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    Siershahn/Wirges

    Nach 60 Jahren: Heibels treten aus Protest aus der Kirche aus

    Fast 60 Jahre lang war Johannes Heibel Mitglied der Römisch-Katholischen Kirche. Getauft 1955 in Siershahn, aufgewachsen in einem streng gläubigen Elternhaus, jahrelang selbst Messdiener. Nun sitzen er und seine Frau Monika im Wirgeser Standesamt, um aus der Kirche auszutreten.

    Monika und Johannes Heibel haben es schriftlich: Die Eheleute aus Siershahn sind aus der Kirche ausgetreten. Die früher praktizierenden Christen wollen damit den zweifelhaften Umgang der Religionsgemeinschaften mit Missbrauchsfällen anprangern.  Foto:  Thorsten Ferdinand
    Monika und Johannes Heibel haben es schriftlich: Die Eheleute aus Siershahn sind aus der Kirche ausgetreten. Die früher praktizierenden Christen wollen damit den zweifelhaften Umgang der Religionsgemeinschaften mit Missbrauchsfällen anprangern.
    Foto: Thorsten Ferdinand

    Von unserem Redakteur Thorsten Ferdinand

    In wenigen Minuten soll alles vorbei sein. "Ich hoffe, der da oben versteht meine Gründe", sagt der Siershahner nachdenklich. "Es ging einfach nicht mehr."

    Auch im Westerwald beschreiten immer mehr Menschen diesen Weg. Seit im vergangenen Jahr das Finanzgebaren des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz-van Elst bekannt wurde, stiegen die Austrittszahlen aus beiden christlichen Kirchen sprunghaft an. "Bis dahin waren es etwa 60 bis 70 Fälle in der Verbandsgemeinde Wirges pro Jahr", rechnet der Standesbeamte beispielhaft vor. 2013 kletterte die Zahl auf 120 Personen. 2014 waren es im Mai schon um die 80 Austritte.

    Die Heibels sind also keine Ausnahme, und trotzdem ist ihr Fall anders gelagert. Die Eheleute haben sich schwer getan mit ihrer Entscheidung. "Ich bin weiterhin gläubig", bekennt der Sozialpädagoge und Jugendpfleger. Doch der zweifelhafte Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen habe ihm letztlich keine andere Wahl gelassen, erläutert der 58-Jährige.

    Konkreter Anlass waren Heibels Recherchen für sein Buch "Der Pfarrer und die Detektive". Darin hat er in Zusammenarbeit mit Co-Autoren die innerkirchlichen Abläufe bei sexuellem Missbrauch durch Kleriker offengelegt. Beschrieben werden die Fälle zweier Pfarrer, die trotz nachweislicher Verfehlungen lange Zeit nicht aus ihren Ämtern entfernt, sondern lediglich an andere Orte versetzt wurden. Einer von ihnen ist ein ehemaliger Pfarrer von Ransbach-Baumbach, über dessen Neigung zu Kindern bereits der "Spiegel" berichtet hat.

    Der wegen Missbrauchs verurteilte Geistliche gab nach Angaben des Nachrichtenmagazins sogar zu, dass er Kinder gern am nackten Gesäß streichele, weil er dabei väterliche Gefühle empfinde. Den Missbrauchsvorwurf wies er jedoch stets von sich. Seinen Opfern ließ er Privatdetektive ins Haus schicken, damit sie eine Rücknahme der belastenden Aussagen erwirken. Diesen Vorgang wählte Heibel als Titel für sein Buch.

    Der Siershahner kritisiert unter anderem, dass sich die Kirche nicht klar von solchen Pfarrern distanziere. Oftmals dürften sie in einem anderen Bistum oder einer anderen Gemeinde weitermachen, wenn derartige Fälle publik werden, erläutert Heibel. Darüber hinaus verweigerten die Beschuldigten und ihre Vorgesetzten den Opfern auch die Möglichkeit zu einer persönlichen Aussprache. Die Kommunikation laufe dann nur noch über Rechtsanwälte. Kritische Anfragen würden meist gar nicht beantwortet, sagt der Autor.

    Johannes Heibel ist seit Jahren Vorsitzender der "Initiative gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen". Er selbst hat derart krasse Übergriffe zwar nicht erlebt, aber Gewalt durch Geistliche gehörte auch in der Kindheit des Westerwälders zum erzieherischen Alltag. Noch immer bewegt, berichtet Johannes Heibel, wie ihn ein Kaplan am Ohr durch die Kirche zog, weil er es gewagt hatte, während des Gottesdienstes einem Klassenkameraden die Uhrzeit vorzulesen.

    Das System basiere zu großen Teilen auf Zwang und Angst, kritisiert der Sozialpädagoge aus Siershahn. Die Obrigkeit sei mehr an Machterhalt und Reichtum interessiert als an den Sorgen und Nöten der Menschen.

    "Das ist in der evangelischen Kirche nicht anders", ergänzt Heibels Ehefrau Monika, eine langjährige Protestantin. Zusammen mit ihrem Mann unterschreibt sie im Wirgeser Standesamt die schriftliche Austrittserklärung. Beide zahlen die Bearbeitungsgebühr von 20,45 Euro und verlassen das Rathaus. "Endlich frei" fühle er sich, sagt Heibel, und blickt trotzdem etwas wehmütig zurück.

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