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Arzt: Die Menschen merken, dass wir es gut meinen

Der DRK-Kreisverband steckt mit der Versorgung der Flüchtlinge in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne mitten in seiner bislang größten Herausforderung. Bislang meistert er sie mit hoher Profesionalität und großem Engagement.

Alltag in der Arztpraxis des DRK-Kreisverbandes in der Diezer Flüchtlingsunterkunft: Wenn Heike Christmann die Patienten ins Behandlungszimmer bittet, ist meist auch ein Dolmetscher wie Abi Jafar dabei, der hier Dr. Hans Jaeger unterstützt.  Foto: Bernd-Christoph Matern
Alltag in der Arztpraxis des DRK-Kreisverbandes in der Diezer Flüchtlingsunterkunft: Wenn Heike Christmann die Patienten ins Behandlungszimmer bittet, ist meist auch ein Dolmetscher wie Abi Jafar dabei, der hier Dr. Hans Jaeger unterstützt.
Foto: Bernd-Christoph Matern

Von Bernd-Christoph Matern

Die kleine Saida strahlt, als sie aus dem Behandlungszimmer kommt. Starker Husten hat sie mit ihrer Mutter zum Arzt gehen lassen. Das Lächeln rührt mehr von dem Bonbon her, den ihr die Arzthelferin in die Hand gedrückt hat. Eine Szene, wie sie sich derzeit in vielen Arztpraxen abspielt, doch das Mädchen aus Syrien ist Patientin in einer außergewöhnlichen Praxis, die es vor gut drei Monaten noch gar nicht gab, nämlich der Einrichtung in der Diezer Notunterkunft für Flüchtlinge.

"Wir sind mittlerweile wirklich gut ausgestattet und haben eine gute Struktur aufgebaut", sagt Dr. Hans Jaeger, nachdem er seine junge Patientin untersucht hat. "Das ist der größte humanitäre Auftrag, den der DRK-Kreisverband Rhein-Lahn in seiner Geschichte je hatte", erinnert der leitende Notarzt des Kreises an die völlig leer geräumten Räume, in denen die Organisation seit Mitte September nach und nach eine medizinische Praxis einrichtete. Dank Spenden und über die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion nahm die sanitäre Einrichtung in Haus 3 der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in kürzester Zeit Form an.

Die Zusammenarbeit mit den umliegenden Krankenhäusern und Apotheken habe sich eingespielt. Wünschenswert sei noch eine zahnmedizinische Versorgung in der Einrichtung, die ab Januar Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge werden soll. 16 Kollegen konnte Jaeger gewinnen, die dort in wechselnden Diensten dafür sorgen, dass mit Ausnahme des Sonntags täglich drei bis vier Sprechstunden angeboten werden. Zwischen 30 und 40 Patienten füllen dann den Warteflur. Rund 800 Behandlungsfälle gab es bereits in der Einrichtung, darunter auch Geburten.

"Im Prinzip unterscheiden wir uns nicht von der Organisation einer normalen Hausarztpraxis", so der erfahrene Mediziner aus Nassau. Die entscheidende Problematik: Keiner der Patienten spricht deutsch. Sechs bis acht unterschiedliche Sprachen werden in der Einrichtung gesprochen, und nicht alle Flüchtlinge können Englisch; die Kinder schon gar nicht. Das erschwert die Arbeit der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kräfte. "Es ist natürlich einfacher, wenn uns jemand seine Beschwerden in seiner Muttersprache erklären kann", so Jaeger, der froh ist, dass eine Reihe von Dolmetschern wie Abi Jafar die Arbeit unterstützt.

Die Palette an Erkrankungen ist so vielfältig wie in jeder anderen Praxis auch. "Die Erkältungserkrankungen machen uns derzeit am meisten zu schaffen", erzählt Jaeger, "vor allem bei Kindern." Die ungewohnten klimatischen Verhältnisse fördern solche Erkrankungen. "Die meisten Leute, die aus wesentlich wärmeren Klimazonen hierher flüchteten, sind viel zu dick gekleidet und etwa nicht gewohnt, dass man Jacken und Mäntel auszieht, wenn man in einen beheizten Raum kommt." Da gebe es noch Aufklärungsbedarf, zumal der Winter ja noch nicht begonnen habe. Eine andere Problematik, die mittlerweile durch Absprachen unter den Medizinern gelöst wurde, sind religiöse oder kulturelle Vorbehalte. "Das muss man akzeptieren, wenn es in manchen Ländern tabu ist, dass sich eine Frau gynäkologisch von einem Arzt untersuchen lässt." Umgekehrt müssten sich Männer allerdings daran gewöhnen, dass sie genauso gut auch von einer Ärztin behandelt werden. Aber auch fluchtspezifische Verletzungen müssen die Mediziner behandeln. Jaeger: "Dazu gehören etwa Kriegsverletzungen, Wunden durch Granatsplitter, die schlecht verheilen oder auch nicht vernünftig behandelt wurden." Außerdem diagnostizieren er und seine Kollegen Hauterkrankungen wie Krätze. Die ist den Ärzten durchaus von ihren Praxen her vertraut. Aber für die Diezer Einrichtung gelten verschärfte Hygienevorschriften, denn die Infektionsgefahr sei aufgrund der vielen auf engstem Raum lebenden Menschen besonders hoch.

Ein echtes Problem stellen laut Jaeger ernährungsbedingte Erkrankungen dar. Die Ursache liegt in der für Kinder wie für Erwachsene ungewohnten Kost. "Der Magen kann sehr sensibel auf Gerichte reagieren, die er nicht kennt. Auch wenn das bei so vielen Kulturen schwierig ist, aber wir brauchen hier eigentlich mindestens mal eine arabische Küche." Positiv habe sich insgesamt das Klima im Umgang zwischen Patienten, Praxismitarbeitern und Ärzten entwickelt. Anfangs sei es durch Vorbehalte und nicht zuletzt durch die vorhandenen Sprachbarrieren auch schon mal zu Spannungen gekommen. "Aber mittlerweile herrscht hier durchweg ein sehr freundlicher Umgangston", sagt Jaeger. "Die Menschen merken, dass wir es gut mit ihnen meinen." Und die medizinische Fachangestellte Heike Christmann, die Jaeger die nächsten Patienten ins Zimmer schickt, weiß: "In der normalen Hausarztpraxis ist es auch normal, dass Patienten mal mehr, mal weniger gut gelaunt sind."

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