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    Das passive Abseits – umstritten wie der Rettungsschirm

    Nach dem Spiel von Mainz 05 und FC Augsburg wurde heftig über das passive Abseits gestritten. Ein heißes Thema. Mit langer Geschichte.

    Marco Fritz. Gegen den Schiri gab es Pfiffe ohne Ende von Mainzer Fans.
    Marco Fritz. Gegen den Schiri gab es Pfiffe ohne Ende von Mainzer Fans.
    Foto: dpa

    Mainz - Das passive Abseits ist im Fußballsport inzwischen ein nicht minder umstrittener Vorgang wie in der Finanzwelt der europäische Rettungsschirm.

    Spielszenen: Mainz 05 - FC Augsburg 0:1
    Nicolai Müller (M.) am Drücker. Seinen Torjubel in der 42. musste er schnell wieder abbrechen.
    Foto: Bernd Eßling

    Gerade am vergangenen Bundesliga-Wochenende haben sich Experten und Laien wieder heftig über das passive Abseits gestritten. Ein komplexes Thema. Ohne erkennbaren Rettungsschirm. Zumal schon die unterschiedlichen Wahrnehmungen dieser strittigen Szenen überhaupt nicht vergleichbar sind.

    Die Schiedsrichter haben auf dem Platz diese dynamischen Aktionen, die in Sekundenbruchteilen ablaufen, situativ zu bewerten, und das aus einem mal günstigeren, mal weniger günstigeren Blickwinkel heraus. Experten und Laien schauen sich das am Fernsehen an. Und das bis zur achten Zeitlupenaufnahme, eingefangen aus bis zu fünf verschiedenen Kamerapositionen. Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung wird sich niemals überbrücken lassen, es sei denn, man würde das Kamerabild binnen der 90 Minuten zur Beweisführung heranziehen. Was wenig sinnvoll ist, denn das passive Abseits bietet derart viele Interpretationsspielräume, dass sich in einer Spielunterbrechung in einem Expertenteam locker 20 Minuten diskutieren ließe nebst anschließender Abstimmung mit einfacher Mehrheit.

    Frühere Abseitsregel hat mächtig genervt

    Blenden wir ein paar Jahre zurück. Warum wurde das passive Abseits eingeführt? Weil Spieler u n d Zuschauer von der alten Regel „Abseits ist Abseits, und zwar immer und überall“ mächtig genervt waren. Da wurde ein Tor nicht anerkannt, weil sich an der Eckfahne ein Spieler gerade seinen Schuh gebunden hatte – in Abseitsstellung. Da segelte ein langer Flugball auf den linken Flügel, und der Linienrichter riss die Fahne hoch, weil 50 Meter entfernt am rechten Flügel ein Spieler einen halben Meter ins Abseits gelaufen war. Da kam gegen stark auf Abseits spielende Abwehrreihen - Spezialisten waren dafür lange belgische und holländische Mannschaften - überhaupt kein Spielfluss mehr auf. Das war zäh. Da brauchte ein Zuschauer gute Nerven und unendlich viel Geduld.

    Also kam die Idee mit dem passiven Abseits auf. Anzuwenden auf Spieler, die bei einem Tor zwar im Abseits standen, mit der Entstehung und mit dem Abschluss aber in ihrer Position nichts zu tun hatten. Das war ein echter Fortschritt. Doch die Praxis zeigte Mängel auf. Es ist unbefriedigend, wenn ein Angreifer in Abseitsstellung einen Abwehrspieler bindet oder beschäftigt oder dem Torwart die Sicht versperrt – und diese Situation ein Tor maßgeblich begünstigt. Oder anders ausgedrückt: Ein Abwehrspieler kümmert sich um einen im Abseits stehenden Angreifer, und dahinter entwischt aus einer regulären Position ein unbewachter Angreifer und markiert das Tor.

    Zwei Beispiele dazu. In einer Bundesligapartie standen dann irgendwann in Tornähe drei von Abwehrspielern im Auge behaltenen Angreifer im Abseits, am langen Pfosten verwandelte der vierte Angreifer unbewacht und regulär die seitliche Flanke. In einer anderen Partie unterlief einem Abwehrspieler ein Eigentor, als er vor zwei im Abseits stehenden Angreifern die Kugel ins Netz grätschte. In beiden Fällen lautete das Urteil der Experten einhellig: Das ist ungerecht!

    Also dachten sich die Regelhüter die erste Variante für das passive Abseits aus. Schieds- und Linienrichter sollten bei einem Pass nach vorne so lange warten mit ihrer Entscheidung, bis unzweifelhaft klar sei, ob der Adressat ein im Abseits stehender oder nicht im Abseits stehender Spieler ist. Da wurden lustige Situationen geboren. Da sprinteten mal zwei Angreifer über 60 Meter einem Ball hinterher, und die Unparteiischen ließen so lange laufen, bis sich ergab, ob der aus dem Abseits gestartete Spieler die Kugel annehmen würde oder der nicht aus Abseitsposition gestartete Angreifer.

    Und schon damals kamen Diskussionen auf, ob ein in Abseitsposition befindlicher, letztlich aber nicht angespielter Angreifer mit seinem Laufweg nicht doch Abwehrspieler und/oder Torwart nachhaltig irritiert habe. Da hatten findige Trainer längst die Idee umgesetzt, etwa bei seitlichen Standards grundsätzlich Richtung kurzen Pfosten schon mal zur Ablenkung Angreifer im „passiven“ Abseits zu platzieren.

    Interpretation ist einfach alles

    Dem schloss sich dann eine Phase an, in der in den oben geschilderten Situationen und ähnlichen passives Abseits zu aktivem werden konnte, wenn der im passiven Abseits stehende Angreifer in dieser einen Spielsituation noch mal Kontakt zum Ball bekommt. Es sei denn, es handelte sich um eine ganz neue Spielsituation. Herrlich! Was genau führt zu einer neuen Spielsituation? Ein Pass, eine Notgrätsche, eine leichte Berührung mit den Haarspitzen, ein Torwartabpraller? Die Interpretationsspielräume füllten allwöchentlich ganze Kommentarspalten. Die neue Spielsituation war heftiger umstritten als das vom Papst bestätigte Kondomverbot.

    Und seit diesem Sommer also die ganz neue Variante. Ein passiv im Abseits stehender Angreifer wird aktiv bewertet, wenn er bei einem Torerfolg seiner Mannschaft einen gegnerischen Abwehrspieler und/oder Torwart mit seinem Laufweg Richtung Ball beeinflusst hat. Oder so ähnlich, irgendwie! Da sind die Interpretationsspielräume noch vielfältiger als bei den diversen Spekulationsangeboten auf dem Börsenparkett. Und zu diesen passiv-aktiven Situationen ist nicht mal eine weit vorausschauende Bauernweisheit von Sepp Herberger überliefert.

    Den heutigen Allwissenden, Kaiser Franz Beckenbauer, möchte man bei seinen weisen Ausführungen zu diesem Thema („Da müssens jetzt die Schiedsrichter mal aan klugen Vorschlag moachen!“) umgehend vom passiven ins aktive Abseits befördern. Immerhin sagte der Kaiser auch: „Aber zurück in die Steinzeit wollens mir nöt!“

    Vielleicht sollte man mal einen FDP-Politiker befragen. Die Steuersenkungsexperten wissen, wie man passiv ins aktive Abseits geraten kann. Und den Rettungsschirm lehnen die Jungs in Gelb auch noch ab.  Reinhard Rehberg

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