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Die Füße wund gepasst ohne Wertungspunkt

Noch vor zwei, drei Jahren hätte das kein Experte und auch kein Fan für möglich gehalten. Dass der FSV Mainz 05 in einem Bundesligaspiel in einem auswärtigen Stadion einen Gegner komplett dominiert. Mit technisch gepflegtem, taktisch klar strukturiertem Ballbesitzfußball. Man darf davon ausgehen: Hätten die Mainzer diese denkwürdige Partie in Nürnberg nicht nur in sämtlichen relevanten Messdaten gewonnen, sondern auch im Endergebnis, das Team von Thomas Tuchel wäre exakt für diese Vorstellung, für diese Art von mutigem Dominanzfußball hymnisch gepriesen worden. Dumm nur: Der haushoch unterlegene 1. FC Nürnberg gewann die Partie mit 2:1, schnappte die drei Punkte und robbte sich in der Tabelle bis auf einen Zähler an die 05er heran.

Das 1:0 für den 1. FC Nürnberg durch Per Nilsson: Der im Feld überragende Jan Kirchhoff (Nummer 15) kam bei seinem Störversuch im Luftkampf ein paar Zehntel zu spät auf die Höhe des Stopperhünen.
Fotos: Eva Willwacher
Das 1:0 für den 1. FC Nürnberg durch Per Nilsson: Der im Feld überragende Jan Kirchhoff (Nummer 15) kam bei seinem Störversuch im Luftkampf ein paar Zehntel zu spät auf die Höhe des Stopperhünen. Fotos: Eva Willwacher
Foto: Willwacher

Zum wiederholten Mal machen die Mainzer Profis diese Erfahrung. Ein Fußballspiel hat zwei Komponenten, die es zu bewerten gilt. Die Qualität der Leistung und das Ergebnis. Und nicht immer führt eine starke Leistung zum Wunschergebnis. Der Grund dafür ist dann zuweilen der Schiedsrichter, oft auch das fehlende Spielglück. Und manchmal liegt es auch einfach daran, dass eine beeindruckende Gesamtleistung genau in dem Bereich Lücken hat, in dem Fußballspiele entschieden werden: Chancenerarbereitung/Chancenauswertung.

Balltechnische Überlegenheit: Elkin Soto (links) gegen den Ex-05er Markus Feulner.
Balltechnische Überlegenheit: Elkin Soto (links) gegen den Ex-05er Markus Feulner.
Foto: Willwacher

Bleiben wir bei der Leistung. Das ist eine besondere Qualität gewesen, die das Tuchel-Team da im alten Nürnberger Frankenstadion aufs Feld brachte. Insbesondere in der ersten Halbzeit. 4-4-2 mit Mittelfeldraute. Glänzende Raumaufteilung. Ruhige, geduldige, präzise Flachpasskombinationen in die Breite und in die Tiefe. Die Aufgabe lautete, den destruktiv in einer engen Blockstellung verteidigenden Nürnbergern das Spiel aufzuzwingen und dabei nicht in die Gefahr laufen, mit leichten Ballverlusten dem Gegner Konter in geöffnete Räume zu gestatten. Wer wollte behaupten, die Mainzer hätten diese Mission nicht mit hoher Qualität erfüllt?

Die Innenverteidiger Bo Svensson und Nikolce Noveski standen phasenweise beim Aufbau schon in der gegnerischen Hälfte. Die Außenverteidiger Zdenek Pospech und Junior Diaz agierten wie Mittelfeldspieler. Julian Baumgartlinger und Elkin Soto dominierten die Halbräume, der stark aufspielende Jan Kirchhoff war der Chef im Zentrum. Nicolai Müller bot in der vorderen Reihe die Sprintläufe in die Tiefe an. Der Zehner Niki Zimling und Mittelstürmer Adam Szalai fügten sich in die zentrale Ballzirkulation ein. Gab es doch mal einen Ballverlust, erstickten die 05er mit konsequentem Gegenpressing jeden Nürnberger Umschaltansatz.

Auch die Torchancen hätten für eine wegweisende Halbzeitführung ausgereicht. Nicolai Müller war zweimal schon um den Torhüter rum. Beim ersten Versuch geriet der Winkel zu spitz, beim zweiten gab es Strafstoß. Der bis dahin starke Torjäger Adam Szalai, der den Club-Keeper Raphael Schäferfrüh mit einem Vollspanngeschoss zu einer prächtigen Rettungstat gezwungen hatte, verballerte. Das passiert.

Es passiert auch, dass man sich mal gegen Spezialisten zwei Standardtore einfängt. Spätestens aber beim Stand von 1:2 hätten die 05er ein Gespür dafür bekommen müssen, dass da mit Blick auf das Ergebnis etwas schiefläuft. Natürlich ist das Quatsch, aber von Außen betrachtet wirkten die Reparaturbemühungen in etwa so, als wollte die Mannschaft diesen Rückstand risikolos verwalten. Die Nürnberger stellten zu. Die Mainzer passten sich die Füße wund. Als ginge es da um einen Passcontest, einen Wettkampf: Wer schafft die meisten Ballkontakte innerhalb eines Spielzugs? Als hätte der Trainer vergessen zu verraten, dass Wertungspunkte nur erzielt werden können mit abschließenden Schüssen auf das große Tor.

Die 05er blieben beim Stand von 1:2 und noch 20 Minuten auf der Spieluhr stur in ihrem Schema: Ballbesitz. Hin und her, acht Meter nach vorne in mühsamer (technisch gekonnter) Kleinarbeit über unzählige Kontakte – und dann 15, 20, bis zu 30 Meter wieder zurück mit einem einzigen Sicherheitspass. Und noch mal von vorne, die Passorgie. Druck auf den gegnerischen Strafraum? Nahezu überhaupt nicht. Welchem Zweck dienen denn dann die Dominanz im Feld, die vielen guten Elemente wie kluge Vertikalpässe, schnelles Direktspiel, kreatives Freilaufverhalten, die intelligent aufgespielten Räume, wenn Richtung Strafraum derart oft Eifer, Zielstrebigkeit, Präzision, Wucht, Willen, Gier verloren gehen?

In Rückstand und im Gefühl, dass da ein merkwürdiger Spielverlauf seinen unguten Gang nimmt, ist ein Methodenwechsel nicht verboten. Zum Beispiel: Die langen Noveski und Kirchhoff nach vorne, gechippte Bälle ins Zentrum – und dann Kampf um die zweiten Bälle in den torgefährlichen Räumen. Das muss nicht zum Erfolg führen. Einen Rückstand passsicher zu Ende zu spielen, das ist in einer Schlussphase sicher nicht das geeignete Mittel der Wahl.

"Heute ist nicht der Tag der Abrechnung, wir sollten uns jetzt nicht vom Ergebnis leiten lassen", sagte der 05-Coach. "Der Weg ist das Ziel. Und wir hatten einen Weg bis hierher. Wir wollten heute dominant sein, wir waren es." Tuchel: "Wir werden auch noch ein Gefühl für Phasen entwickeln."

Reinhard Rehberg

Mainz 05
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