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    Boppard

    Solwodi: Lea Ackermanns Kampf geht auch mit 80 weiter

    Es gab diesen einen Moment im Leben der Lea Ackermann, da konnte sie nicht mehr zurück: 1985 in Mombasa, Kenia. Lea Ackermann war dort als Ordensschwester hingekommen. Eigentlich sollte sie für die „Missionsschwestern unserer lieben Frau von Afrika“ ein Lehrerseminar aufbauen. Doch dann begegnete sie Katharina. Katharina war 17. Sie hatte einen kleinen Sohn – und lebte davon, sich zu verkaufen. Geld gegen Sex, so lief es auch für Hunderte andere Mädchen und Frauen in der Küstenstadt, einer Hochburg der Elendsprostitution.

    Lea Ackermann kämpft seit mehr als 30 Jahren gegen Zwangsprostitution und sexuelle Gewalt gegen Frauen. 1985 gründete sie die Organisation Solwodi, als sie Ordensfrau in Kenia war – das Land, in das sie seitdem immer wieder zurückkehrte. Inzwischen hat sie auch eine Nachfolgerin gefunden, die sie einarbeitet. „Denn es gibt noch so viel zu tun“, wie sie sagt.
    Lea Ackermann kämpft seit mehr als 30 Jahren gegen Zwangsprostitution und sexuelle Gewalt gegen Frauen. 1985 gründete sie die Organisation Solwodi, als sie Ordensfrau in Kenia war – das Land, in das sie seitdem immer wieder zurückkehrte. Inzwischen hat sie auch eine Nachfolgerin gefunden, die sie einarbeitet. „Denn es gibt noch so viel zu tun“, wie sie sagt.
    Foto: dpa

     „Ich wusste, was den Frauen fehlte: Bildung und Alternativen zur Prostitution“, erinnert sich Lea Ackermann. Doch sie selbst hatte weder Geld noch Mitarbeiterinnen. „Da habe ich einen Deal mit Gott gemacht: ,Wenn du mir hilfst, helfe ich deinen chancenlosen Töchtern.'“ Lea Ackermann schrieb mehr als 100 „Bettelbriefe“ von Hand an Freunde, Bekannte, „einfach jeden, der so unvorsichtig war, mir seine Adresse mal gegeben zu haben“.

     

    Solwodi = Solidarität mit Frauen in Not

    Am Ende konnte sie in einem Lagerhaus in Mombasa ein Zentrum einrichten, in dem Frauen Bernsteinketten knüpften, die sie an Touristen verkauften. Der Andrang war groß. Aus den anfänglich zwölf Frauen wurden schnell 50 und mehr, bald richteten sie einen Kiosk ein, lernten in dem Zentrum auch Nähen und Backen. Das Projekt, das Frauen eine wirtschaftliche Basis und damit Selbstständigkeit geben sollte, wuchs mit jedem Jahr. Der Name: Solwodi. Die Abkürzung steht für „Solidarity with Women in Distress“ – Solidarität mit Frauen in Not.

    Aus dem Lagerhaus in Mombasa ist längst ein großes Netzwerk geworden. In Afrika, Österreich, Rumänien, Deutschland und bald auch in Ungarn betreut Solwodi in Not geratene Frauen psychisch, gesundheitlich und juristisch, verhilft ihnen zu einem Neuanfang. Allein in Deutschland hat Solwodi neun Schutzhäuser und 18 Beratungsstellen. Mehr als 70 feste Mitarbeiterinnen kümmern sich dort um etwa 3000 Frauen, die sich jedes Jahr melden – Opfer von Menschenhandel, Prostitution oder Gewalt in Beziehungen.

    Lea Ackermann, die morgen 80 Jahre alt wird, ist noch immer die Vorsitzende. In ein paar schlichten Büroräumen in der ehemaligen Propstei in Boppard-Hirzenach hält sie die Fäden zusammen. Manchmal, sagt sie, überkommen sie leichte Zweifel. Nicht an ihrer Arbeit – aber daran, dass sie sich ihr auch mit 80 Jahren noch so energisch widmet. „Ich bin ja noch voll drin“, sagt sie. „Aber manchmal frage ich mich: Was wohl die anderen denken, wenn eine ältere Frau noch so auftritt?“

    Ein Leben nur für Geld? Wie langweilig!

    Ackermann sagt das mit einem Lächeln. Und man merkt: So ganz ernst meint sie es nicht. Denn was andere von ihr und ihrer Arbeit halten, war der streitbaren Katholikin ziemlich egal – schon, als sie noch eine junge Frau war: Geboren 1937 im saarländischen Völklingen, begann die Tochter eines Bauunternehmers mit 16 Jahren eine Banklehre. Sieben Jahre lang arbeitete sie bei der saarländischen Landesbank. „Aber dann dachte ich mir: Mein ganzes Leben nur mit Geld zu tun zu haben, das ist doch langweilig.“

    Den Entschluss, in den Orden der „Missionsschwestern unserer lieben Frau von Afrika“ einzutreten, fasste sie während eines Auslandsjahres für die Bank in Paris. Wieder zu Hause, tanzte die junge Frau bei einem Betriebsausflug eine Nacht in Trier durch und stellte sich dann im Kloster der „Weißen Schwestern“, wie der Orden auch genannt wird, vor – mit hohen Schuhen und in einem Pariser Modellkleid. „Ich glaube, die haben mich für einen komischen Vogel gehalten“, erinnert sie sich. Tags darauf kündigte sie bei der Bank und trat in den Orden ein. Ihre Mutter heulte, ihr Vater tobte. Die Tochter ging trotzdem ihren Weg.

    Als Ordensfrau studierte sie Theologie, Psychologie und Pädagogik, promovierte in München in Erziehungswissenschaften. Vor allem aber wollte sie eines: nach Afrika gehen und helfen. Genau das gelingt ihr schließlich auch.

    Eine Puppe ohne Mund als Symbol ihrer Arbeit: Schwester Lea Ackermann ist seit Jahrzehnten ein Sprachrohr für Frauen, die in unserer Gesellschaft keine Stimme haben. Die streitbare Katholikin feiert morgen ihren 80. Geburtstag.  Foto: dpa
    Eine Puppe ohne Mund als Symbol ihrer Arbeit: Schwester Lea Ackermann ist seit Jahrzehnten ein Sprachrohr für Frauen, die in unserer Gesellschaft keine Stimme haben. Die streitbare Katholikin feiert morgen ihren 80. Geburtstag.
    Foto: dpa

    Für ihr Engagement gegen die Unterdrückung von Mädchen und Frauen hat Ackermann viele Auszeichnungen bekommen, unter anderem 2012 das Große Bundesverdienstkreuz und 2014 den Augsburger Friedenspreis. Ausgeruht hat sie sich darauf nie. „Der Kampf geht weiter“ heißt denn auch Ackermanns neues Buch, ein biografisches Porträt, herausgegeben von Michael Albus. Der Titel ist Programm.

     

    Auch politisch wirken

    „Solwodi war nie einfach eine Hilfsorganisation“, sagt Ackermann. „Wir wollen immer auch politisch wirken.“ Ihr großes Ziel: ein gesetzliches Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild. Denn: „Prostitution ist immer Zwang“, findet Ackermann. In Schweden werde nicht zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Prostitution unterschieden. Dort ist der Kauf „sexueller Dienste“ generell verboten. Freier, die das trotzdem tun, müssen mit Geld- oder Gefängnisstrafen rechnen. „Das wollen wir auch für Deutschland erreichen“, sagt Ackermann.

    Und so energisch die Ordensschwester in diesem Moment wirkt: Auch sie weiß, dass sie das nicht allein schaffen kann, sondern nur mit ihren Mitarbeiterinnen – und mit einer Nachfolgerin. 300 Klöster hat sie angeschrieben und schließlich eine geeignete Kandidatin gefunden, die Sozialpädagogin Annemarie Pitzl aus der Gemeinschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi. Das war für Lea Ackermann ein erleichterndes Gefühl: „Ich muss dann nicht immer denken: Es gibt noch so viel zu tun, und ich habe vielleicht nur noch wenig Zeit dafür.“

    Die Biografie „Der Kampf geht weiter. Damit Frauen in Würde leben können“ ist im Patmos-Verlag erschienen und kostet 15 Euro. Am Donnerstag, 9. März, 19 Uhr, stellt Lea Ackermann das Buch im Globus-Markt in Koblenz-Bubenheim vor.

    Von unserer Redakteurin Angela Kauer

     

    Stichwort: Solwodi

    Schwester Lea Ackermann gründete Solwodi (Solidarität mit Frauen in Not) 1985 in Kenia, seit 1987 ist der Verein auch in Deutschland aktiv, feiert also in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Er hilft Frauen, sich aus Prostitution, Zwangsheirat und Menschenhandel zu befreien. Solwodi unterhält allein in Deutschland 18 Beratungsstellen und neun Schutzhäuser.

    ank

     

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