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"Mörzer Rezitäter": Griechische Tragödie im Schrumpftal

Mörz/Schrumpftal – Wer sich am Freitag und Samstag in der Steinsmühle im Schrumpftal einfand, dem kam es griechisch vor: Nach „Reineke Fuchs“ vor zwei Jahren präsentierten dort die „Mörzer Rezitäter“ mit dem „Prozess um des Esels Schatten“ ihr zweites großes Projekt.

"Mörzer Rezitäter": Griechische Tragödie im Schrumpftal
Die „Mörzer Rezitäter“ begeisterten das Publikum mit Dürrenmatts „Prozess um des Esels Schatten“.
Foto: Heinz Israel

Dieses Hörspiel, eines der weniger bekannten Werke von Friedrich Dürrenmatt, spiegelt vor der Kulisse einer fiktiven Stadt des antiken Griechenlands die großen gesellschaftlichen Themen und treibt sie in der berühmt-berüchtigten „schlimmstmöglichen Wendung“ auf die Spitze. Was als harmloser Streit um den Schatten eines Esels beginnt, entwickelt sich zunächst zum Konflikt der Prinzipien. Ein Zahnarzt will den Schatten für eine Reise zu einem Patienten bei einem Eseltreiber mieten, der Treiber möchte die Nutzung des Schattens extra bezahlt haben, schließlich habe er ja nur den Esel vermietet. Keiner der beiden Kontrahenten will nachgeben. Vor einem besonnenen Richter scheint zunächst der gesunde Menschenverstand die Oberhand zu gewinnen – bis auf beiden Seiten Anwälte ins Spiel kommen und die Sache überhöhen. Ressentiments gegenüber Fremden kommen ebenso zum Tragen wie Klassenbewusstsein von Proletariat und Bourgeoisie, Standesdünkel und Religion. Gepaart mit Gier nach Geld und Macht sowie dem sturen Beharren auf das eigene Recht entsteht eine im Wortsinne explosive Mischung, die die Stadt am Ende in Flammen aufgehen lässt. Am Ende bleibt die Frage: Wer ist in dieser Geschichte eigentlich der Esel?

Ohne Frage ist der Mörzer Gruppe um Klaus Groß eine großartige Umsetzung gelungen. In der Scheune der Schrumpftaler Steinsmühle erlebten rund 100 Zuschauer und -hörer eine Live-Rezitation, die die Grenzen zum darstellenden Spiel mehr als einmal überschreitet. Auf der Bühne lässt die von vier „Rezitäterinnen“ betriebene Geräuschewerkstatt aus dem Nichts ein geschäftiges Markttreiben, eine stürmische See, oder – mit tatkräftiger Unterstützung des Publikums selbst – tumultartige Szenen vor dem hohen Gericht entstehen. Ein Kamm verwandelt sich dabei in einen Frosch, eine Gießkanne aus Zink in einen Esel und ein Stück Paketklebeband in eine Schnupfennase.

Sämtliche Rollen sind überaus, passend besetzt, und man merkt den Spaß, den die rund 25 Mitwirkenden im Alter von unter 20 bis über 70 bei der Sache haben. Ihrer Mission, die Freude an der Kunst des Vorlesens, am Rezitieren, mit anderen zu teilen, wurden sie damit mehr als gerecht.

Dürrenmatts Text bietet neben all der hehren Thematik auch vermeintlich lebensnahe Momente, etwa ein Gespräch von Frau zu Frau über die Fortschrittlichkeit nicht täglich prügelnder Ehemänner, und eine fast beängstigende Aktualität, beispielsweise bei den Szenen mit dem Waffenhändler, der sein Speermodell „Pax“ empfiehlt, oder dem Kapitän, der sich als Auftragsterrorist von beiden Parteien engagieren lässt. Dürrenmatt schrieb das Stück 1951 und griff Motive eines Wieland-Romans aus dem 18. Jahrhundert auf.

Passende Musik mit Bouzouki und Gitarre von Günther Ratzke ergänzte Texte und Geräusche. Vor Beginn und während der Pause wurden griechische Speisen und Getränke gereicht, was das Bühnenerlebnis in Richtung Gesamtkunstwerk vervollständigte. Möglich werden solche Kunstwerke nur in guter Teamarbeit, sei es beim Proben, Austüfteln der Geräusche (alles Eigenarbeit), Technik oder Organisation. Das begeisterte Publikum konnte am Ende des Abends bescheinigen: „Rezitat“ gelungen.

Weitere Vorstellungen der Gruppe finden am Freitag und Samstag, 7. und 8. Juni, wieder in der Steinsmühle im Schrumpftal, statt. Allerdings sind auch diese beiden Termine wie schon die beiden ersten Veranstaltungen ausverkauft. Julia Heinrich

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