40.000
Aus unserem Archiv
Kaltenholzhausen

Sehnlichster Wunsch zum 50. Geburtstag: Nur noch eine OP

Dagmar Schweickert

Glück zu wünschen, reicht nicht ganz aus: Anja Nau feiert heute ihren 50. Geburtstag und bei kaum einem Menschen scheint es sinnvoller, „vor allem Gesundheit“ zu wünschen; außerdem Zuversicht, Kraft und Geduld. Die gelernte Bauzeichnerin hat auf ihrem Oberkörper Narben auf einer Gesamtlänge von 1,70 Metern verteilt. 16 Operationen hat sie hinter sich – wenn sie den Überblick nicht ganz verloren hat. Eineinhalb Stunden braucht sie, um ihre Leidensgeschichte zu erzählen – allerdings nur, wenn sie nicht zu sehr ins Detail geht.

Anja Nau bei einem Klinikaufenthalt im Krankenbett: Nach Lachen war es der Kaltenholzhausenerin in den vergangenen Jahren oft nicht zumute. Doch sie kämpft mutig und optimistisch gegen ihre Krankheiten. Foto:  privat
Anja Nau bei einem Klinikaufenthalt im Krankenbett: Nach Lachen war es der Kaltenholzhausenerin in den vergangenen Jahren oft nicht zumute. Doch sie kämpft mutig und optimistisch gegen ihre Krankheiten.
Foto: privat

Dass sie bei all dem, was sie erlebt hat, auch noch Kraft hatte, mit der Krankenkasse um eine wichtige Operation zu kämpfen und dass sie genau so einen Kampf vielleicht schon bald wieder vor sich hat, ist kaum zu glauben. Anja Nau stammt aus Strinz-Trinitatis, lebt seit 26 Jahren mit ihrem Mann Manfred in Kaltenholzhausen und arbeitet in Limburg-Offheim. Seit ihrer Lehre gehört sie stets derselben Krankenkasse an. In ihrer Freizeit widmet sie sich Handarbeiten, kümmert sich um die beiden Hunde und treibt neuerdings gern ein wenig Sport. Die Hunde erinnern sie an eines ihrer größten Dramen: Kinder sollten ihr einfach nicht vergönnt sein. Bis 2009, als ihr zweiter Eierstock entfernt wird, hat Anja Nau elf Bauchoperationen hinter sich (siehe Kasten). Es folgen endlich einige ruhige Jahre. Dann ruft 2016 ihr Neffe an: Der lebt bei Anjas alleinerziehendem Bruder. „Anja, Du musst kommen, ich glaube, Papa ist tot“, meint er am Telefon. Ihr Bruder ist im Schlaf völlig unerwartet am plötzlichen Herztod gestorben. Anja Nau regelt die Formalitäten, trauert um ihren Bruder – „es war einfach der Horror.“ Dann bemerkt sie, dass ihre Brust fest ist, sie entdeckt einen Knoten. Die Ärztin diagnostiziert sogar zwei Verhärtungen. Innerhalb weniger Tage folgen eine Mammografie in Wiesbaden, eine Biopsie und nach einer Woche eine Brust erhaltende Operation in Limburg. Die zwei Knoten werden entfernt. Anja und ihr Mann Manfred Nau denken, das Schlimmste sei überstanden. Bei der Nachbesprechung der Schock: „Es konnte nicht alles entfernt werden, die Ränder sind nicht krebsfrei, die Brust muss doch entfernt werden.“

Anja Nau ist verzweifelt: „Durch die Kinderlosigkeit hatte man mir unten quasi schon die Frau genommen, nun sollte man mir oben auch noch die Frau nehmen.“ Doch es gab Hoffnung: In München folgte die nächste Operation. „Es gab die Möglichkeit, körpereigenes Bauchfett zu verpflanzen in den Brustbereich.“ 98 Prozent sei die Erfolgsquote, erfährt sie. Die Operation verläuft gut, Anja wartet in der Frauenklinik auf die Abheilung. Dann beginnt die Wunde zu bluten, eine Folge-OP ist nötig. „Schon bald danach sagte die Nachtschwester: Das wird nix, das Gewebe ist nicht durchblutet.“ Das Gewebe im Brustbereich stirbt ab, es droht eine lebensgefährliche Sepsis. Eine Notoperation rettet ihr Leben. Die Brust ist weg. „Alles Gewebe bis auf den Knochen wurde entfernt, ich war auf der Intensivstation, brauchte Bluttransfusionen.“ Wieder hat Anja Nau unglaubliche Schmerzen. An ihrer Seite ist die ganze Zeit über ihr Mann Manfred, begleitet ihren Leidensweg und wird zu ihrer größten Stütze.

Heute sagt die 50-Jährige: „Die Schmerzversorgung war sehr schlecht, ich war mehr tot als lebendig. Man konnte das Loch nicht einfach zumachen, es wäre zu einer enormen Wundheilstörung gekommen, weil zu viel Spannung auf der Haut gewesen wäre.“ Die nächste Operation: Der Latissimusmuskel wird vom Rücken nach vorne gezogen in den Brustbereich, dann die Wunde verschlossen. „Ich kam mir vor wie Frankenstein“, sagt die tapfere Frau knapp. Narben ziehen sich mittlerweile kreuz und quer über ihren Bauch, über Brust und Rücken. Ein Schlauch im Rücken, Wunden an Brust und Rücken gleichzeitig lassen sie damals kaum schlafen.

Im Krankenhaus klärt man sie nicht darüber auf, dass sie sofort zur Physiotherapie und Lymphdrainage müsste. Dadurch beginnt das nächste Kapitel der Leidensgeschichte: „Ich konnte meinen Arm nicht mehr bewegen, er ging nur noch bis zur Schulterhöhe hoch. Ich sollte ja angeblich stillhalten am Anfang.“ Tatsächlich entsteht genau dadurch jede Menge Narbengewebe, das sich später durch Therapie nicht mehr zurückdrängen lässt. Anja Nau ist im Alltag und Beruf vollkommen eingeschränkt. „Ich habe meinen Job behalten, meine Kollegen haben toll zu mir gehalten, aber ich war natürlich immer wieder im Krankenstand.“

Anja Nau muss in eine Reha. Erst dann, nach einem Vierteljahr erfährt sie, dass sie gegen das Narbengewebe längst Physiotherapie hätte machen müssen, anstatt das Gewebe zu schonen, das nun zu einem schmerzhaften und unbeweglichen Klumpen unter ihre Achsel herangewachsen ist. In der Reha wird der Arm wieder beweglicher, aber das Gewebe unter der Achsel ist mehr als faustgroß, hat sich verfestigt, verursacht ständig Schmerzen. Bei ihrer Krankenkasse beantragt Nau eine Operation, um das Gewebe zu entfernen. Doch die Krankenkasse lehnt ab: Anja Nau habe nicht genug ambulante Maßnahmen gehabt, sie müsse nachweisen, dass sie es versucht hat. „Außerdem wurde mir gesagt, das sei ja nur eine kosmetische Operation.“

„Ich bin zu der Zeit bereits zweimal pro Woche zu einer tollen Physiotherapeutin gegangen, aber das half nichts.“ Anja Nau reicht eine angeforderte Bestätigung ein, dass es nicht möglich ist, das Gewebe durch Physiotherapie und Lymphdrainage zu entfernen. „Die Krankenkasse lehnte die Operation trotzdem ab. Der Fall ging zum medizinischen Dienst, alles verzögerte sich weiter.“ Der medizinische Dienst fällt ein eindeutiges Urteil: „Er schrieb, das Gewebe müsse sofort entfernt werden, nannte das Gewebe ,Tumor' und die Schmerzen als Indikation.“

Genau das habe die Krankenkasse vorher monatelang ignoriert. Anja Nau hat mittlerweile als Folge der Schmerzen und Verzweiflung eine schwere Depression entwickelt. Sie wird in der Tagesklinik der Fachklinik Katzenelnbogen behandelt. Gleichzeitig erkundigt sich eine andere Abteilung ihrer Krankenkasse regelmäßig, „wann ich denn endlich wieder arbeitsfähig bin“. Die beiden Abteilungen haben offensichtlich keinen Kontakt miteinander. Dann endlich teilt ihr die Kasse mit, „dass sie gar nicht wissen, was ich will: Ein Tumor hätte doch nie beantragt werden müssen, es stehe außer Frage, dass der entfernt wird.“ Obwohl zu dem Zeitpunkt klar ist, dass alles entfernt werden muss, will die Kasse zuerst nochmals eine schmerzhafte Biopsie durchführen lassen. „Ich habe mich geweigert“, so Nau.

Die OP-Genehmigung kommt, am 18. Dezember 2017 wird der Gewebeballen in einer Düsseldorfer Klinik entfernt. „Dabei wurde ein weiterer Knoten in der Achsel entdeckt und ebenfalls weggeschnitten.“ Seitdem geht es aufwärts: „Die Schmerzen werden weniger, ich konnte die Medikamente absetzen.“ Was nun bleibt, ist eine weitere Stelle, an der sich verhärtetes Gewebe entwickelt hat: Am Brustansatz gleicht die Haut von Anja Nau einer Berg- und Tallandschaft. „Dort war das Loch, die Haut droht nun mit dem Knochen zu verkleben, weil das Gewebe darunter fehlt“ erklärt die Kaltenholzhausenerin. Um diesen Prozess aufzuhalten, hat sie weiterhin Lymphdrainage: zweimal pro Woche eine Stunde lang. Sie muss einen Kompressionsbolero tragen, den sie ebenfalls erst beantragen muss bei ihrer Krankenkasse – ebenso wie die nächste Operation. Davor hat sie Angst. Anja Nau hat neun Monate Kampf mit ihrer Kasse hinter sich. Für den nächsten will sie sich erst einmal rüsten.

Zu ihrem heutigen Geburtstag aber will sie erst einmal einfach gemütlich feiern, dann endlich gesundheitlich zur Ruhe kommen. „Eine Bekannte sagte schon mal zu mir, sie kennt mich eigentlich nur krank.“ Das soll sich ändern. Anja Nau will mit ihrem „Manni“ in Urlaub fahren, Kraft tanken, um den nächsten Kampf aufzunehmen: den um die nächste und hoffentlich endlich letzte Operation.

Von unserer Redakteurin
Dagmar Schweickert

Leidvolle Jahre sind geprägt von 16 Operationen und Drama um Kinderlosigkeit

Bevor das Drama um ihren Brustkrebs begann, hatte Anja Nau schon elf Bauchoperationen hinter sich. Sie heiratet 1989. „Da war ich in der 14.

Woche schwanger“, erinnert sie sich. Zwei Tage später erleidet sie eine Fehlgeburt, zwei Jahre später hat sie eine Eileiterschwangerschaft. „Ein Tubenverschluss wurde festgestellt, viel versucht – aber es sollte einfach nicht funktionieren.“ In dieser Zeit wird ihr Mann alkoholkrank. Sie trennt sich. Manfred macht eine Therapie, wird trocken. Die beiden versuchen es nochmals miteinander. Die Ehe glückt, 2001 ist Anja wieder schwanger. Zuvor hatte man einen Eileiter entfernt wegen eines gutartigen Tumors. Diesmal hat sie eine Bauchraumschwangerschaft, die abgebrochen werden muss. Das Ehepaar versucht es mit künstlicher Befruchtung, die Hormonbehandlung resultiert in einer „riesigen Zyste, die bei einer Bauchspiegelung entfernt wurde“. Es folgen ständige Leistenschmerzen und Blutungen. 2003 wird die Gebärmutter entfernt. Sie dürfen kein Kind adoptieren oder Pflegekind aufnehmen: Das Jugendamt habe nicht direkt, aber durch die Blume gesagt, dass die Suchterkrankung des Ehemanns ausschlaggebend war, so Manfred Nau. Die Schmerzen bleiben: Es folgen eine Narbenhernien-OP und immer wieder Zysten. Ein Stück Darm, das an der Bauchwand festgewachsen war, wird 2009 dann wie auch der zweite Eileiter entfernt. das

Dagmar Schweickert zum schonungslosen Mut einer Patientin

Brustkrebs zerstört mehr als nur den Körper

Momentan gibt es keinen Kampf um die nächste Operation. In dem Moment, als ich das nach sehr emotionalen Interviewstunden hörte, schoss mir kurz durch den Kopf: Diese Geschichte kann ich eigentlich nicht schreiben. Es gibt aktuell keinen Aufreger. Der Kampf um die eine Operation ist erfolgreich ausgefochten, und ob es bei der nächsten ein Problem gibt, steht nicht fest. „Kaputt recherchieren“ nennen wir Journalisten das.

Genau in dem Moment sagte mir meine Gesprächspartnerin, die mich schon vorher mit unglaublicher Offenheit trotz aller sichtbaren Verletzlichkeit fasziniert hatte, etwas, das meine Zweifel pulverisierte: „Bitte erzähl diese Geschichte. Ich möchte, dass die Menschen wissen, was Brustkrebs macht. Wie mächtig diese Krankheit ist. Wie viel sie zerstören kann.“ Viele würden Brustkrebs vorschnell als gut heilbar und „nicht so schlimm“ ansehen. Aber so ist es nicht. Brustkrebs macht kaputt: die Seele, das Selbstwertgefühl, die Körperlichkeit, oft auch die Partnerschaft oder das Erwerbsleben. Den Menschen. Darauf will Anja Nau hinweisen, davor will sie warnen. Und das ist jedes einzelne Wort ihrer Geschichte wert.

E-Mail: dagmar.schweickert@

rhein-zeitung.net

Diez
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
Anzeige
Regionalwetter
Dienstag

4°C - 17°C
Mittwoch

6°C - 20°C
Donnerstag

9°C - 24°C
Freitag

8°C - 20°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
epaper-startseite