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    Idar-Oberstein

    Bei "entarteter" Musik swingte es gewaltig

    Wie heiter darf es, wie ernsthaft soll es bei einer Gedenkveranstaltung zugehen? Die Ausstellung "Das verdächtige Saxophon" nach Idar-Oberstein zu holen und die Vernissage auf den 27. Januar zu legen, war ein genialer Gedanke von Dieter Hochreuther. Die Schau in der Göttenbach-Aula rekonstruiert die anlässlich der Reichsmusiktage 1938 gezeigte Ausstellung "Entartete Musik" und ermöglicht eine andere Art der Memoria.

    Die Ausstellung "Das verdächtige Saxophon" in der Göttenbach-Aula enthält heitere wie sehr ernsthafte und nachdenklich stimmende Töne.
    Die Ausstellung "Das verdächtige Saxophon" in der Göttenbach-Aula enthält heitere wie sehr ernsthafte und nachdenklich stimmende Töne.
    Foto: Hosser

    Von unserer Mitarbeiterin Jutta Gerhold

    Diesmal swingte es gewaltig, das musikalische Rahmenprogramm war perfekt auf die Ausstellung abgestimmt. Alexander Faschon eröffnete mit Paul Hindemiths "entartetem Marsch" aus der Suite für Klavier "1922". Was, bitte, ist entartet?

    Die zentrale Frage hinter dem infamen Etikett, dass damals der Musik aufgestempelt wurde, weist immer auf den Hörer selbst hin, der sich in dem, was er gewöhnt ist, irritiert fühlt.

    Der politisch denkende Komponist Hans Werner Henze drückte es 1987 so aus: "In der Kunst gilt nur die Überwindung der Norm, also die Nicht-Norm, die Entartung." Also klingt die Fanfare verzerrt, die Melodie durch Dissonanzen gestört, das Ganze dabei witzig, kraftvoll, Energie geladen. Faschon und das Publikum hatten ihren ersten Spaß.

    Klaus Gerhold, Spiritus Rector der Jazzband, kommentierte: "Kein Wunder, dass Hindemith beim Bürgertum verschrien war." OB Bruno Zimmer begrüßte und stellte fest, dass die zum zehnten Mal stattfindende Veranstaltung fest in den Köpfen von Institutionen und Gremien verankert ist. Er appellierte: "Unsere Verantwortung ist es, jede Verletzung von Menschenrechten akribisch zu verfolgen, damit Auschwitz nicht wieder geschehen kann." Der Swing, in den "Goldenen Zwanzigern" entstanden, ist Lebensfreude pur. Beim Standard "Sweet Georgia Brown" brachten Faschon, Gerhold am Bass, Hendrik Prinz am Schlagzeug und der auf den Spuren des virtuosen Jazzgeigers Stéphane Grappelli wandelnde Philipp Schell die Füße des Publikums zum wippen. Grappellis Arrangement lässt spüren, dass er mit dem Sinti Django Reinhardt musiziert hat. Axel Redmer sprach als Vorsitzender für den Verein Shalom und betonte, wie wichtig es sei, nichts zu verdrängen und nichts schön zu reden, wie das Verhalten etlicher Politiker des Nazi-Regimes, die nach 1945 kein Unrechtsbewusstsein entwickelten.

    "Zum hinsinken schön" spielte dann die Band in einem eigenen Arrangement Astor Piazzollas Tango "Oblivion", auch dies eine subversive, den verkrampften Nazis wegen ihrer heftigen Erotik verdächtige Musik. Katja Gerhardt interpretierte mit weichem, schmeichelnden Klarinettenton wunderschön im Dialog mit der Geige. Sie war kurzfristig dazugestoßen: "Wenn es gegen die Nazis geht, bin ich immer dabei."

    Der Kurator der Ausstellung von 1988, Albrecht Dümling, erläuterte deren Entstehung, erhellte die Vorgeschichte und wies auch auf den innerdeutschen Widerstand hin, den es gegeben hatte. "Das muss ich mir noch mal in Ruhe anschauen", hörte man des öfteren. Man benötigt etwa eineinhalb Stunden Zeit, es gibt Audio-Guides mit Original-Tondokumenten und Musik. Gruppen sollten sich unbedingt anmelden, die Nachfrage ist groß. "Bei mir bist du scheen", von der Swing-Jugend geliebt, aber verboten: Die heiteren Klänge geleiteten die vom Swing angesteckte Zuhörerschaft zum Gespräch und schließlich zur Ausstellung.

    • Die Ausstellung ist bis 6. Februar, montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr in der Göttenbachaula zu sehen. Anschließend wechselt sie an den Umwelt-Campus Birkenfeld, wo sie vom 10. bis 21. Februar zu sehen sein wird.

    Idar-Oberstein Birkenfeld
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