Archivierter Artikel vom 25.01.2013, 07:15 Uhr
Rheinland-Pfalz

Karneval in der Krise – RZ-Reporter auf der Suche nach dem Frohsinn

Manch einem Narr vergeht das Lachen: Die Karnevalssitzung ist abgesagt, der Rosenmontagsumzug fällt aus. Wird der Narrhallamarsch künftig zu Hause geblasen, steckt der Karneval in der Krise? Unsere Reporter haben sich auf die Suche nach dem Frohsinn gemacht – und sind dabei auf Erstaunliches gestoßen.

In Mainz, der Landeshauptstadt der Fastnacht, unterliegt das närrische Treiben einem langsamen, aber stetigen Wandel. „Ansprüche und Erwartungen des Publikums ändern sich“, sagt ein Kenner der Szene. Der renommierte Gonsenheimer Carneval- Verein (GCV) erfand deshalb schon vor zwei Jahren die „Stehung“ als Alternative zur „Sitzung“. Da gibt's viel Livemusik und Sketche, aber wenige Büttenreden.

Andere Narren besinnen sich auf ihre Ursprünge: So feiert die Kneipenfastnacht fröhliche Urständ: Die Allerscheenste halten diese Tradition seit Jahren hoch, ebenso die Narren im Weinhaus Flehlappe. Neben der etablierten links-alternativen Fastnacht der Meenzer Drecksäck gibt es etwa die schräg-schrill-anarchistische „Rote-Armee-Fastnacht“ in der Kneipe Hafeneck. Das sind dann Geheimtipps, für die es sehr schwer ist, an Tickets zu kommen. Kein Problem haben auch die großen etablierten Mainzer Karnevalsvereine. Sie können sich weder über Nachwuchsmangel, fehlendes Engagement noch über halb leere Säle beklagen. Spitzenvereine wie der Mainzer Carneval-Verein (MCV), der Gonsenheimer Carneval-Verein, doe Eiskalte Brüder oder Mombacher Bohnebeitel veranstalten bis zu sechs, acht Sitzungen, die lange im Voraus ausverkauft sind.

Dennoch gibt es auch in Mainz sinkende Sterne: Erstmals fällt etwa der traditionelle Maskenball der Mainzer Prinzengarde in der Rheingoldhalle am Fastnachtssamstag aus. Grund: Er rechnet sich nicht mehr.

Der Strukturwandel hat auch Koblenz erfasst. Einige Vereine sind dazu übergegangen, neue Formate zu entwickeln. Ganz vorn mit dabei ist die Große Koblenzer Karnevalsgesellschaft (GKKG), die 2012 erstmals ihre Mädchensitzung präsentierte. In dieser Session gibt es am Karnevalssamstag sogar eine Neuauflage des lange „eingeschlafenen“ großen Karnevalsballs. „Das wird eine Mega-Party“, freut sich GKKG-Geschäftsführer Dirk Crecelius. Mit rückläufigen Besucherzahlen, steigenden Kosten und fehlendem Redner-Nachwuchs müssen sich auch die Koblenzer Vereine herumschlagen. Vor allem kleineren Innenstadt-Korporationen geht zunehmend die Luft aus. Anders die Stadtteile mit dörflichen Strukturen. Hier melden die Vereine nach wie vor volles Haus.

Auch in Bad Kreuznach ist das närrische Angebot noch groß. Häufig kommt es sogar zu Sitzungsüberschneidungen. Aber: Es fehlt an jungem Publikum. Deshalb investieren die Vereine in Marketingaktionen, verteilen wie im Stadtteil Winzenheim Programmflyer. Ein Dauerbrenner in dieser Session: der Streit zwischen den Hackenheimer Nachteulen und KKC Grün-Gelb, die im Frühjahr 2012 fusioniert haben und aufgrund interner Querelen jetzt wieder getrennte Wege gehen.

Im Kreis Cochem-Zell fällt in diesem Jahr zum ersten Mal ein großer Rosenmontagsszug aus: In Binningen mangelt es schlichtweg an Helfern. „Wir haben keinen Nachwuchs mehr, der uns ersetzen kann“, sagt Günter Urwer vom Karnevalsverein. Sein Team und die Möhnen haben 33 Jahre lang den Zug auf die Beine gestellt.

Gleich in der Nachbarschaft, im fünf Kilometer entfernten Karden an der Mosel, sieht es nicht viel besser aus: Dort hat sich der Carnevalsklub ganz aufgelöst. Damit fallen ein Umzug und eine Kappensitzung weg. Helmut Schmitt, Bezirksrepräsentant des RKK (Rheinische Karnevals-Korporationen), sagt: „Es klemmt fast überall, und das liegt am Mangel an Helfern.“

Neues haben die Blauen Funken in Mayen versucht: Statt in einem Saal veranstalteten sie ihre Sitzung 2012 zum ersten Mal in einer Kneipe. Der Abend war auf Anhieb ein Erfolg. In diesem Jahr gibt's deshalb eine Neuauflage.

Klein, aber fein lautet auch das Erfolgsgeheimnis im Westerwald. Vor allem in den Dörfern brummt der Karneval wie in besten Zeiten. Schlecht hingegen sieht es im großen Montabaur aus: „Bei uns ist die Lage mehr als bescheiden“, sagt Christof Kunoth von der KG Heiterkeit. „In den 80er- Jahren haben wir mal sieben Kappensitzungen gemacht, die alle ausverkauft waren. Heute veranstalten wir nur noch eine und bekommen nicht mal die voll.“

Mangels Zuschauerinteresse verzichtet die KG Goubloch Oberwesel auf ihre zweite Kappensitzung. Die wird in Kaa-Sitzung umgetauft (Kaa = keine). Es gibt keine Büttenreden, dafür wird getanzt. Durch reduzierte Bestuhlung wird Platz zum Schunkeln geschaffen.

„Mir lossen ohs net bang maache“, heißt es in Bad Breisig. Irmgard Köhler-Regnery, Vorsitzende der Karnevalsgesellschaft, will von einer Krise nichts wissen. „Gerade in dieser Session waren unsere Veranstaltungen bisher überaus gut besucht.“ Das Bad Breisiger Erfolgsrezept: „Wir können mit unseren eigenen Kräften und Themen noch den viel beschworenen Lokalkolorit bieten.“

Im Kreis Birkenfeld ist zwar auch alles eine Nummer kleiner. Manchmal reicht das Einzugsgebiet einer Veranstaltung kaum über die Dorfgrenze hinaus. Genau das kommt aber an. Tendenziell hat die Zahl der Karnevalsveranstaltungen in den Dörfern eher zugenommen.

Von unseren Reportern