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Koblenz

Der Beruf des Arztes ist einem stetigen Wandel ausgesetzt

Bei der Mai-Veranstaltung von "60 Minuten-SPD im Dialog" war der Chef- und Facharzt für Innere Medizin/Schwerpunkt Kardiologie Dr. med. Waldemar Bojara zu Gast. Budgetierung, Medizinstudium und ländlicher Dienst wurden unter anderem thematisiert

Gast der Mai-Veranstaltung der Reihe „60 Minuten-SPD im Dialog“ war der Chef- und Facharzt für Innere Medizin/Schwerpunkt Kardiologie Dr. med. Waldemar Bojara. Der Vorsitzende der SPD Koblenz und Mitglied des Deutschen Bundestages Detlev Pilger führte gemeinsam mit Landtagsabgeordneten Dr. Anna Köbberling durch die Veranstaltung.

Neben der beruflichen Vita des Gastes ging es auch um Fragen zum Gesundheitssystem allgemein. Für Bojara war seit dem 18. Lebensjahr klar, dass sein Interesse den Menschen auch beruflich gelten sollte. Bis heute habe er dies nicht bereut. Den Beruf des Arztes empfindet er voller Überzeugung mehr als Berufung, denn als berufliche Pflicht. Im Mittelpunkt seiner ärztlichen Ethik stünden der Zustand der Seele, eine gesunde Ernährung und körperliche Ausgewogenheit.

In Detlev Pilgers Augen ein Glück für den Gesundheitsstandort Koblenz und das Gemeinschaftsklinikum Kemperhof, eine Kapazität wie Bojara zu haben. Gleichzeitig sehe sich der Arztberuf gerade in ländlichen Regionen einer verminderten Attraktivität ausgesetzt, weshalb es junge Ärzte mehr in die größeren Städte zöge. Auf die Frage, ob dem nicht mit einer Herabsetzung des Nummerus Clausus (NC) für das Studium der Medizin auf der einen Seite in Verbindung mit einem verpflichtenden Dienst im ländlichen Raum auf der anderen beigekommen werden könne, stimmt Bojara Pilger zu. Schließlich sei der NC kein Garant, für ausschließlich gute Ärzte oder ein Qualitätsmerkmal. Ein verpflichtender Dienst im ländlichen Raum könne sinnvoll sein. Gleichzeitig müsse aber am Ethos des Arztberuf als Berufung gearbeitet werden. Die Bereitschaft, 24/7 Arzt zu sein, sinke bei der jüngeren Generation.

Gleichzeitig sei auch der Arztberuf einem stetigen Wandel ausgesetzt. Stichwort hierbei sei auch die Digitalisierung, die sinnvolle Bausteine auch für eine medizinische Versorgung im ländlichen Raum liefern könne. Dennoch dürfe und könne sie kein Ersatz für den persönlichen Kontakt zwischen Patienten und Arzt sein.

Auch die Budgetierung der Medizin und der Kassenärzte stehe immer wieder in der Kritik. Für Bojara stellt Budgetierung grundsätzlich nichts negatives dar. Eine optimale Versorgung könne auch durch Ersatzpräparate erzielt werden. Deutschland habe im internationalen Vergleich immer noch eines der weltweit führenden und effektivsten Gesundheitssysteme. Dennoch sieht er das zwei-Säulen-Prinzip der Gesundheitsversorgung in Deutschland, bestehend aus gesetzlich und privat Versicherten, überdenkenswert. Die Bürgerversicherung der SPD sei hier ein interessanter Ansatz, wenngleich die Ausgestaltung im Detail entscheidend sei.

Er selbst mache in seiner täglichen Behandlungspraxis und Versorgung keine Unterschiede zwischen gesetzlich oder privat versichertenPatienten. Er sehe dies für seine gesamte Abteilung im Kemperhof sichergestellt. Jeder bekomme hier die medizinische Behandlung, die im Einzelfall notwendig sei.

Dennoch stehe einer durchschnittlich hochwertigen Ausbildung im medizinischen System Budgetierung und Kostendruck entgegen. Das wichtige persönliche Gespräch werde nicht honoriert, anders als das Verschreiben von Medikamenten oder nicht immer sinnvollen und wirklich notwendigen Operationen. Daher hinterfrage Bojara kritisch, die Häufigkeit der Operationen in der alltäglichen Behandlungspraxis. Hier werde zu viel und zu häufig operiert. Die Sterblichkeit beispielsweise bei der Koronaren Herzerkrankung sei trotz vieler Katheter-Operationen in Deutschland im internationalen Vergleich nicht niedriger und besser. Hier lägen wir allenfalls im Mittelfeld.

Auch ließe ein immer stärker werdender ökonomischer Druck die Einflussnahme der Wirtschaft steigen. Diese ökonomische Anreize seien in seinen Augen mitverantwortlich für Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem.

Gefragt nach der Ein-Standort-Lösung sieht Bojara hierin einen sinnvollen und richtigen Schritt mit Blick in die Zukunft und Zukunftsfähigkeit des Gesundheitsstandortes Koblenz und für das Klinikum im Ganzen. Auch können hierbei sogenannte Quartalskliniken die ohnehin überlasteten Notaufnahmen entlasten.

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