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Koblenz

Großer Mieterfrust auf der Karthause: Demnächst stehen Gerichtsverfahren an

Jan Lindner

Saftige Mietpreiserhöhungen, beschädigte Balkone, Sicherheitsmängel in der Tiefgarage und die dazu überflutet: Mieter in den Mehrfamilienhäusern in der Naumburger Straße auf der Karthause sind wütend auf ihren Vermieter, die LEG Immobilien AG. Den ganzen Frust bekamen jetzt auch die beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Detlev Pilger (Koblenz) und Klaus Mindrup (Pankow) zu spüren.

Die beiden hörten sich die Sorgen und Fragen der rund 30 Menschen, klärten sie über ihre Rechte auf und versprachen, über die Sache mit dem Koblenzer OB David Langner zu sprechen. Pilgers Eindruck: „Die Menschen sind sehr aufgeregt und betroffen. Hier gibt es teils katastrophale Zustände. Doch für die Mieter ändert sich einfach nichts.“

Ihnen drohe eine „erhebliche Mietpreiserhöhung“. Grund: Die LEG habe diverse Modernisierungsarbeiten vorgenommen, die aus Mietersicht schon lange notwendige Instandsetzungen gewesen seien. Die Kosten habe die AG komplett auf die Mieter abgewälzt. Dazu zählen auch neu eingebaute Fenster und eine neue Heizung. Pilger meint: „Manche Maßnahmen waren gerechtfertigt, manche nicht. Es geht auch um Verkehrssicherungspflicht, und das ist ganz klar Sache des Vermieters.“

Eine Frau sagt: „Ich wohne seit 40 Jahren hier. An den Fenstern ist in all der Zeit nie etwas gemacht worden. Das ist daher eine klare Instandsetzung.“ Die LEG habe die Arbeits als Modernisierung verbucht und am 1. Januar 2017 die Miete um satte elf Prozent erhöht. Ein halbes Jahr vorher hatte es schon mal eine Erhöhung gegeben: wegen der neuen Heizung. Genau so ungerechtfertigt, sagt die Frau.

Sie hat der LEG bislang keinen einzigen Cent mehr überwiesen und Mahnbescheide in Kauf genommen. Ende August trifft sie sich mit ihrem Vermieter vor Gericht. Dieses Verfahren ist eines von mehreren, wie Thomas Reichhold sagt. Auch er wehrt sich vehement gegen die Mieterhöhungen, auch er hat es auf eine Gerichtsverhandlung ankommen lassen. Er sagt: „Die Situation hier ist beschissen. Das zehrt extrem an unseren Nerven. Dazu kommen die Anwaltsgebühren.“

Reichhold ist so etwas wie der Anführer der Widerständler, er vertritt seine Mitmieter, organisiert den Protest und hat schon eine Versammlung mit 80 Leuten einberufen. Er schätzt, dass der LEG allein in den Straßenzügen auf der Karthause mehr als 400 Wohnungen gehören. Dazu kämen weitere 150 Objekte in der Goldgrube.

Die Situation dort ist ähnlich, sagt Politiker Pilger: „Auch da sind die Zustände teils desolat.“ Er denkt etwa an die heruntergekommenen Kinderspielplätze.

Auf der Karthause hat die LEG ihren Mietern angeblich einen Hausmeister zur Verfügung gestellt. „Aber der ist nie zu erreichen“, klagt Reichhold. „Auch wenn wir nur um kleine Reparaturen bitten, passiert tagelang nichts.“ Die LEG habe es nicht so mit dem Beantworten von Anfragen. Die Erfahrung hat auch Pilger schon mehrfach gemacht, wie er sagt.

Er rät den erbosten Mietern: „Sie sollten sich zusammenschließen und sich gemeinsam wehren.“ Pilger verspricht noch, das Anliegen mit nach Berlin zu nehmen: Nur verhalte sich der Koalitionspartner CDU/CSU beim Thema Sozialer Wohnungsbau etwas sperrig.

Einem Mann reicht das nicht: „Ihr müsst das auch mal durchziehen, es muss mal was passieren. Sonst kriegt ihr beim nächsten Mal noch weniger Stimmen.“ Bleibt also die Frage, wer schneller reagiert: die Koalition oder die LEG.

Von unserem Redakteur Jan Lindner

RZ-Kommentar: Blanker Hohn für die Mieter

Jan Lindner zum Verhalten der LEG:

Jan Lindner 
Jan Lindner 

"LEG. gewohnt gut“: Mit diesem Motto bewirbt sich die LEG Immobilien AG. Der Spruch steht auf dem Infofenster vor den LEG-Mietshäusern in der Naumburger Straße auf der Karthause. Für viele Mieter, die dort jeden Tag mehrmals dran vorbeilaufen, ist das blanker Hohn. Sie fühlen sich seit Jahren von der LEG ignoriert, schlecht informiert, ja, auch drangsaliert. Aus ihrer Sicht wandelt der Vermietungsgigant längst überfällige Instandsetzungsarbeiten in Modernisierungen um – um dann saftige Mietpreiserhöhungen verlangen zu können. Auf einige Reparaturanfragen hat die LEG bis heute nicht reagiert. Die Mieter sind seit Jahren extrem genervt. Viele wissen nicht, wie sie sich gegen diesen Immobilienriesen wehren sollen. Sie haben längst resigniert. Einige wohnen seit Jahrzehnten auf der Karthause, sie wollen hier nicht weg. Dazu ist für sie bezahlbarer Wohnraum auch in Koblenz längst Mangelware. Andere streiten mit dem Vermietungsgiganten vor Gericht. Ausgang offen.

Unabhängig davon ist es längst Zeit, dass sich die LEG an ihre hehren Versprechen erinnert und endlich vernünftig mit ihren Kunden umgeht. Von wegen „gewohnt gut“.

E-Mail: jan.lindner@rhein-zeitung.net

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