Archivierter Artikel vom 21.03.2013, 07:00 Uhr
Moskau

Nothilfen: Russen reagieren mit Genugtuung auf zyprisches Nein zur Zwangsabgabe

In Russland folgte auf den ersten Aufschrei über die von Zypern geplante Zwangsabgabe plötzlich satte Genugtuung. Eben noch sahen die Russen ihr Land als Quelle „schmutzigen Geldes“ gebrandmarkt. Nun werden sie als Retter in der Not gebraucht. Eine Delegation um den zyprischen Finanzminister machte sich auf nach Moskau, um neue Kredite auszuhandeln.

Ist Zypern mithilfe russischer Milliarden bald wieder liquide? Seit Anfang der 90er-Jahre verbindet beide Länder eine enge Beziehung.
Ist Zypern mithilfe russischer Milliarden bald wieder liquide? Seit Anfang der 90er-Jahre verbindet beide Länder eine enge Beziehung.
Foto: DPA

Der Präsident des Inselstaates, Nikos Anastasiades, hatte nach dem Scheitern der Zwangsabgabe mit Putin telefoniert. Dieser hatte ihm großzügig angeboten, Russland zu besuchen – „wann immer es ihm angenehm sei“.

Unter anderem erwägen russische Investoren offenbar, die Cyprus Popular Bank zu kaufen, die nur noch mit Nothilfen der Europäischen Zentralbank über Wasser gehalten wird. Klar ist: Moskau ist daran interessiert, das Vermögen russischer Oligarchen auf Zypern zu schützen und einen Kollaps der Insel zu verhindern.

Als Gegenleistung könnte Zypern seine Gasvorkommen an den Kreml verpfänden. Einem Bericht der Royal Bank of Scotland (RBS) zufolge haben diese einen Wert von mehr als 600 Milliarden Euro. Moskau könnte auch auf einen Marinehafen auf Zypern pochen. Russlands Einfluss im Mittelmeerraum würde dadurch zunehmen, Nikosia würde sich zum Vasall Moskaus machen.

Die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Zypern und Russland sind in komplizierter Weise miteinander verflochten. Der Inselstaat gehört zu den drei größten Investoren in Russland. Rund 24 Prozent aller Direktinvestitionen, insgesamt 13,6 Milliarden Dollar, kamen 2011 aus Zypern. Paradoxerweise handelt es sich dabei meist um Geld, das zuvor aus Russland abgezogen wurde.

Denn im selben Zeitraum transferierten russische Geldinstitute, Unternehmen und Privatleute insgesamt 22,4 Milliarden Dollar nach Zypern. Zu Recht sprechen manche davon, Zypern sei für Russland eine Art „inoffizielle Landesbank“.

Die Ursachen dafür reichen zurück in die frühen 90er-Jahre. Zypern hat sich für die neuen russischen Unternehmer aus verschiedenen Gründen angeboten: „Als christlich-orthodoxes Land ist es uns mental und kulturell näher als andere Finanzstandorte, etwa in Asien“, erklärt Aleksej Terechow, Vizedirektor der Finanzagentur FBK. In Zypern gilt für Russen keine Visapflicht.

Zudem ist es unkompliziert, dort ein Unternehmen zu gründen. Die Steuerbelastung ist bis heute eine der niedrigsten in der EU. Und die Herkunft des Geldes wurde nicht überprüft. Der Inselstaat hat außerdem eine zuverlässige Gerichtsbarkeit nach britischem Recht – ein weiterer Vorteil für ausländische Investoren, so Finanzberater Terechow.

Heute sind die Russen nach den Briten in Zypern die größte Anlegergruppe. Laut Ratingagentur Moody's entfallen von 68,4 Milliarden Euro auf zyprischen Konten bis zu 27 Milliarden auf russische Unternehmen und Privatpersonen. In Russland kursiert die Meinung, dass die EU Zypern die Zwangabgabe absichtlich aufdrängen wollte, um die Russen zu treffen. „Dahinter steht eine politische Berechnung, Zypern als selbstständiges Finanzzentrum zu vernichten“, glaubt etwa der Ökonom Andrej Bunitsch, „damit will man Schwierigkeiten schaffen für alle russischen Firmen und Privatpersonen, die über Zypern Geschäfte abwickeln.“

Von unserer Moskauer Korrespondentin Doris Heimann