaktivitäten auf, schwänzen häufig die Schule. Sie belügen ihre Eltern über die tatsächliche Zeit, die sie im Internet verbringen. Nimmt man ihnen das Handy oder den Computer weg, haben sie Entzugserscheinungen, werden gereizt oder gar depressiv. „Diese Jugendlichen sind schon in großen Nöten“, sagt Thomasius.

Im Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf machen die Mitarbeiter aber genau das mit ihren Patienten: „Wir nehmen ihnen das Wichtigste weg“, sagt Leiter Thomasius. Wer stationär für drei Monate oder auch nur teilstationär für zwei Wochen aufgenommen wird, muss sein Smartphone abgeben. Er erhält dafür ein nicht internetfähiges Handy. Vormittags bemüht sich ein Team aus Sonderpädagogen, die Jugendlichen wieder an den Schulalltag heranzuführen. Nachmittags folgen die Therapieprogramme, viel Sport und Musik. Jeder Patient bekommt ein Instrument zum Musizieren.

Anders als bei Alkohol- oder Drogensucht könne das Ziel einer Therapie nicht die Abstinenz sein, sagt Thomasius. Es gebe praktisch keinen Beruf ohne PC mehr. Die Jugendlichen müssten den verantwortlichen Umgang mit dem Internet lernen. Die Heilungsquote sei mit 70 bis 80 Prozent sehr hoch. Bei Alkohol- und Drogensucht betrage die Erfolgsquote nur 30 bis 40 Prozent. Internetsüchtige Jugendliche seien leichter therapierbar, weil sie meist keine dissozialen Begleitstörungen hätten und nicht unter den Auswirkungen einer toxischen Substanz litten.

Leben wird Internet untergeordnet

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte im Juni die Onlinespielsucht in ihren Katalog der Krankheiten aufgenommen. Zu den darin beschriebenen Symptomen gehört, dass ein Mensch alle anderen Aspekte des Lebens dem Onlinespielen unterordnet und trotz negativer Konsequenzen weitermacht, und dies über einen Zeitraum von mehr als zwölf Monaten. Kritiker fürchten allerdings, dass Menschen, die viel online spielen, fälschlich als therapiebedürftig eingestuft werden könnten – oder dass sie eher wegen anderer Probleme wie einer Depression oder einer sozialen Angststörung behandelt werden müssten.

Die internetbezogenen Störungen sind Thema des aktuellen Suchtkongresses. Die 600 Teilnehmer wollen über Möglichkeiten der Prävention und Therapie diskutieren. Als Kongresspräsident hat Thomasius eine klare Forderung an die Politik: Die Behandlungsmöglichkeiten für computerspiel- und internetsüchtige Kinder und Jugendliche müssten ausgebaut werden. Derzeit gebe es in Deutschland nur 200 Plätze in der stationären Suchtbehandlung, erklärt er. Der Bedarf sei groß: Allein in das Hamburger Zentrum kommen jährlich rund 1600 Kinder und Jugendliche – und bei einem Viertel der Hilfegesuche gehe es um internetbezogene Störungen. Bernhard Sprengel

Was Eltern tun können, um Smartphone-Sucht zu verhindern

Smartphones haben schon auf die Kleinsten eine magische Anziehungskraft. Bereits Dreijährige können das Handy oft versiert nutzen: Sie wischen, tippen, und schon erscheinen quietschbunte Bilder, Videos oder Spiele. Welche Regeln können Eltern im Umgang mit dem Smartphone am besten einführen? Drei Tipps dazu von Buchautor Thomas Feibel („Jetzt pack doch mal das Handy weg!“):

Signale ausschalten: Eltern können zusammen mit den Kindern überlegen, welche Benachrichtigungen sich auf dem Smartphone deaktivieren lassen. Auch entlastet es, wenn im Sperrbildschirm keine Nachrichten angezeigt werden. Jedes „Pling“ weckt das Aufmerksamkeitssystem, gleichzeitig wird die Erwartung geschürt, dass etwas Lustiges oder Tolles passiert. Daran gewöhnt sich das Gehirn, sodass schnell eine Suchtschleife entsteht.

Nutzungsdauer bewusst machen: Auch Eltern kennen es, wie es ist, nur mal schnell die neuesten Bilder bei Instagram anzusehen oder die letzten Facebook-Posts lesen zu wollen – und zack, ist eine Stunde vergangen. Da Kinder permanent online sind, sobald sie ein Smartphone haben, lohnt sich folgendes Experiment: einfach mal die Zeit stoppen, die Kinder fürs Lernen brauchen. Einmal mit und einmal ohne Smartphone, rät Feibel. Ohne Handy wird es vermutlich schneller gehen. Da die meisten Kinder nicht freiwillig mehr Zeit mit dem Lernen verbringen wollen, haben Eltern ein gutes Argument: Das Smartphone kann ein ganz schöner Zeitfresser sein.

Handyverbot vermeiden: Das Handy zu verbieten, erscheint verlockend, sollte aber die letzte mögliche Lösung sein. Denn das Smartphone einfach einzukassieren, zeigt Kindern: „Ich habe Macht, und du bist machtlos.“ Einen konstruktiven Austausch ermöglicht das nicht. Besser sind Abmachungen, zu welchen Zeiten alle das Handy in der Familie weglegen sollten – zum Beispiel beim Essen, beim Schlafen oder an einem festgelegten Tag des Wochenendes. Erst wenn diese Regeln nicht eingehalten werden, kann das Telefon auch mal für einen Tag weg sein.

Meistgelesene Artikel