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Autodiebstahl vor Gericht: "In Napoli ist alles etwas anders"

Bad Kreuznach/Flughafen Hahn. Es hatte fast schon Züge einer alten italienischen Komödie, was sich vor der Dritten Strafkammer des Bad Kreuznacher Landgerichts abspielte – wenn auch das Stück wohl kaum in die Literaturgeschichte eingehen wird: Auf der Anklagebank hatte ein 42-jähriger Neapolitaner Platz genommen, um Berufung gegen ein Urteil einzulegen, das das Simmerner Amtsgericht im Sommer des vergangenen Jahres gefällt hatte.

40.300 Euro kostet der Audi A4 Avant als G-Tron
Audi A4 Avant (Symbolfoto)

Ein Jahr und zwei Monate sollte demnach der Vater zweier Kinder wegen gemeinschaftlicher gewerbs- und bandenmäßiger Urkundenfälschung in Tateinheit mit versuchtem gemeinschaftlichem gewerbs- und bandenmäßigem Betrugs hinter Gittern absitzen. Das Simmerner Gericht unter Vorsitz von Strafrichter Peter Hüttemann sah es damals als erwiesen an, dass der Neapolitaner im Januar des vergangenen Jahres versucht hatte, mit gefälschten Papieren bei einer Autovermietung am Flughafen Hahn einen neuwertigen Mittelklassewagen des Typs Audi A4 auszuleihen, um ihn dann in seine Heimat zu überführen.

Dort sollte er den Wagen an unbekannte Hintermänner übergeben, die das Fahrzeug weiterverkauft hätten – auf dem Schaden wäre die Autovermietung beziehungsweise ihre Versicherung sitzen geblieben.

Doch so weit kam es nicht. Dem Mitarbeiter der am Hahn ansässigen Vermietungsfirma kam bei den Papieren des Italieners etwas spanisch vor – deshalb ließ er sie von Sicherheitsspezialisten genau überprüfen. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Betrugsmasche zu dieser Zeit bundesweit bei Autovermietungen an Flughäfen die Runde machte. Und siehe da: Es stellte sich heraus, dass die Dokumente tatsächlich gefälscht waren. Der Mitarbeiter informierte umgehend die Polizei, noch auf dem Hahn klickten die Handschellen.

Auch in München und in der Schweiz verschwanden Leihwagen

Warum der 42-Jährige nun in Berufung ging, bleibt rätselhaft – nicht zuletzt deshalb, weil der mehrfach vorbestrafte Mann (Drogenhandel, Körperverletzung) wegen gleicher Straftaten vom Landgericht München bereits zu einer dreieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt wurde (das Urteil ist noch nicht rechtskräftig). Auch dort ging das Gericht davon aus, dass der Neapolitaner mit einem unbekannten Komplizen sowohl in München als auch in Salzburg Autos ausgeliehen und diese dann nach Italien verschoben hat. In München verschwanden gleich mehrere Mittelklassefahrzeuge von der Bildfläche.

Der Angeklagte erläuterte dem Gericht, dass er nach einer schweren Krankheit keine Arbeit mehr gefunden und sich bei – ihm namentlich nicht bekannten – Freunden Geld geliehen habe. Als er dieses nicht zurückzahlen konnte, hätten seine Kumpanen „Druck gemacht”. Man habe ihn mehr oder weniger dazu genötigt, mit gefälschten Papieren nach Deutschland zu fliegen, um dort mit einem ebenfalls unbekannten Mittäter an Flughäfen Autos zu mieten und diese dann nach Neapel zu überführen. Zwischen 300 bis 500 Euro pro Auto hätte er so verdienen können.

„Was sollte ich machen? Ich war krank, hatte Schulden und meine Kinder nichts zu essen und kein Geld für Schulbücher”, schilderte der Italiener der Berufungskammer unter Vorsitz von Richter Folkmar Broszukat eindringlich mit Händen und Gesten seine Notsituation. Weder die Hintermänner in Neapel noch seine „Kollegen”, die mit ihm in Deutschland unterwegs waren, habe er gekannt.

Die Verteidigung bemängelte am Simmerner Urteil, dass der Angeklagte sich mit seinen mutmaßlichen Diebeszügen „keine dauerhafte Einnahmequelle” habe sichern wollen und dass es sich nur um einen minderschweren Fall gehandelt habe. Nach drei bis vier Flügen ins Ausland sei der Angeklagte als Beschaffer von Fahrzeugen bei den Autovermietungen sowieso „verbrannt” gewesen.

Vermeintliche Mittäter und Hintermänner bleiben im Dunkeln

Das sah die Bad Kreuznacher Strafkammer jedoch völlig anders, daraus machte der Vorsitzende von Beginn an keinen Hehl. Die Frage nach einem minderschweren Fall stelle sich genauso wenig wie die Gewerbsmäßigkeit, die hinter dem vermeintlichen Tun steckte.

Das Gericht brachte den Angeklagten dagegen mit weiteren Fällen in der Schweiz in Verbindung. Demnach wurden mit der gleichen Masche hochwertige Fahrzeuge der Marken Mercedes, Audi und Jeep in Zürich, Basel und Luzern angemietet, die dann verschwanden. „Wenn ich mir das Urteil meines geschätzten Simmerner Kollegen Hüttemann anschaue, dann sind sie mit einer sehr milden Strafe weggekommen”, schrieb Richter Broszukat dem 42-Jährigen ins Stammbuch.

Der sah sich als Opfer sowohl der italienischen als auch der deutschen Justiz, was Staatsanwalt Bernhard Mann zu der Bemerkung veranlasste: „Bei ihnen haben wir es wohl mit einer ganzen Ansammlung von Missverständnissen zu tun.”

Mehrfach konnten sowohl Staatsanwalt wie auch der Richter nur schwer ein Schmunzeln unterdrücken, als der Angeklagte wild gestikulierend erläuterte, er habe nichts getan, die Hintermänner nicht gekannt und eigentlich auch nicht gewusst, was mit den Autos in seiner Heimat passiert. „In Napoli sind die Verhältnisse etwas anders als hier”, versicherte er vor Gericht, das sich allerdings von den Ausführungen nur wenig beeindruckt zeigte. Im Gegenteil: Richter Broszukat machte dem 42-Jährigen unmissverständlich klar, dass das Urteil der Berufungskammer auch deutlich höher als das des Simmerner Amtsgerichts ausfallen könnte.

Nach dem Wink mit dem Zaunpfahl bat die Verteidigung um eine Verhandlungspause, um sich mit ihrem Mandanten eingehend beraten zu können, um ihn vor Schaden zu bewahren. Danach war die Angelegenheit schnell vom Tisch. „Wir möchten das Rechtsmittel der Berufung zurücknehmen”, führte der Verteidiger kurz angebunden aus. Die einbestellten Zeugen konnten unverrichteter Dinge wieder die Heimreise antreten, und Staatsanwalt Mann zeigte sich von der völligen Kehrtwende des Angeklagten und seines Verteidigers überrascht: „Ich bin sprachlos.”

Der Angeklagte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Von unserem Redakteur Markus Lorenz

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