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    Niederbieber

    Rentnerin wird von drei Ärzten abgewiesen

    Es war ein Freitag. Irmtraud Gabriel hatte alle Unterlagen zum Krankheitsbild ihres 84-jährigen Mannes beisammen. Sie stand in der Praxis des Niederbieberer Arztes Dr. Ivo Seuser. Dessen Mitarbeiter hatten ihr einige Tage zuvor gesagt, der Doktor könne ihren bettlägrigen Mann als Patient aufnehmen. Daraus wurde nichts.

    Von unserem Redakteur Philipp Daum

    Als Seuser die Unterlagen sichtete und sich mit Irmtraud Gabriel unterhielt, kam es zum Streit. "Ich habe ihm gesagt, dass mein Mann einmal in der Woche einen Hausbesuch von einem Arzt benötigt", so die 73-Jährige. "Außerdem braucht er regelmäßig Krankengymnastik, damit die Gelenke nicht versteifen. Der Arzt hat mich daraufhin sehr schroff darum gebeten, die Praxis zu verlassen. Dabei wollte ich doch nur das Beste für meinen Mann."

    Der Arzt bestätigt diesen Vorfall. Gegenüber der RZ erklärt er, dass er die Frau tatsächlich "verbal etwas unsanft" angefasst habe. Doch die Forderungen, mit denen Gabriel ihn konfrontiert habe, seien "total überzogen" gewesen. Auch der Ton habe ihm missfallen. "Ich habe noch nie jemanden in der Praxis gehabt, der so fordernd aufgetreten ist", so der Mediziner. "Ich habe angeboten, einmal im Monat bei dem Mann vorbeizuschauen. Doch mit ihr war darüber nicht zu reden. Ohne den Patienten gesehen zu haben, weiß ich aus Erfahrung, dass solche monatlichen Routinebesuche ausreichen. Wenn ihr Mann in der Tat einmal wöchentlich betreut werden muss, sollte man sich die Frage stellen, ob er in einem Pflegeheim nicht besser aufgehoben wäre."

    Seuser wehrt sich entschieden dagegen, dass ihn das Schicksal der 73-Jährigen und das ihres kranken Mannes nicht interessiere. "Ich komme meiner Verpflichtung nach und mache viele Hausbesuche. Im Notfall komme ich selbstverständlich zu den Patienten, gar keine Frage. Für eine Rundumbetreuung, wie von Frau Gabriel gefordert, habe ich aber keine Zeit", sagt er. "Hinzu kommt, dass Frau Gabriel erst kürzlich nach Niederbieber gezogen ist. Ich kann und will meine langjährigen Patienten nicht vernachlässigen."

    Irmtraud Gabriel hatte vor ihrem Umzug mehrere Jahre lang in Bocholt (Nordrhein-Westfalen) gelebt. Hier kam es am 8. März 2011 zu einem folgenschweren Unfall. Ihr Mann hatte sich auf sein Bett gesetzt und einen Schluck Wasser aus einem Glas genommen. Er lehnte sich zurück und knallte mit seinem Hinterkopf gegen die Bettkante. Der Schädel brach, es folgten Gehirnblutungen. "Seitdem liegt er nur im Bett und starrt an die Decke", sagt Gabriel mit zitternder Stimme.

    In Niederbieber suchte sie zunächst den dort ansässigen Arzt Dr. Sergei Djatschuk auf, doch dieser weigerte sich, den Mann aufzunehmen. "Das hat mich getroffen", sagt die Rentnerin. "Zumal seine Praxis in unmittelbarer Nähe unseres Hauses liegt. Er bräuchte nur einmal in der Woche ein paar Schritte zu gehen, um meinen Mann zu besuchen." Djatschuk sagt dazu: "Aus Gründen der Kapazität, die ich längst überschritten habe, müssen meine Stammpatienten bis zu drei Stunden Wartezeit in Kauf nehmen. Würde ich weitere Patienten annehmen, würde sich zum einen die Wartezeit verlängern. Zum anderen würde sich wegen des entstandenen Zeitdrucks die Qualität der Behandlungen verschlechtern."

    Die 73-Jährige versuchte es anschließend ohne Erfolg beim dritten Niederbieberer Arzt Dr. Joachim Koßmann. Der sieht den wachsenden Bürokratieberg als Hauptgrund für die fehlende Patientenzeit. "30 bis 40 Prozent meiner täglichen Arbeit besteht aus dem Ausfüllen von Formularen oder Ähnlichem", sagt er. "Die Krankenkassen verlangen heute viel häufiger Nachweise darüber, warum ein Patient sich für längere Zeit hat krankschreiben lassen. Diese Nachweise müssen wir Ärzte erbringen, und dafür geht Zeit drauf." Außerdem habe die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte Probleme verursacht. "Das wird sich vermutlich wieder einpendeln, doch meine Mitarbeiter und ich verbringen damit sehr viel Zeit, die eigentlich den Patienten gehören sollte", betont Koßmann.

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