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Balduinstein

Eine Reise zu den Wurzeln deutscher Vergangenheit

Unter dem Motto „Schlesien erleben“ hat eine kleine Gruppe Interessierter aus ganz Deutschland, die sich in mehrfacher Hinsicht mit dem ehemaligen preußischen Landesteil jenseits von Oder und Neiße verbunden fühlt, verschiedene Stätten deutscher Kultur besucht.

Am Rande des ehemaligen Steinbruchs des Marmor- und Kalkwerkes Thust im schlesischen Groß-Kunzendorf im Glatzer Bergland: Mitglieder der Familien Thust und Grohmann sowie der Firmenchef der Balduinsteiner Thust Stein GmbH, Wolfgang Thust (2. von rechts).
Am Rande des ehemaligen Steinbruchs des Marmor- und Kalkwerkes Thust im schlesischen Groß-Kunzendorf im Glatzer Bergland: Mitglieder der Familien Thust und Grohmann sowie der Firmenchef der Balduinsteiner Thust Stein GmbH, Wolfgang Thust (2. von rechts).

Balduinstein – Unter  dem  Motto  „Schlesien  erleben“  hat  eine  kleine  Gruppe  Interessierter  aus  ganz  Deutschland,  die  sich  in  mehrfacher  Hinsicht  mit dem  ehemaligen  preußischen  Landesteil  jenseits  von  Oder  und  Neiße  verbunden  fühlt,  verschiedene Stätten  deutscher  Kultur besucht. 

Anlass  der  Reise  nach  Nieder-  und  Oberschlesien  war  unter anderem  auch  der  Besuch  des  ursprünglich  exzellent  geführten   privaten   Marmor- und  Kalkwerkes  W. Thust  in  Groß- Kunzendorf,  einem  alten  Waldhufendorf, das  sich  in  die  Vorbergzone  des  Reichensteiner-  und   Altvatergebirges  kilometerlang  hinein erstreckt.  Die  Reiseleitung  selbst   oblag  dem  kompetent  führenden  und  mit  Herzblut  zur  alten  Heimat  versehenen  Firmenchef  Wolfgang  Thust  vom  Balduinsteiner   Natursteinwerk,  das  schon  seit  1927  als  Zweigbetrieb  in  der  Lahngemeinde  existiert  und  nach  1945  wegen  der  Vertreibung  zum  Hauptbetrieb  avancierte. In  diesen  Tagen  wird  noch  ein  weiterer  Manufakturbetrieb  für  Grabsteine  und Monumente  in  Breslau  neben dem  in  Merseburg  bestehenden  eröffnet.

Wer  sich  heute  auf  den Weg  nach Osten  über  nicht mehr  hindernde  Grenzen  macht,  erlebt  ein gut funktionierendes  Straßennetz  .  Und  so  ist  die  Reisegesellschaft  rasch   am ersten  Ziel  angelangt,  in  der  schlesischen  Hauptstadt  Breslau  (pol.  Wroclaw).  Diese  wie  viele  andere Städte  sind  in  der  Zeit  der  sog  „ Deutschen  Ostkolonisation“  seit  Mitte  des  12. Jahrhunderts  nach  gleichem  geplanten,  nicht  gewachsenen  Baumuster  angelegt  worden:  Eine  schachbrettmusterartige  Anlage  umgibt  einen  rechteckigen  Rathausplatz,  einen  sog. „Ring“ (pol.  Rynek).  Und  diese  mauerumwehrten   Siedlungen  wurden   alsbald  mit  dem  effizienten  Magdeburger  Stadtrecht  ausgestattet.  Als  besonders   beeindruckende  Beispiele  von   Städten  gleichen  Typs    wären  neben  Breslau  Oppeln,  Neisse,  Glatz  oder Hirschberg  zu  nennen. 

Ein  zentrales  Erlebnis  des  Breslau-Aufenthaltes  waren  Führungen  vom  Museumsdirektor    Dr. Lagiewski,  einem  ausgezeichneten   Kenner  der deutsch-polnischen   Geschichte,   durch  das  alte Schlossmuseum  und  den  Jüdischen  Friedhof,  wo  sich  auf  etwa  15000  meist  deutschen Grabmalen,  zum  Teil auch  von  der  Firma  Thust  geliefert,  die  Kultur  des  deutschen  Bürgertums  des  19.  Jahrhunderts  nachweisen  lässt.  Unter  anderem  befanden  sich  hier  Erinnerungsmonumente  des  Gründers  der  deutschen  Sozialdemokratie  Ferdinand   Lassalle,  des  Nobelpreisträgers  Fritz  Haber  oder  der  Eltern  der  seliggesprochenen  Edith  Stein.     Weiter  Höhepunkte  auf  der  Tour  durch  ehemalige  deutsche  Ostgebiete  waren   Besuche  von  sakralen  Gebäuden,  z.B.   der  Klosterkirche der  heiligen  Hedwig,  der  „Mutter“  Schlesiens   in  Trebnitz,  der    größten  Zisterzienser-Klosteranlage  im  Land  an  der  Oder  in  Leubus  ( von  hier  aus  hatte  der Orden  einen  bedeutenden  Einfluss  auf  den  Landesausbau  sowie  die  geistliche,  kulturelle  und ökonomische  Entwicklung  Schlesiens  seit  dem  Hochmittelalter  genommen),  der   evangelischen  Friedenskirche  in  Jauer  ( während  des  Westfälischen-Friedens  von  1648  veranlassten  die  Schweden  als  Beschützer  deutscher  Protestanten  den  Habsburger  Kaiser,  die  Lutheraner   in  Schlesien  drei  eigene  Kirchen  in  Glogau,  Jauer  und  Schweidnitz  bauen  zu  lassen)  und  der barocken  Gruftkapellen  um  die  Gnadenkirche  in  Hirschberg ( auch  hier  wurde  gut  fünfzig  Jahre  später  eine  lutherische  Kirche  erbaut,  als  Gnadenerweis  des  katholischen  Kaiserhauses  in  Wien).   Beindruckend  war  auch  die  Besichtigung  der  Barockanlage  von  Kuks ,  im  nahen  Böhmen  gelegen, wohin  problemlos  über  Staatsgrenzen  hinweg  ein  kleiner  Abstecher  gemacht  wurde.  Grund  hierfür  war  das  Kennenlernen  des  hohen  Kunstverständnisses   des  aus  Westfalen  stammenden  Grafen  Sporck (1662-1738),  der  eine  riesige  Anlage  samt  sehenswerter  Kunstwerke  allegorischer  Figuren  von  Tugenden  und  Lastern  berühmter  Barockkünstler  im  oberen  Elbetal  anlegen  ließ.  Ihr  einmaliger  Wert  dürfte  erst  jetzt  wieder  entdeckt   werden.

Nicht  unerwähnt  bleiben  darf  aber  bei  aller  Fülle  des  Gebotenen  und  Erlebten  die  religionspolitische  Rolle,  die  der  Wallfahrtsort  Sankt  Annaberg  zwischen  Polen  und  Deutschen  gespielt  hat.  Das dazu gehörende Hintergrundwissen  vermittelte   der  deutsche,  aus  dem  Westerwald   stammende  Geschichtswissenschaftler  Dr. Schiller  sehr  anschaulich,  der  zur  Zeit  in Oberschlesien  lebt  und  sich  hier  mit  einer  Polin  auf  Dauer  niederlassen  möchte.  Er  berichtet,  wie  der  kleine  Wallfahrtsort  im  Brennpunkt  der  Ereignisse  nach  dem  Ersten  Weltkrieg  stand. Oberschlesien ,  das Ruhrgebiet  des  Ostens,  hatte  seit  Generationen  zu  Preußen  gehört,  und  nach  der  Wiedergründung  Polens  hatte  eine  Volksabstimmung  denn  auch  eine  Mehrheit  für  Deutschland  ergeben.  Als  sich  dennoch  1921  polnische  Freischärler  auf  dem  Sankt  Annaberg  verschanzten,  um  Berg,  Dorf  und  Wallfahrtskirche  für  Polen  zu  reklamieren,  entlud  sich  die  Spannung  in  Gewalt.  So  wurde  der  Ort  der  Einkehr  und  des  Gebetes  zum  Symbol  eines  unversöhnlichen  Volkstumskampfes.  Heute  sieht  man  ein  grünes  zweisprachiges   Straßenschild  am  Ortseingang  stehen,  eine  Reverenz  der  deutschen  Minderheit  gegenüber,  die  im  Oppelner  Gebiet  geschlossen  siedelt.  Dieser  Sachverhalt  trifft  vor  allem  den  Raum  um die  Kleinstadt  Oberglogau  zu,  deren  deutsche  Bevölkerung   nicht  ganz  vertrieben  wurde.  Bei   der  letzten  Volkszählung  in  Polen  2002  bezeichneten  sich  laut  Gesprächen  mit  Vertretern  der  Oberglogauer  Minderheit   ungefähr  25%  als  Deutsche.  Diese  Volksgruppe  hat  inzwischen  sogar  die  Möglichkeit,  die  Instrumente  der  lokalen  Selbstverwaltung  zu  nutzen,  da  die  Wahlgesetze  für  die  Minderheiten  Privilegien  vorsehen.  Auch  werden  die  Wahlkomitees  der nationalen  Minderheiten   auf  Wunsch  von  der  Fünf-Prozent-Sperrklausel  befreit.  Im  Sejm (=Nationalparlament)  ist die  Minderheit  nach  den  Wahlen  von  2007  mit  einem  Abgeordneten  vertreten.

Und  nicht  unerheblich  dürfte  auch  die  Tatsache  sein,  dass  nach  dem Beitritt  in die Europäische  Gemeinschaft   Polen nicht  nur  wirtschaftliches  Wachstum  und  stabile  politische  Verhältnisse  aufzuweisen  hat,  sondern  auch  wiederansiedlungswilligen  Deutschen  die  Möglichkeit  gibt,  zum  Beispiel  ehemalige  Herrenhäuser  wie  Wernersdorf,  Lomnitz  oder  Stonsdorf  zurückzukaufen  und  dem  aufblühenden  Tourismus  bereitzustellen. 

Letzte  Höhepunkte   galten  dann  den  Besuchen  der   Bäder  Reinerz  (mit  dem  berühmten  Papiermühlen-Museum),  Kudowa  an  der tschechischen   Grenze  und  Warmbrunn,  dem  einstigen  Sitz  des  einflussreichen  Grafengeschlechts  der  Schaffgotsch.  Sehr  beeindruckend  war  auch  der  alte  Luftkurort  Schreiberhau,  wo  Gerhart  Hauptmann  einige  seiner  Dramen  schrieb.  In  diesem  heute etwas  „tourismusrummeligen“  Ort  wurden  vor  1945  einige  der  Mitreisenden  geboren,   haben  hier gelebt ,  konnten  wieder  alte  Grabstätten  besuchen  und  waren  stets  bereit,  Informationen   über  die  damalige  Zeit  zu  geben.     Aber  nur  wenige,  die sich rüstig  und  noch  fit  fühlten  am  Ende  einer  anstrengenden, aber  erlebnisreichen  Reise  nach  Schlesien,  ins heutige  Polen,  wagten  es,  eine  Höhenwanderung   über  den  Riesengebirgsskamm  vom  Reifträger (1364 Meter)  über  die  gefassten  Elbquellen  bis  hin  zu  den  nebelverhangenen  Schneegruben (=eiszeitlichen  Ursprungs)  zu  machen.  Caspar  David  Friedrich  lässt  grüßen!   Bernhard Löcher

Diez
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