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Lingerhahn

Autor aus Lingerhahn veröffentlicht Krimi – ohne lesen zu können

Ein grausiger Mord, ein pfiffiger Scotland-Yard-Beamter und ein ruchloser Schurke – das sind die Zutaten des Krimis "Der Rosenmörder". Ausgedacht hat ihn sich Ingo Oppermann.

Ingo Oppermann ist der stolze Autor des Krimis „Der Rosenmörder“. Er entstand in seinem Zimmer im Wohnheim der Caritas in Lingerhahn, wo er mit Betreuerin Melanie Querbach an vielen Abenden an dem Werk arbeitete.
Ingo Oppermann ist der stolze Autor des Krimis „Der Rosenmörder“. Er entstand in seinem Zimmer im Wohnheim der Caritas in Lingerhahn, wo er mit Betreuerin Melanie Querbach an vielen Abenden an dem Werk arbeitete.
Foto: Werner Dupuis

Von unserer Redakteurin Martina Koch

Um seine Geschichte zu Papier zu bringen und als kleines Heftchen in Eigenregie zu veröffentlichen, brauchte der 46-Jährige allerdings Unterstützung: Ingo Oppermann kann nicht lesen und nicht schreiben. Der geistig behinderte Autor lebt seit 25 Jahren im Wohnheim der Caritas in Lingerhahn.

Dass er heute sein Erstlingswerk in der Hand halten kann, hat er seiner Betreuerin zu verdanken: Melanie Querbach setzte sich über Monate hinweg abends mit Ingo Oppermann in seinem Wohnheimzimmer zusammen und schrieb die Geschichte auf, die er erzählte. "Wir haben ein Jahr lang an dem Buch gearbeitet. Der Autor hatte nämlich immer wieder Änderungswünsche", erinnert sie sich.

Britische Klassiker inspirierten zu eigenem Werk

Wie ein perfekter Krimi auszusehen hat, davon hat Ingo Oppermann eine ganz genaue Vorstellung. Er ist ein riesiger Fan des Genres und ließ sich für sein eigenes Werk von den größten englischsprachigen Krimischriftstellern inspirieren: Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur C. Doyle, Agatha Christie und Edgar Wallace zählen zu seinen Idolen, letzterem widmete er "Der Rosenmörder".

"Der Rosenmörder" heißt der erste Krimi von Ingo Oppermann. Das passende Titelblatt, mit dem auch das T-Shirt im Bild bedruckt ist, gestaltete er selbst.
"Der Rosenmörder" heißt der erste Krimi von Ingo Oppermann. Das passende Titelblatt, mit dem auch das T-Shirt im Bild bedruckt ist, gestaltete er selbst.
Foto: Werner Dupuis

Über Filme und Hörbücher fand Ingo Oppermann Zugang zu einer fiktiven Welt voller Bösewichte und gewiefter Polizisten, die den Verbrechern das Handwerk legen. Diese Geschichten lassen ihn bis heute nicht los: Beim Gespräch auf der Terrasse des Wohnheims Lingerhahn rattert er aus dem Stegreif die Namen seiner Lieblingsautoren und ihrer weltberühmten Helden herunter. "Wenn man bei ,Wer wird Millionär?' sitzt und einen Telefonjoker für Krimis braucht, wäre Ingo Oppermann der Richtige!", schmunzelt Melanie Querbach.

Gebürtiger Oberweseler ist ein wandelndes Filmlexikon

Als wandelndes Filmlexikon hat der gebürtige Oberweseler zudem sofort die Namen der Schauspieler parat, die seine Helden auf der Leinwand verkörperten: "Christopher Lee – der hat auch Sherlock Holmes gespielt. Und Fu Manchu!", erklärt er, während er in der Filmchronik des legendären Produktionsunternehmens Hammer Films blättert.

Neben Krimis lässt sich Ingo Oppermann auch von Action-, Horror- oder Fantasyfilmen inspirieren. Dabei entstehen nicht nur eigene Geschichten, sondern auch fantasievolle selbst gezeichnete Collagen. Eine davon ziert das Deckblatt von "Der Rosenmörder". Es zeigt kunstvoll ineinander übergehend die Hauptfiguren des Krimis: den cleveren Superintendenten Prix, den Bösewicht sowie sein Opfer, die schöne Marie Stuart.

Einfache Sprache ermöglicht Zugang zur Geschichte

Sein erstes Werk wollte Ingo Oppermann zunächst unter einem anderen Namen veröffentlichen – so wie es der ein oder andere bekannte Autor handhabt. "Mr. Tee Time" lautet sein Künstlername, eine Anspielung auf das Mutterland vieler seiner Krimi-Idole. Letztlich ließ er sich aber dazu umstimmen, doch noch seinen eigenen Namen mit aufs Deckblatt zu setzen. Denn auf sein erstes gedrucktes Werk ist der 46-Jährige natürlich mächtig stolz.

Bei der sprachlichen Gestaltung waren sich Ingo Oppermann und seine Co-Autorin einig: Der Krimi sollte in einfacher Sprache gehalten sein. Fremdwörter, verschachtelte Sätze oder theoretische Abhandlungen sucht man vergeblich. Damit will der Autor sicherstellen, dass auch Menschen wie er, die sich mit dem Lesen und Schreiben schwer tun, einen Zugang zu der Geschichte finden.

Mit Erfolg: Bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen des Wohnheims Lingerhahn verkaufte Ingo Oppermann so viele Exemplare von "Der Rosenmörder", dass inzwischen nachgedruckt werden musste. Zum Preis von 5 Euro ist das Heftchen im Wohnheim erhältlich, darüber hinaus würde sich der Autor freuen, wenn auch die ein oder andere Buchhandlung – oder sogar ein Verlag – Interesse daran hätte, den Krimi zu verkaufen. Den Erlös will er dabei erst mal nicht in die Erweiterung seiner umfangreichen Krimibibliothek stecken. Von den Einnahmen einen schönen Ausflug mit allen Mitbewohnern zu machen – das wäre nach Ingo Oppermanns Geschmack.

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