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Koblenz

Nach Wasserschaden: Experten restaurieren Koblenzer Riesenorgel

Mit Bürsten und Pinseln reinigen Experten in Koblenz eine der größten Konzertsaal-Orgeln Deutschlands. 5676 Pfeifen von 40 Millimetern Größe bis zu vier Metern werden überholt.

Koblenz (dpa/lrs). Michael Müller hat schon viele Orgeln gereinigt. Aus Instrumenten in Kirchen entferne er regelmäßig jede Menge Rußreste, sagt der Orgelbaumeister. Bei seinem aktuellen Projekt sei das anders. «Da habe ich auch Konfetti rausgeholt.» Er arbeitet für die Firma Hugo Mayer Orgelbau aus Heusweiler im Saarland, die seit Monaten die Orgel in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz renoviert – dort, wo schon viele Karnevalsfeiern über die Bühne gingen. Für ihn und Geschäftsführer Stephan Mayer ist das etwas Besonderes. «Es ist eine der größten Konzertsaal-Orgeln in Deutschland», sagt Mayer.

Die Orgel umfasst 5676 Pfeifen mit einer Größe von 40 Millimetern bis hin zu vier Metern. 71 Register hat das stattliche Instrument aus dem Jahr 1963. Gebaut wurde es von der Lübecker Orgelbauwerkstatt Kemper. Dass es sie gibt, sei vielen Koblenzer gar nicht bekannt, sagt Raimund Lehmkühler, der bei Koblenz Touristik Leiter der Kongressparte ist. «Das liegt daran, dass sie lange in einem unbespielbaren Zustand war.» Kurz nach dem Einbau seitlich der Bühne im Großen Saal war sie von der Sprinkleranlage geflutet worden, einige Jahre später geschah das Missgeschick ein weiteres Mal.

Holzelemente quollen auf und zahlreiche Lederplättchen, die zur Tonsteuerung dienen, wurden hart und porös. «Sie dichten dann nicht mehr ab», erklärt Orgelbauer Müller. Bestimmte Stimmen und Tonkombinationen seien nicht mehr spielbar gewesen. Auch der noch über zig Stecker analog an die Orgel angeschlossene Spieltisch habe irgendwann nicht mehr richtig funktioniert, sagt Lehmkühler.

Die Wende zum Guten kam 2010, als der Umbau der Halle begann. Ein Teil der Orgel wurde eingehaust, andere Bestandteile kamen nach Heusweiler. Dort reinigten die Fachleute Zinnpfeifen in fettlösender Lauge, Holzpfeifen wurden feucht abgewaschen, wie Mayer erzählt.

Speziell bei sogenannten Zungenpfeifen müsse auf kleinste Schmutzpartikel geachtet werden, erklärt Müller. Bei dieser Pfeifenart versetzt ein Luftstrom eine Metallzunge in Schwingung, der dadurch entstehende Klang wird mit einem Resonanzkörper verstärkt. «Da liegen teilweise Sandkörner von wenigen Millimetern Größe drin.» Diese blockierten die Zunge und schon komme kein Ton mehr. «Schutz ist ein ganz großes Problem für Orgeln.»

«Man steigt tief in das Instrument ein und entwickelt einen Bezug dazu», sagt Geschäftsführer Mayer. Dass man eine Orgel über Jahre hinweg begleite wie in Koblenz sei selten. Neben der Reinigung und den Reparaturarbeiten sei der Spieltisch auf digitale Technik umgestellt worden. Er sei nun nur noch über ein Datenkabel mit dem Instrument verbunden. In einem Computer könnten Organisten jetzt Klangfarben speichern und auf Knopfdruck abrufen. Früher hätten Registranten (Assistenten) dies mit der Hand erledigen müssen.

Damit sei das Instrument auf dem Stand moderner Orgeln, sagt Heinz-Anton Höhnen. Er kennt das gute Stück wie kein anderer, war über Jahre Kustos für die Orgel, spielte auf ihr, wies andere Musiker ein, organisierte den Auf- und Abbau – kurz: Höhnen war eine Art Mädchen für alles. Auch er erinnert sich, wie schwer sie einst vom Wasser beschädigt war. «Fettiger, haftender Staub traf auf Wasser, das war wie Klebstoff», sagt er. Töne seien teilweise nicht mehr sauber zu spielen gewesen. Nun werde wieder alles bestens gerichtet. «Es interessant zu sehen, wie das heranwächst», sagt Höhnen.

Mittlerweile wird die Orgel Stück für Stück wieder eingebaut. Auch gestimmt wird sie in wochenlanger Arbeit. Intonieren nennen Müller und seinen Kollegen das. Gerade kümmert sich der Orgelbauer um einen Pfeifenstock – eine Art Brett mit Bohrungen, in die Pfeifen gesteckt werden. Hier leimt er die Bohrungsränder aus, um sie abzudichten. Denn jeder Lufthauch, der durch undichte Stellen hindurch in benachbarte Löcher dringt, verfälscht den Klang. «Dann hört man falsche Töne oder Töne klingen nach. Das ist unsauber», sagt Müller.

Das soll bald der Vergangenheit angehören. Ausgegeben werden für die ganzen Arbeiten nach Angaben Lehmkühlers rund 175 000 Euro. Ein fünfstelligen Betrag bringen Sponsoren auf, den Großteil stemmt die städtische Koblenz Touristik. Im September soll schließlich alles fertig sein, am 17. Oktober ist ein Orgel-Fest geplant. Dann wird das mächtige Instrument aus seinem langen Dornröschenschlaf erwachen.

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