40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RLZ Diez
  • » Geisterzug: Irrfahrt führt von Frankreich ins KZ Dachau
  • Aus unserem Archiv
    Limburg

    Geisterzug: Irrfahrt führt von Frankreich ins KZ Dachau

    Es wurde schon viel über den Holocaust und weitere Gräueltaten der Nazis berichtet, doch je weiter ihre Schreckensherrschaft zurückliegt, umso mehr kommt ans Licht der Öffentlichkeit. Einer, der dazu einen aktuellen Beitrag leistet, ist Gerhard Bökel. Der frühere Landrat des Lahn-Dill-Kreises und spätere hessische Innenminister wurde im Ruhestand in Frankreich eher zufällig mit der Existenz eines 1944 von dort in das KZ Dachau rollenden Geisterzuges konfrontiert und hat in seinen Recherchen unglaubliche Ereignisse erfahren.

    Gerhard Bökel, einst als gefragter hessischer Innenminister in Limburg zu Besuch, ist als Autor zurückgekehrt. Im Limburger Lesedom stellte er den „Geisterzug und die Résistance“ vor.  Foto: Dieter Fluck
    Gerhard Bökel, einst als gefragter hessischer Innenminister in Limburg zu Besuch, ist als Autor zurückgekehrt. Im Limburger Lesedom stellte er den „Geisterzug und die Résistance“ vor.
    Foto: Dieter Fluck

    Bökels Buch „Der Geisterzug und die Résistance“ (auf Deutsch: Widerstand) gilt als weiterer Beleg dafür, dass die Nazis nicht nur Millionen Menschen aus rassistischen, sondern auch Zehntausende aus politischen Gründen ermordet haben. Der „Limburger Lesedom“, der im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse (14./15. Oktober) Autoren ein Forum zur Vorstellung brisanter Neuerscheinungen bietet, hatte Bökels historisch bedeutsamen Lesestoff als Beitrag aus Frankreich, dem diesjährigen Gastland der Buchmesse, berücksichtigt. Zugleich gilt sein Buch als Sinnbild für die deutsch-französische Aufarbeitung und Versöhnung nach einer gemeinsamen leidvollen Vergangenheit.

    Gerhard Bökel weilte des Öfteren in Avignon, einer Partnerstadt Wetzlars und in dortigen Umlandgemeinden, die mit Kommunen seines früheren Landtagswahlkreises verschwistert sind. Der heute 71-jährige Jurist kaufte sich für den Ruhestand dort ein Haus und erlernte an der Universität in Avignon die französische Sprache. Zufällig hatte er im Sommer 2010 in Roquemaure an der Rhone an den Überresten einer zerstörten Brücke eine Gedenktafel für die Opfer eines Eisenbahntransports entdeckt. Weil der Zug wegen der zerstörten Brücke nicht weiterfahren konnte, hatten dort 700 Gefangene den Zug bei glühender Hitze verlassen und durch die Weinberge nach Sorgues marschieren müssen.

    Was hatte sich dort zugetragen? Bökel wollte das genau wissen und lernte einen Gefangenen kennen, traf später weitere Überlebende. „Ich habe in meiner beruflichen und politischen Laufbahn nie die Chance gehabt, mich so gründlich mit einem Thema zu befassen“, verriet der Jurist und Rechtsanwalt, der sich im Land des Gaumengenusses fortan einer schweren historischen Kost hingab, indem er fünf Jahre in Archiven und Bibliotheken verbrachte. Daraus entstand eine Arbeit, die er seiner Uni zu gesellschaftlichen oder historischen Themen vorlegte und nun ein packendes Buch.

    Mehr als 50 Zuhörer verfolgten in der Limburger Werkstadt-Lounge aufmerksam die Schilderungen des Autors, die in dem Internierungslager im südwestfranzösischen Le Vernet d’Ariège beginnen, in dem einstmals 40.000 Häftlinge aus 58 Nationen festgehalten wurden, darunter Intellektuelle, Kulturschaffende und Politiker aus ganz Europa. Bökel: „In meinen Recherchen tauchten zunehmend Deutsche auf, Gefangene Hitlers unter französischer Bewachung, die mich näher interessierten.“

    Der Autor berichtete, dass die Nazis im März 1941 mit dem Abtransport begannen. Die NS-Organisation Todt, eine paramilitärische Bautruppe, holte Arbeitskräfte zur Zwangsarbeit heraus. Ab dem 9. Juni 1944 hatte das Konzentrationslager Le Vernet direkt den Nazis unterstanden. Es wurde also ein Lager des Dritten Reiches: Das einzige Lager, das von den Nazis wieder übernommen wurde, um es selbst leiten zu können.

    „Am 30. Juni 1944 begann die Evakuierung des gesamten Lagers“, so Bökel. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie hatten die Deutschen kein Vertrauen mehr in die französische Verwaltung. Die letzten internierten Häftlinge wurden auf Lastwagen und in Bussen nach Toulouse gebracht und dort in einen bereitstehenden Zug gezwängt. Es waren Vieh- und Güterwaggons. Auf Tafeln stand draußen zu lesen ‚Pferde 8, Männer 40“. In jeden Waggon mit 40 Mal 60 Zentimeter großen Luken, die mit Brettern und Stacheldraht vernagelt waren, waren jeweils 65 bis 70 Gefangene eingepfercht: Insgesamt 700 politisch Gefangene, die meisten krank, verkrüppelt und alt, traten eine mörderische Irrfahrt an; doch nur 436 von ihnen sollten nach zwei Monaten das KZ Dachau erreichen. Bökel beschreibt eindrucksvoll eine acht Wochen dauernde grausame Reise durch Kampfgebiete, immer wieder unterbrochen durch Zwangsaufenthalte wegen erheblicher Kriegszerstörungen an Bahnstrecken und Brücken. Immer wieder sei einzelnen Insassen die Flucht gelungen. „Deutsche setzten sich ab und nahmen Gefangene als Geiseln“, berichtet er, und dass der Zug bombardiert wurde. „Man wusste nicht, dass es ein Gefangenentransport war, glaubte es seien Soldaten. Es war ein schleichender Zug, der in einer Woche 130 Kilometer zurücklegte“, las Bökel. Einer der Zeitzeugen verglich die Gefangenen mit „einer Hundertschaft ausgehungerter Tiere, denen man einen Eimer Suppe hingeworfen hat“.

    Der Autor schildert Hitzemärsche durch Weinfelder zum nächsten Bahnhof, wie bewaffnete Gendarmen, Polizisten und Gestapo-Leute die Gefangenen auf den Bahnsteigen antrieben und Gefangene das Gepäck ihrer Peiniger mitschleppen mussten. Die örtliche Bevölkerung unterstützte die Fliehenden und versorgte Gefangene bei längeren Aufenthalten des Zuges und Fußmärschen mit Wasser und Nahrung. In Bordeaux harrten die Eingesperrten in der Synagoge aus. Dank dreier betagter Zeitzeugen, die Bökel ihre bis dahin geheim gehaltenen erschütternden Erlebnisse mit dem Vermächtnis anvertrauten, dass sich Ähnliches nicht wiederholen dürfe, wirkt das Buch sehr authentisch und entbehrt nicht eines gewissen Gänsehauteffekts.

    „In mehreren Wagen gelingt es Gefangenen, mit einfachen Mitteln wie Scheren und Nagelfeilen Bodenbretter zu lösen, in anderen wird versucht, eine Trennwand oder eine Tür auszuhebeln. Diejenigen, die gewillt und in der körperlichen Verfassung sind, zu flüchten, haben in den einzelnen Wagen festgelegt, in welcher Reihenfolge die Flucht ins Gleisbett gewagt wird“, schreibt Bökel. Nicht alle überlebten die waghalsige Flucht, andere wurden Opfer von Erkrankung und Schwäche. – Als der Geisterzug am 28. August in Dachau einlief, waren alle deutschen Begleiter verschwunden. Von den mehr als 700 Deportierten waren schließlich 536 in Dachau angekommen, 473 Männer und 63 Frauen. Die Frauen fuhren weiter ins KZ Ravensbrück, mussten dort hart arbeiten. Viele von ihnen sind gestorben.

    Eine besondere Brisanz erhält Bökels Buch nicht zuletzt durch die Schilderungen unfassbarer Grausamkeiten, die Besatzer aus Nazi-Deutschland und die Kollaborateure des von 1940 bis 1944 in Südfrankreich herrschenden Vichy-Regimes gemeinsam verübten, wie auch die Schilderungen der Rolle der Résistance und die damit einhergehenden Konflikte. Letztlich wird diese Dokumentation zum Lehrbuch für eine gelingende deutsch-französische Aussöhnung.

    Von Dieter Fluck

    Diez
    Meistgelesene Artikel
    Anzeige
    Online regional
    Markus Eschenauer

    Regio-CvD Online

    Markus Eschenauer

    Mail | 02602/160 474

    Regio-Reporterin
    Sabrina Rödder

    Regio-Reporterin

    Sabrina Rödder

    Mail | 0170/6137957

    Anzeige
    Regionalwetter
    Montag

    2°C - 6°C
    Dienstag

    4°C - 6°C
    Mittwoch

    6°C - 7°C
    Donnerstag

    5°C - 10°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    epaper-startseite
    Anzeige