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    "Felix Krull von Idar-Oberstein" kommt mit Bewährungsstrafe davon

    Wenn Richter Johannes Pfeifer von einem „faszinierenden Bubenstück“ spricht, wenn Staatsanwalt Udo Wohlleben zugibt, „teilweise sehr gelacht zu haben“, und wenn Verteidiger Damian Hötger auch noch – völlig zu Recht – auf das „unglaubliche Fehlverhalten der Opfer“ verweist, dann kann davon ausgegangen werden, dass am Amtsgericht Idar-Oberstein eine nicht unbedingt alltägliche Verhandlung stattgefunden hat. Einmietbetrug und Betrug – so lapidar sind die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu Beginn des Gerichtstermins im kalten, ungemütlichen Saal 117.

    Idar-Oberstein - Wenn Richter Johannes Pfeifer von einem „faszinierenden Bubenstück“ spricht, wenn Staatsanwalt Udo Wohlleben zugibt, „teilweise sehr gelacht zu haben“, und wenn Verteidiger Damian Hötger auch noch – völlig zu Recht – auf das „unglaubliche Fehlverhalten der Opfer“ verweist, dann kann davon ausgegangen werden, dass am Amtsgericht Idar-Oberstein eine nicht unbedingt alltägliche Verhandlung stattgefunden hat. Einmietbetrug und Betrug – so lapidar sind die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu Beginn des Gerichtstermins im kalten, ungemütlichen Saal 117.

    Auch das mangelnde Interesse der Öffentlichkeit – gerade mal ein Rentner verfolgt das Prozessgeschehen – lässt auf ein schnelles Urteil schließen. Angesichts des Vorstrafenregisters des 47-jährigen Angeklagten, der wegen wiederholten Betrugs und Diebstahls bereits mehrere Haftstrafen hatte hinnehmen müssen und derzeit auch noch unter Bewährung steht, will wohl kaum ein Prozessbeteiligter auch nur einen der so oft zitierten Pfifferlinge für den Übeltäter geben – mit Ausnahme vielleicht des Verteidigers. Selbst Richter Pfeifer gibt später unumwunden äußerst bildhaft zu: „Am Anfang dachte ich, heute fällt das Fallbeil.“

    Filmreifer Kontrast

    Was sich dann entwickelt, erinnert nicht nur Staatsanwalt Udo Wohlleben, wie er schließlich in seinem Plädoyer ausführt, an den Schauspieler Leonardo DiCaprio in dem Kinoknüller „Catch me if you can“. Die US-Gaunerkomödie handelt von einem Aufschneider, der sich unter anderem als Pilot ausgibt und mit Scheckfälschungen sein Leben finanziert. Doch während DiCaprio für seine Darstellung eine Golden-Globe-Nominierung erhielt, wird dem Beschuldigten nun lediglich ein Auftritt auf der Anklagebank gewährt.

    Vorgeworfen wird ihm, sich mehrere Tage im Opal-Hotel in Idar eingenistet, dafür aber nicht bezahlt zu haben. In einem örtlichen Autohaus soll der Mann zudem vorgegeben haben, zwei teure Autos der Marke Mercedes für insgesamt 85 000 Euro kaufen zu wollen. Kaufverträge waren bereits unterzeichnet, ein Auto wurde – nach mehreren Probefahrten in den Tagen zuvor – auch übergeben. Doch was fehlte, war das Geld. All dies hatte sich Anfang des Jahres abgespielt.

    Angeheizt wird die Hochstapler-Felix-Krull-Stimmung vor Gericht von einem Kontrast, wie er auch für die Leinwand nicht besser hätte inszeniert werden können. Während der Beschuldigte in verwaschenen Jeans und biederer Stoffjacke das Häufchen Elend gibt, offenbar starke Kopfschmerzen hat und dann auch noch Nasenbluten bekommt, präsentiert sich die „betrogene“ Kfz-Kauffrau Anfang 30 als taffe Geschäftsfrau. Ganz in Schwarz gekleidet, hochhackige Lederstiefel, kurzer Rock, Lederjacke und lange schwarze Haare, gibt sie dem Gericht bereitwillig Auskunft – stets gewinnend lächelnd.

    Der Angeklagte sei immer nett, ja richtig sympathisch gewesen. Überzeugend seine Angaben, er arbeite als Redakteur für eine Autozeitschrift und verkaufe Anzeigen. Der Mann sei absolut vertrauenswürdig und auch immer telefonisch für jede Nachfrage erreichbar gewesen. Von Seriosität war die Rede: „Wir haben ihn ja öfter abgeholt und auch wieder nach Hause gebracht. Sein Name stand am Klingelschild. Alles war durchaus normal“, erzählt die Autoverkäuferin. Durchaus üblich sei auch die Absicht des 47-Jährigen gewesen, den Kaufpreis bar zu bezahlen. Erst als das Geld nicht zum vereinbarten Zeitpunkt übergeben wurde, sei sie skeptisch geworden.

    Ohne jede Sicherheit

    Fragen von Richter, Staatsanwalt und Verteidiger, ob denn nicht „schon viel früher die Alarmglocken geläutet hätten“, verneint die Zeugin. Doch auch eine andere Frage treibt Richter, Staatsanwaltschaft und Zuschauer um: „Was hat der Mann davon? Andere nehmen die Autos und verkümmeln sie im Ausland“, sagt etwa Pfeifer – und kommt zu dem Schluss: „Das ist doch irgendwie schwachsinnig.“

    Überzeugende Antworten hat auch der Angeklagte nicht: „Ich weiß nicht, was mich da geritten hat.“ Einigkeit herrscht darüber, wie leicht es ist, zwei teure Autos der Oberklasse anvertraut zu bekommen, ohne den Hauch einer Sicherheit vorweisen zu können. Es reichen eine platte Visitenkarte, gut formulierte Absichtserklärungen und Beteuerungen, ein sympathisches Wesen und – wie Richter Pfeifer ganz in juristischem Stil sagt – „die Erwerbsaussicht des Opfers“.

    Wenn auch der Einmietbetrug, den der Beschuldigte unumwunden zugibt, nicht von der Hand zu weisen ist, ein Vergehen an dem Autohaus, selbst wenn es juristisch nicht zu leugnen ist, möchte man nicht unbedingt geltend machen. Pointe hier zum Schluss: Das Autohaus konnte die beiden Wagen später verkaufen – zu einem höheren Preis. Während Leonardo DiCaprio in dem Kinohit einer langen Gefängnisstrafe erhält, kommt der „Felix Krull von Idar-Oberstein“ glimpflich davon: Sechs Monate Haft, die für vier Jahre auf Bewährung ausgesetzt werden. Zudem wird ihm ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Fast schon ein Happy End! Andreas Nitsch

    Idar-Oberstein Birkenfeld
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