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Mendig

Buchprojekt: Wie war es in Mendig während der Nazi-Zeit?

Wie war das damals während des „Dritten Reichs“ in Mendig? Diese Frage hat sich eine Gruppe Mendiger gestellt und mehr als zweieinhalb Jahre an der Antwort gearbeitet. Die liegt nun vor – in Form eines 416 Seiten starken Buchs mit dem Titel „Wir waren gerade mal 15 Jahre alt“. Am Donnerstag, 23. November, wird es in der Laacher-See-Halle vorgestellt.

Sie haben am Buch „Wir waren gerade mal 15 Jahre alt“ mitgearbeitet (von links): Richard Clemens, Rolf Breil, Heinz Lempertz, Dr. Marion Retterath, Gernot Mittler und Jorg Meyer-Schaar. Foto:  Peter Seydel
Sie haben am Buch „Wir waren gerade mal 15 Jahre alt“ mitgearbeitet (von links): Richard Clemens, Rolf Breil, Heinz Lempertz, Dr. Marion Retterath, Gernot Mittler und Jorg Meyer-Schaar.
Foto: Peter Seydel

Also: Wie war es nun während des „Dritten Reichs“ in Mendig? Gernot Mittler, Staatsminister a. D. und Herausgeber des Buchs, gibt eine erschütternde Antwort: „Im ‚Dritten Reich‘ ist keine Schweinerei passiert, die im Kleinen nicht auch in Mendig passiert ist.“ Judenverfolgung, eine brennende Synagoge, Euthanasie und Zwangssterilisation sind nur einige Schlagworte: All das gab es auch in Mendig.

Für die Mitglieder der Arbeitsgruppe war das eine erschreckende Erkenntnis, berichtet Heinz Lempertz, der ebenfalls an dem Buch gearbeitet hat. „Was wir herausfanden, war schlimmer als alles, was wir befürchtet hatten.“

Mit ihrem Buch möchte die Arbeitsgruppe einen Beitrag zur Mendiger Ortsgeschichte leisten. Darin sei die Zeit des Nationalsozialismus bislang „ein weitgehend weißer Fleck“, sagt Gernot Mittler. Bei ihren Recherchen ging es der Arbeitsgruppe aber nicht darum, nach Schuldigen zu suchen und Verurteilungen auszusprechen, erklärt er. „Wir wollen Ereignisse beschreiben und auf Entwicklungen aufmerksam machen, die ins Unheil führen.“

Dazu haben die Mitglieder der Arbeitsgruppe in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit rund 70 Zeitzeugen gesprochen. Das sei sehr spannend gewesen, erzählt Heinz Lempertz. „Wir haben immer etwas Neues erfahren.“ Und Gernot Mittler ergänzt: „Es war beeindruckend zu hören, was die Zeitzeugen erlebt haben.“ Ziel der Arbeitsgruppe war es, die noch vorhandenen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus festzuhalten und vor dem Vergessen zu bewahren.

Für viele Zeitzeugen war es die letzte Gelegenheit, über das Erlebte zu sprechen. „Ein Dutzend unserer rund 70 Interviewpartner ist während der zweieinhalb Jahre, in denen wir an dem Buch gearbeitet haben, verstorben“, berichtet Heinz Lempertz. „Ihre Erinnerungen wären für immer verloren gewesen.“ Die Beiträge der Zeitzeugen werden komplett und ungekürzt veröffentlicht. Sie sind das Herzstück des Buches.

Anfangs hatten die Autoren vor, es bei einem reinen Zeitzeugenbericht zu belassen. „Aber dann“, sagt Lempertz, „kam die Forschung hinzu.“ Die Mitglieder der Arbeitsgruppe begannen, ihr Thema unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten zu betrachten. „Es kam ein Aspekt zum anderen“, beschreibt Gernot Mittler den Entstehungsprozess des Buches. „Wir haben dann gezielt geforscht: Was war mit der jüdischen Schule? Was war mit der Synagoge? Was mit dem Flugplatz?“. Eine wichtige Quelle war das Landeshauptarchiv in Koblenz, wo die Mitglieder der Arbeitsgruppe historische Dokumente sichteten und auswerteten. Auf diese Weise ist ein facettenreiches Buch entstanden, das in knapp 20 Einzelbeiträgen die Zeit des Nationalsozialismus in Mendig beschreibt.

Die Autoren haben das Buch aber nicht zum Selbstzweck geschrieben, betont Mittler: „Eines wussten wir: Dass unsere Arbeit nicht folgenlos bleiben soll.“ Mittler und seine Mitstreiter sind davon überzeugt, dass das Thema nach wie vor aktuell ist, weil rechtes Gedankengut inzwischen wieder auf dem Vormarsch sei. Davon dürfe sich die heutige Generation nicht verführen lassen.

Wie schnell das gehen kann, haben die Autoren in ihrem Buch im historischem Kontext für Mendig gezeigt. Dort erhielt die NSDAP bei den letzten freien Wahlen im März 1933 zwar nur eine vergleichsweise geringe Zustimmung. „Man hätte also meinen können, dass die Nazis es hier schwer gehabt hätten“, sagt Mittler. „Aber sie hatten es überhaupt nicht schwer. Es ging hier genauso schnell wie überall. Hitler brauchte Helfer, und die hatte er zuhauf – auch in Mendig.“ In diesem Zusammenhang zitiert Mittler den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt, der von der „Erfahrung der Verführbarkeit“ spricht. Diese Erfahrung dürfe sich nicht wiederholen. Auch dazu soll das Buch einen Beitrag leisten.

Das Buch „Wir waren gerade mal 15 Jahre alt“ wird am Donnerstag, 23. November, um 18 Uhr (Einlass: 17 Uhr), in der Laacher-See-Halle in Mendig der Öffentlichkeit vorgestellt. Dort kann man es auch zum Preis von 20 Euro erwerben. Die Veranstaltung wird musikalisch umrahmt von Django Reinhardt und seinen Freunden.

Von unserem Redakteur Hilko Röttgers

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