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Kreis Ahrweiler

Flüchtlingen helfen: Was läuft heute anders?

Beate Au

Im Herbst 2015 wurde sie gerühmt, die Willkommenskultur. Auch im Kreis Ahrweiler standen Menschen Schlange, um den Flüchtlingen ehrenamtlich beizustehen. Dass die Zeiten sich geändert haben und die Infrastruktur für Hilfe und Integration nicht mehr so selbstverständlich aufrecht zu erhalten ist wie damals, hat das Flüchtlingsnetzwerk in der Kreisstadt jetzt zu spüren bekommen. Weniger Spenden, erschöpfte Ehrenamtler und eine Vorsitzende, die aufgibt. Nur ein Einzelfall? Die RZ hat sich umgehört und wollte wissen, wie es bei anderen Organisationen und Netzwerken läuft, die auf ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit angewiesen sind.

Dort, wo sich jemand im persönlichen Kontakt um Flüchtlinge kümmert, läuft es. Im ländlichen Raum bleibt niemand so schnell sich selbst überlassen. In Waldorf in der Verbandsgemeinde Bad Breisig hat sich beispielsweise von Anfang an ein ganzes Dorf der Aufgabe Integration gestellt. Foto: Archiv Vollrath
Dort, wo sich jemand im persönlichen Kontakt um Flüchtlinge kümmert, läuft es. Im ländlichen Raum bleibt niemand so schnell sich selbst überlassen. In Waldorf in der Verbandsgemeinde Bad Breisig hat sich beispielsweise von Anfang an ein ganzes Dorf der Aufgabe Integration gestellt.
Foto: Archiv Vollrath

Das Flüchtlingsnetzwerk in der Verbandsgemeinde Altenahr, das sich bewusst von Anfang an nicht in den Strukturen eines Vereins organisiert hat, kann immer noch auf einen Kreis von rund 50 Personen zählen. Sie organisieren sich in ihrer Nische je nach Bedarf und Aufgabe geräuschlos, um Flüchtlinge zu begleiten. „Wir waren nie so wahnsinnig auf Spenden angewiesen, sondern haben mit kleinem Budget gearbeitet“, berichtet der Ehrenamtler Andreas Zedler. „Flüchtlinge brauchen heute vor allem Hilfe im Umgang mit Behörden“, so Zedler. Es kommen zwar weniger, aber der Bedarf an Hilfe sei vielfältiger geworden – bei anerkannten Flüchtlingen sind es die Probleme bei der Job- und Wohnungssuche. Ein aktuelles Thema: der schwierig zu organisierende Familiennachzug. „Dabei gelingt Integration nur mit Familie“, so die Erfahrungen von Zedler. Er hat erlebt, dass diejenigen, die im persönlichen Kontakt zu Flüchtlingen stehen, weiterhin motiviert sind. Es sei aber auch ein Aderlass zu spüren. Brigitte Doege, die als Caritas-Ehrenamtskoordinatorin das Flüchtlingsnetzwerk unterstützt, stimmt zu: Es sei schwieriger geworden ist, vor allem für neu ankommende Asylbewerber Begleiter zu finden. „Es dauert zwar länger als früher, aber es ist uns immer noch gelungen.“

Ein Erfolgserlebnis ist für sie, dass ein Großteil der vom Netzwerk betreuten Familien im ländlichen Raum geblieben ist. Einige haben eine Arbeit gefunden, eine Wohnung – und die Kinder gehen hier in die Schule.

Wo sich Bürger engagiert haben, funktioniert es auch in der Verbandsgemeinde Adenau mit der Integration. „Es sind schon einige Flüchtlinge in Arbeit und in einer Ausbildung, das war aber auch nur möglich durch den Einsatz der Paten, die sich intensiv um Arbeitgeber gekümmert haben, die einem Flüchtling eine Chance geben wollten. Viele Familien haben in Adenau Wurzeln geschlagen und wollen auch nicht mehr weg“, sagt Claudia Baur, die die von der Verbandsgemeinde Adenau eingerichtete Koordinationsstelle gemanagt und in dieser Funktion auch die Leihpaten vermittelt hat, die jede ankommende Flüchtlingsfamilie begleiten. Doch sie wird diesen Job nun nicht mehr weitermachen. „Es ist mir persönlich zu viel geworden“, berichtet sie. Ihre Stelle soll aber bestehen bleiben und neu ausgeschrieben werden. Es seien im vergangenen Jahr zwar keine Flüchtlinge mehr angekommen und in den vergangenen Monaten höchstens drei neue Familien, doch es bleibt aus ihrer Erfahrung die Mammutaufgabe der Integration, die Schwierigkeit, Flüchtlinge nachhaltig in Arbeit zu vermitteln. Oft fehlten die Sprachkenntnisse für anspruchsvollere Tätigkeiten als Mindestlohnjobs. „Viele sind nicht in der Lage, einfach mal so Deutsch zu lernen“, sagt Baur. Es geht jetzt nicht mehr darum, Möbel zu organisieren und für das Nötigste zu sorgen, sondern das bürokratische Monster, das mit Behördengängen, Formularen, Anträgen, Nachweisen und Einhalten von Fristen verbunden ist, zu organisieren. Insgesamt ist festzustellen, dass die Euphorie von damals nicht mehr so zu spüren ist, und auch manch ein Pate sich zurückgezogen hat. „Flüchtlinge, die keinen Paten haben, kommen dann zu mir in die Sprechstunde. Und da geht es dann manchmal zu wie beim Arzt.“

Für die Ökumenische Flüchtlingshilfe im Kreis Ahrweiler, die mit Hans-Joachim Dedenbach einen zu drei Viertel aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds (AMIF) finanzierten hauptamtlichen Profi samt Koordinatorin Jessica Ulrich in ihren Reihen hat, ist es wichtig, dass Ehrenamtler dieses Expertenwissen nutzen und die Flüchtlingshilfe kontaktieren. Denn die Aufgaben haben sich geändert, sind komplexer geworden, wenn es beispielsweise um die Begleitung bei Asylverfahren – eine zentrale Aufgabe der Ökumenischen Flüchtlingshilfe – oder um die berufliche Integration geht. „Viele Ehrenamtliche sind sehr aktiv, erteilen beispielsweise individuellen Sprachunterricht, um junge Flüchtlinge auf dem Weg zur Ausbildungsreife zu unterstützen. Oder sie helfen bei der Vermittlung von Ausbildungsplätzen“, weiß Werner Rex, Vorsitzender der ökumenischen Flüchtlingshilfe. Zu den 45 Ehrenamtlern kommen diejenigen, die mit der Flüchtlingshilfe je nach Bedarf mal mehr oder weniger eng in Kontakt stehen. Viele arbeiten relativ selbstständig. Es läuft. Doch auch der Ökumenischen Flüchtlingshilfe ist bewusst: Diese Welle der Hilfsbereitschaft, wie sie 2015 zu spüren war, gibt es nicht mehr.

Von unserer Redakteurin Beate Au

Flüchtlingsnetzwerk: Ein Verein im Umbruch

Das Flüchtlingsnetzwerk in Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde am 19. Februar 2015 im großen Sitzungssaal des Rathauses als Verein gegründet, um die Integration der Flüchtlinge zu unterstützen und die große Welle der Hilfsbereitschaft zu bündeln. Doch der Verein, so wie er bisher bestanden hat, steht vor großen Umbrüchen.

Für die Arbeit notwendige Spenden bleiben aus, die Zahl der Helfer sinkt drastisch. Zuletzt wurde auch die Begegnungsstätte geschlossen. Die Vorsitzende Heike Krämer-Resch zieht sich zurück. Bei der Mitgliederversammlung am 13. August soll der Vorstand neu gewählt werden.

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