40.000
Aus unserem Archiv
Koblenz

Schängel-Theater: Blau-schwarze Julia trifft Romeo vom Betze

Was William Shakespeare die Veroneser Familienclans der Montagues und der Capulets waren, sind für Dirk Zimmer die Rheinländer und die Pfälzer, also die TuS-Koblenz-Fans und die FCK-Anhänger. In der neuen Folge seiner Mundart-Theatersoap „Zum Schängel“ adaptiert er Shakespeares „Romeo und Julia“ – auf einer gigantischen Freiluftbühne in Güls.

So viel „Schängel“ war nie:
So viel „Schängel“ war nie: Auf einer riesigen Freilichtbühne am Café Hahn wird die neue Folge des Mundarttheaters gespielt. Rund um den (tatsächlich mit Wasser und Chlor gefüllten) Pool eines Campingplatzes bei Verona vergnügen und streiten sich (von links) die schrille Lay Ibis (Doris Lehner), die Kowelenzer Altstadtrentner Willi (Dirk Zimmer) und Ernst (Markus Kirschbaum), der fesche Marc aus Mainz (Sunga Weineck), Straßenkehrer Heinz (André Wittlich), Platzchef Luigi (Nadeem Ahmed) und die Familie Kuntz aus der Pfalz (Steff Mandel und Eva Horstmann).
Foto: Winfried Scholz

„Zwei Regionen waren – (fast) gleich an Würdigkeit – bei Verona, wo die Handlung steckt, durch alten Groll zu neuem Kampf bereit: das Rheinland und die Pfalz. Aus dieser Feinde unheilvollem Schoß das Leben zweier Liebender entsprang. Die durch ihr unglückselges Ende bloß im Tod begraben elterlichen Zank.“

So oder so ähnlich klingt der berühmte Prolog zu Shakespeares „Romeo und Julia“, wenn man ihn mutig umdichtet auf hiesige Schängel-Verhältnisse. Dirk Zimmer, Autor, Regisseur und Hauptdarsteller der Kowelenz-Theaterserie „Zum Schängel“, hat sich gleich das ganze Drama vorgeknöpft. Er schickt seine Figurenriege um die Altstadtrentner Willi und Ernst in „Roman und Julia“ (Co-Regie: Beate Bohr) nach Verona auf einen Campingplatz in den Urlaub. Dort treffen die überzeugten Rheinländer ausgerechnet auf eine Pfälzer Familie, die die wie ehedem sprücheklopfenden TuS-Koblenz-Fans durch das Hissen einer FCK-Flagge ultimativ provoziert.

Willi und Ernst (Dirk Zimmer und Markus Kirschbaum) ziehen sofort wild entschlossen in den Campingkrieg, wollen endlich uralte Zwistigkeiten zwischen den Volksstämmen klären – doch Ernsts Tochter Julia (Kristina Karst) und der Pfälzer Bub Roman (Niklas Brubach) verlieben sich ineinander ...

Nachtigall, ich hör dir trapsen. Oder war’s die Lerche? Aus dieser cleveren Konstellation entwickelt Zimmer eine höchst unterhaltsame, geistreiche und bei allem bestens in Williams Sinne funktionierende Neufassung des alten Shakespeare-Dramas. Der Campingplatz wird zum Schlachtfeld, die Pfälzer werden zu den Montagues, die Kowelenzer zu den Capulets. In Zimmers Text mischen sich geschickt die Sprachstile – von Schlegels Übersetzung über Hochdeutsch bis Kowelenzer und Pälzer Platt. Und so erscheint es nur logisch, dass ein Campingmobil ganz wunderbar als Balkon herhält – für eine Schmachtszene von großer schauspielerischer Güte.

Überhaupt, der Rahmen für des Schauspiels Freuden: Ausstatter Christian Binz hat auf dem Parkplatz des Café Hahn einen Campingplatz samt Pool so authentisch nachgebaut, das schon das Gucken den Eintritt rechtfertigt. Dazu steckt er die Akteure in irre Kostüme – wenn die Kowelenzer zum Shakespeare-Wettbewerb gegen die Pälzer antreten, tragen sie Globe-Theatre-Roben aus blau-schwarzen Flaggen, Trikots und Schals, ebenso die Kontrahenten in Betze-Rot.

Dem Stammpersonal aus den bisherigen sechs „Zum Schängel“-Folgen tut die Luftveränderung gut, Willi, Ernst und Straßenkehrer Heinz (André Wittlich natürlich in orangefarbener Kluft, später sogar als Bruder Lorenzo in Neon-Kutte) kalauern sich durch ihren Urlaub, dass es eine Wonne ist. Campingplatzbesitzer Luigi (Nadeem Ahmed) ist ein herrlicher Klischee-Italiener. Steff Mandel ist ein knorriger, dialektfester Pfälzer Bauer, als seine Gattin Hildegard glänzt Eva Horstmann durch genaues Spiel – übrigens auch als heftige Lady Macbeth im Szenen-Wettbewerb. Sunga Weineck als eitler Graf-Paris-Verschnitt Marc und Doris Lehner als schrill-naive Lay Ibis Müller komplettieren das glänzende Ensemble.

Da störte bei der von uns besuchten öffentlichen Generalprobe (am Donnerstag war dann Premiere) auch der enervierende Regen nur ein wenig. Bei den bis 29. August laufenden Vorstellungen gibt es stets die Möglichkeit, ins Café Hahn und damit ins Trockene umzuziehen. Auch wenn’s schade um den Gesamteindruck wäre.

Von unserem Kulturredakteur Tim Kosmetschke

Infos, auch zum kostenlosen Busshuttle (18, 18.30 und 19 Uhr ab Löhr-Center auf der Strecke der Linie 3) unter Tel. 0261/42302 und hier.

Koblenz
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Online regional
Nina Borowski

Nina Borowski

Regio-CvD Online

 

Mail

epaper-startseite
Wetter
Sonntag

1°C - 7°C
Montag

2°C - 6°C
Dienstag

1°C - 5°C
Mittwoch

1°C - 5°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Bildergalerie: Fotos unserer Leser
Kaiser Wilhelm und Seilbahngondel bei Sonnenuntergang. Die Aufnahme machte Thorsten Kolb aus Zirl im Spätsommer bei Sonnenuntergang an der B42 in Ehrenbreitstein.

Mit der Kamera an Rhein und Mosel unterwegs: Hier zeigen wir die schönsten Fotos unserer Leser. Zusenden per E-Mail.

Serie: Koblenzer Stadtgeschichte
Koblenzer Stadt-Geschichten

Redakteur Reinhard Kallenbach greift historische Begebenheiten der Stadt auf