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    "Candide" in Wiesbaden: Die beste aller Operetten des Broadways

    Jeder kennt Leonard Bersteins "West Side Story" - das Wiesbadener Theater zeigt derzeit, dass auch seine komische Operette "Candide" ein pralles Theatervergnügen sein kann.

    Beine hoch zur Koloraturarie: "Candide" am Staatstheater Wiesbaden. Foto: Leclaire
    Beine hoch zur Koloraturarie: "Candide" am Staatstheater Wiesbaden.
    Foto: Leclaire

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Als Tourneeproduktion oder an Stadt-, Staats- oder anderen Theatern: Leonard Bernsteins "West Side Story" ist einer der wenigen garantierten Kassenknüller des 20. Jahrhunderts. Schon deswegen haben Theater immer wieder versucht, "das andere" Stück Bernsteins zu platzieren - meist ohne allzu großen Erfolg. So hat es von den insgesamt sieben Bühnenwerken Bernsteins neben der "West Side Story" (1957) sein "Candide" von 1956 gerade mal eben so geschafft, sich im Bewusstsein des Publikum zu halten.

    Hommage an Europas Musik

    Die Ursachenforschung zum mäßigen Publikumsrückhalt für das Stück nach Voltaire, das Bernstein mit dem Gattungstitel "Comic Operetta" versah, begann schon nach dem ersten Broadway-Lauf: Immer wieder wurden Texte und Orchestrierungen geändert, Umfänge gestaucht und gelängt. Einigkeit herrscht darüber: Die Musik ist großartig. Man kann nur staunen, wie Bernstein mit leichter Hand eine Hommage an die Musiktraditionen des Alten Europa hinlegt, die vom Bach'schen Choral bis zur fetzigen Zwölftonreihe (ja, so etwas gibt es!) reicht.

    Und auch Voltaires satirische Novelle hat es in sich: 1759 stellte der französische Philosoph damit eine bissige Replik gegen die optimistische Weltsicht eines Gottfried Wilhelm Leipzig auf. Voltaire schickt seinen Helden auf Weltreise, um ihn begreifen zu lassen, dass hinter der "besten aller möglichen Welten" ein allgegenwärtiger Sumpf aus Krieg, Missbrauch und Missgunst ist.

    Das Problem des Bernstein-Werkes: Die Erzählerfigur, die durch das Stück führt, hält die Episoden eher locker zusammen, die Proportionen scheinen in "Candide" immer wieder zu verrutschen - und die heute üblicherweise gespielte Fassung von 1989 hat so auch einige Längen - es sei denn, man begegnet ihnen mit so viel Bühnenfantasie wie jetzt am Staatstheater Wiesbaden.

    Was Regisseur Bern Mottl, sein Bühnen- und Kostümbildner Friedrich Eggert und der Choreograf Götz Hellriegel da auf die Wiesbadener Bühne wuchten, würde auch der jüngst erfolgsverwöhnten Komischen Oper Berlin bestens zu Gesicht stehen: "Candide" als quietschbunte Revue, als Ausstattungsschlacht mit immer neuen, großen Bühnenbildern. Das beginnt mit dem Schloss, in dem Candide Kunigunde kennen- und lieben lernt, führt über Bühnenbildorgien in der Tango-Szene der alten Lady, bringt Wasserballett auf dem Trockenen (das vor Tanzlust berstende Ballett liegt auf dem Rücken und wird von einem gigantischen Spiegel gezeigt): Man staunt über den Aufwand und die grandiosen Ideen des Leitungsteams.

    Dabei kommt der bitterböse Unterton des Stückes keineswegs zu kurz: Wenn das Volk freudig zum Inquisitionsgericht schreitet ("Komm und geh, komm und geh, mit zu Autodafé"), bleibt einem das Lachen durchaus im Halse stecken, wenn zu flotten Rhythmen zwei Delinquenten gehängt werden.

    Kritik an den Religionen

    Auch die Religionen bekommen es ab: Muss sich die ohnehin auf allen Kontinenten missbrauchte Kunigunde abwechselnd einem reichen Juden und einem Inquisitor hingeben (die dafür auch prompt erschossen werden), so hat der Regisseur dem Bild des glückseligen Eldorado noch eine Muslima hinzugefügt, die aufbegehrt - und dafür prompt zu süßesten Klängen gesteinigt wird. Das passt absolut in die Botschaft des Stückes - aber nicht ins Weltbild einiger Premierenbesucher, die mit wütenden Buhrufen protestieren.

    Wer sich nicht auf den Text einlassen wollte, konnte immerhin der wohl kaum zu steigernden musikalischen Umsetzung etwas abgewinnen: Ab den ersten Sekunden der recht bekannten Ouvertüre ist klar, dass Albert Horne das Staatsorchester voll im Griff und einen knackigen, tempo- und kontrastreichen Zugriff auf das Stück hat. Von den großen Ensembles - der Chor macht mit viel Spielfreude und großem Klang mit - bis zu den intimsten Szenen entsteht hier eine Deutung des Stückes, die in mancher der bekannten Einspielungen nicht erreicht wird.

    Wolfgang Vater macht als Erzähler eine sehr gute Figur, Aaron Cawley ist als Candide schon recht dramatisch, aber überzeugend besetzt, Romina Boscolos alte Lady kommt flott und mit gleißenden Tönen daher, Benjamin Russels Maximilian und die Paquette von Victoria Lambourn gewinnen den kleineren Partien viel ab. Die größten Effekte hat Bernstein seiner Kunigunde mitgegeben - als Reminiszenz an eine große Tradition großer Koloratursoprane. Gloria Rehm lässt sich davon nichts entgehen und räumt mit herrlich ausgeglichener Stimme, keckem Spiel und blitzenden Höhen beim Publikum mächtig ab. So viel Unterhaltung war lange nicht in Wiesbaden - ein Spektakel mit einigem Tiefgang, das man nicht verpassen sollte.

    Karten und Termine unter Tel. 0611/132 325

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