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Wied/St

Porträt: Pater Johannes Füllenbach ist ein Gärtner Gottes

Augustin. Pater Johannes ist ein kritischer Geist. Der Theologe reiste viel. Unter anderem lebte er mehrere Jahre in Amerika und Rom. Überall wo er war, hat der gelernte Gärtnermeister einen kleinen Garten angelegt.

Diesen Garten im Kloster der Steyler Missionare in St. Augustin hat Pater Johannes Füllenbach vor vielen Jahren angelegt. Hier hält er sich gern auf.  Foto: Creativ/Heinz Werner Lamberz
Diesen Garten im Kloster der Steyler Missionare in St. Augustin hat Pater Johannes Füllenbach vor vielen Jahren angelegt. Hier hält er sich gern auf.
Foto: Creativ/Heinz Werner Lamberz

Von unserer Redakteurin Petra Mix

Mit einem fröhlichen "Si" meldet er sich gelegentlich am Telefon. Die Jahre in Rom wirken nach. Pater Johannes Füllenbach, der aus Wied stammt, ist ein weit gereister Mann. Ein Geschenk. "Raus der Enge." Das hatte sich der 79-Jährige gewünscht, als er sich als junger Mann für die Steyler Missionare entschied. Er hat sich befreit, im Handeln, im Denken, gilt als renommierter Befreiungstheologe. Im Gespräch blitzt immer wieder sein Humor auf. Wie das Jesuskind in die Krippe legen, schlafen und sich ausruhen, das wünscht er sich nach einem ereignisreichen Jahr. Er möchte kürzertreten. "Das habe ich über die Jahre hin mit viel Nachdruck gepredigt, jetzt muss ich selbst meine eigenen Ratschläge zur Anwendung bringen."

Schwierig. Sein Pensum im zu Ende gehenden Jahr ist beachtlich: 20 Wochen hat er Vortragsreihen und Exerzitien gegeben auf den Philippinen, in Afrika, Italien, England und Deutschland. "Auf Deutschland werde ich mich in Zukunft mehr und mehr konzentrieren, soweit es meine Kräfte zulassen", schreibt er in seinem Weihnachtsbrief. "Wissen Sie", erzählt er, "der liebe Gott hat es gut gemeint mit mir, dass ich das alles machen kann." Er ist dankbar und gerade zu Weihnachten, wenn er auch wieder einmal nach Wied kommt, blickt er zurück.

Sein Weg führte zunächst in eine Gärtnerei

Harte Zeiten hat er erlebt: Zehn Jahre alt ist Johannes Füllenbach, der mit drei Schwestern und einem Bruder in Wied in der Nähe der Burg, wo sein Großvater als Förster arbeitet, aufwächst. "Der Glaube", erinnert er sich, "hat immer eine Rolle gespielt. Das hat dazugehört. Kirche war alles." Und gerade die Festtage sind wundervoll. "Es gab gutes Essen, man hat seine Sonntagskleidung getragen, es war besonders, ich habe das nie vergessen." Der Vater, ein Fabrikarbeiter, will, dass alle Kinder ein Instrument und einen Beruf lernen. Johannes Füllenbach lernt Klarinette und Saxofon. Er lacht. "Zu mehr als der Begleitung des Fronleichnamsprozession hat es aber nie gereicht." Beim Beruf hat er ein glücklicheres Händchen. Er macht eine Gärtnerlehre, obwohl ihm etwas "mit Mechanik" lieber gewesen wäre. Doch die Gärtnerlehre bei Anton Welsch in Unkel ist eine glückliche Zeit, vielleicht sogar eine göttliche Fügung. "Es war auf jeden Fall eine gute Schule für das, was noch kommen sollte. Im Priesterseminar mussten wir sehr früh aufstehen", lacht er. "Und ich war schon daran gewöhnt." Um 4.50 Uhr nämlich macht er sich als Lehrling auf den Weg nach Unkel. Und in dieser Zeit – die Lehre hat er dann mit Auszeichnung beendet und auch die Gesellenprüfung abgelegt – wird er bei den Pfadfindern von einem Kaplan gefragt, ob er sich nicht vorstellen könne, Priester zu werden. "Entrüstet war ich. Doch der Stachel saß tief." Und er entscheidet sich für die Kirche, macht das Abitur nach, tritt 1958 in das Klerikernoviziat der Steyler Missionare in St. Augustin bei Bonn ein – in das Kloster kehrte er auch 2005 zurück und lebt heute dort. Wo auch immer in der Welt er sich aufhält, legt er einen kleinen Garten an. "Das hat mich immer getröstet."

Im Missionspriesterseminar studiert er Philosophie und Theologie. Am 17. November 1964 wird er dort zum Priester geweiht. Dieses Jubiläum hat auch die Pfarrei in Neustadt mit ihm gefeiert. "Es gehört mit zum Schönsten, was ich erlebt habe", ist er gerührt über die Zuneigung aus seiner Heimat. Menschen mögen ihn, er mag Menschen. Überall auf der Welt hat er das getan, was ihm wohl auch der "liebe Gott" mitgegeben hat: Den Menschen vermittelt, dass Gott bei ihnen ist. "Er hält keinen Tsunami und Orkan auf und er räumt auch keine Probleme aus dem Weg, aber er ist da und leidet mit." Nach der Priesterweihe geht Füllenbach nach Rom an die Pontificia Universita Gregoriana der Jesuiten, erwirbt das Lizentiat in Theologie. In Washington DC doktoriert er 1977, seine Dissertation wird 1980 veröffentlicht. Fünf Jahre lebt er in den USA. "Eine phantastische Zeit." Während seiner zwölfjährigen Amtszeit als Direktor der internationalen Erneuerungskurse seines Ordens in Nemi bei Rom beginnt Füllenbach unter anderem Vorlesungen über die Befreiungstheologie (sein Spezialgebiet) zu halten. Darüber hinaus ist er ein gefragter Dozent in Erneuerungskursen weltweit. "Seelsorge für Seelsorger nenne ich das." Was geht in der Welt vor? Er hat es sich angeschaut. Glauben und Leben müssen zusammenpassen. "Menschen müssen spüren, dass es einen mitfühlenden Gott gibt, der da ist, wenn er gebraucht wird."

Ein Besuch bei Mutter Theresa

Viel hat er von Mutter Theresa in Indien gelernt. "Sie war unglaublich, gerade im Umgang mit Kindern. Sie hat für sie gekämpft und sie gleichermaßen umsorgt, sie hat mit ihnen gelitten, mit jedem Einzelnen. Das war eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben", sagt Füllenbach. Geduld, sagt er, hat er gelernt mit den Jahren, ein anderes Zeitgefühl entdeckt. "Ich erinnere mich an eine Situation, als ich auf den Philipppinen in ein Dorf kam, verschwitzt, durstig, hungrig, als das Huhn für das Abendessen erst noch gefangen werden musste." Der Pater lacht herzlich. Ansteckend.

Füllenbach hat sich freigeschwommen, sich ein eigenes Bild gemacht. Befreiungstheologie, das meint im besten Wortsinn, sich zu besinnen auf Gerechtigkeit – auch materielle. Er verschließt die Augen nicht vor den Tatsachen, stellt Fragen – auch kritische. Stellt sich auf die Seite der Geistlichen, die zweifeln, ist mit seiner Art vielleicht den konservativen Kirchenvertretern zu offen, zu modern. Was die Menschen an ihm schätzen, auch seine unverblümte Ehrlichkeit, stürzt ihn Ende der 80er-Jahre in eine Krise.

Pater ist kritisch gegenüber der Kirche

Er bekommt Schwierigkeiten mit der Glaubenskongregation, wird zum damaligen Präfekt Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt, nach Rom bestellt. Füllenbachs katholische Gesinnung kommt auf den Prüfstand. "Das ging ans Leder, ich hatte Existenzangst, aber es ging gut. Man konnte mir nicht nachweisen, dass ich nicht katholische Religion unterrichtet hatte." Froh ist er, als er nach zwei Jahren – so lange zieht sich die belastende Situation hin – wieder festen Boden unter den Füßen hat. "Es war schwer, nicht die Freude zu verlieren und zu verbittern, aber ich war mir eigentlich immer sicher, dass ich nicht aufgebe". Füllenbach bleibt konsequent, ist vorsichtiger, seine Prämisse damals wie heute. "Ich bin katholisch, küsse aber nicht den Boden, über den der Papst läuft und ich werde kritisch gegenüber der Kirche bleiben." Er macht weiter, bereist Indien, Südafrika, Rio de Janeiro. "Gerade in diesen Ländern wird immer klarer: die Befreiungstheologie ist richtig. Der Glaube ist das eine, das Tun das andere."

In seinem 80. Lebensjahr allerdings möchte Füllenbach sich mehr Ruhe gönnen. "Man muss dann gehen, wenn die Leute einen noch eingeladen hätten." Er sagt es bestimmt, es fällt ihm schwer. Was ist ihm wichtig? Zeit braucht er. "Eine halbe Stunde am Tag mindestens zur inneren Einkehr, außerhalb der üblichen Gebetszeiten, ganz für mich." Und zur Vorbereitung für die Weihnachtspredigt, die er halten wird. "Fürchtet euch nicht..." aus dem Lukas-Evangelium, das sind die Worte, die Füllenbachs Glauben stützen. Keine Angst, Gott ist da. An Weihnachten, "das ist ein großes Fest der Sinnsuchenden", sagt er, ist diese Botschaft in der emotional aufgeladenen Stimmung mehr denn bedeutsam. An Weihnachten sind die Kirchen voll. "Ja, dann schon. Und sonst? Mir tun die Pastöre leid, die es immer schwerer haben, ihre Botschaft unter die Leute zu bringen, denn die Herde wird immer klein bleiben."

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