Archivierter Artikel vom 02.05.2012, 08:49 Uhr

Ein Jahr nach Osama bin Ladens Tod: Ideologie von El Kaida lebt weiter

Als Osama bin Laden kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine E-Mail öffnete, traute er seinen Augen kaum: „Wir sitzen in einem Schiff, das du gerade niederbrennst“, hatte der Absender geschrieben, „du hast dich von Kino, Blitzlichtgewitter, Fans und Applaus anstecken lassen.“

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Fanatische Pakistani verbrannten eine amerikanische Flagge, als sie erfuhren, dass Osama bin Laden von einer US-Spezialeinheit getötet worden war.
Fanatische Pakistani verbrannten eine amerikanische Flagge, als sie erfuhren, dass Osama bin Laden von einer US-Spezialeinheit getötet worden war.

Die wüste Schimpftirade stammte von einem Mann, der fest davon überzeugt war, dass die Organisation El Kaida mit dem kinoreifen Frontalangriff auf Amerika auf dem besten Weg war, sich selbst zu zerstören. Am Ende würde er recht behalten. Denn als Bin Laden in der Nacht zum 2. Mai 2011 von amerikanischen Elitesoldaten erschossen wurde, da war von seiner Organisation nicht mehr viel übrig.

Zugegeben, es brauchte fast zehn Jahre und einen neuen amerikanischen Präsidenten, der anders als sein Vorgänger erkannt hatte, dass die beste Strategie gegen den El-Kaida-Chef und seine Terrortruppe nicht der pauschale „Kampf gegen den Terrorismus“ ist, sondern das gezielte Töten seiner Gefolgsleute. Der Mut Barack Obamas, zwei Dutzend US-Soldaten auf eine lebensgefährliche Mission zu schicken, um „Geronimo“ – das Codewort für Bin Laden – zu töten, war bewundernswert angesichts der politischen Krise, die ein Scheitern des Einsatzes ausgelöst hätte. Aber an der Bedrohungslage für die Welt hat sich dadurch wenig geändert. Bin Laden ist tot, seine Kerntruppe nahezu handlungsunfähig, doch El Kaida lebt in anderer Form weiter – als Weltanschauung, die immer mehr Anhänger findet.

Die Speerspitze des Kampfes

Im Maghreb, auf der arabischen Halbinsel, im Irak, in Gaza, Libanon, Libyen und Somalia gibt es mittlerweile Terrorgruppen unter der schwarzen Flagge der El-Kaida-Ideologie. Sie sind die Speerspitze des bewaffneten Kampfes in diesen Ländern, aber gleichzeitig auch Inspiration für junge Leute in Westeuropa, die mitmachen wollen. Die meisten – auch aus Deutschland – ziehen auf der Suche nach ihrem Dschihad nach Somalia oder an den Hindukusch, aber nicht alle tun das, um dort zu kämpfen.

Mohammed Merah, der Killer von Toulouse, der im März drei Soldaten, einen Rabbi und drei Kinder tötete und seine Bluttaten filmte, war nur mal kurz in Pakistan zum Schießtraining, weil er den Krieg mit einfachsten Mitteln nach Frankreich tragen wollte. Solche Anschläge sind auch in Deutschland nicht mehr nur „nicht auszuschließen“ – so bisher die Einschätzung der Sicherheitsbehörden –, sie sind ab sofort „zu erwarten“. So steht es in den jüngsten Analysen der Ermittler.

Zu viele junge Islamisten mit Kampfeseifer, mit Zugang zu Waffen oder Sprengstoffen und mit wilder Entschlossenheit, als Einzeltäter oder in einer Kleinstgruppe anzugreifen, gibt es in Westeuropa. Sie folgen den strategischen Ideen des Mannes, der im Jahr 2001 Osama bin Laden per E-Mail die Leviten gelesen hatte: Abu Musab el Suri. Der gebürtige Syrer, dessen Geburtsname Mustafa Setmariam Nasar ist, kritisierte die Großoperationen der El-Kaida-Führung als „Selbstmord“, weil die Geheimdienste solche Pläne einfacher frühzeitig entdecken und die Drahtzieher selbst ins Visier nehmen könnten. Stattdessen forderte er einen Untergrundkampf in Westeuropa und den USA mit Dutzenden Einzeltätern oder kleinen Terrorzellen, die untereinander keine Kontakte haben, aber auf eigene Faust die gleichen Ziele verfolgen sollten. Anschlagsserien, die kein Ende fänden, auch mit Massenvernichtungsmitteln, dieses Rezept schrieb der rothaarige Dschihadist in seine Kampfschrift für den „Globalen Islamischen Widerstand“.

1600 Seiten umfasst das 2005 im Internet veröffentlichte Pamphlet, nur wenig mehr als das 1500 Seiten starke Manifest des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik, der bewiesen hat, dass ein Einzeltäter, ein sogenannter „einsamer Wolf“, mit einem Massaker eine Gesellschaft an den Abgrund bringen kann. Die Ähnlichkeit beider Machwerke ist erschreckend: El Suri und Breivik sind Verfechter der gleichen Strategie des individuellen Kampfes mit getrennt voneinander operierenden Zellen, und beide sehen die Welt in einem Kampf der Kulturen, in dem der syrische Muslim alle Christen und Juden, der norwegische Christ alle Muslime vernichten will.

Terrorstratege auf freiem Fuß

Leider findet dieser gegenseitige Hass immer mehr Anhänger – auch in Deutschland. Der Zulauf für die rechtsextreme Partei Pro NRW speist sich aus blanker Islamfeindlichkeit, der für salafistische Gruppierungen aus Hass gegen eine christlich-jüdisch geprägte Gesellschaft. Die beiden Seiten, so befürchten es die deutschen Sicherheitsbehörden, könnten sich gegenseitig immer weiter aufschaukeln, sodass Gewalttaten durch einzelne oder ganze Gruppen von Fanatikern „zu erwarten“ sind.

Abu Musab el Suri wäre das gerade recht. 2005 war er in Pakistan verhaftet und an US-Behörden überstellt worden. Die reichten ihn an seine Heimat Syrien weiter, um ihn dort unter Folter sein Wissen ausplaudern zu lassen. Aber jetzt ist er wieder frei, seit Dezember 2011, als ihn das Assad-Regime in Damaskus aus der Haft entließ. Der Terrorstratege, dessen Schriften gerade im Internet wieder auftauchen, soll wohl die Regierungen in Europa und den USA in Unruhe versetzen.

Tatsächlich steht El Suri weit oben auf der Tötungsliste der CIA. Doch selbst wenn er bei einer Drohnenattacke oder – wie Bin Laden vor einem Jahr – bei einer Kommandoaktion eliminiert würde: Die El-Kaida-Ideologie lebt weiter, mit neuer strategischer Ausrichtung, unübersichtlicher und damit gefährlicher denn je.

Von Elmar Theveßen