40.000
Aus unserem Archiv

Champagner-Partys beim französischen Botschafter

Kein Teaser vorhanden

War nach dem 20. Juni 1991 sehr sauer auf Bundeskanzler Helmut Kohl: Remagens damaliger Bürgermeister Hans Peter Kürten (links). 
Foto: Jan Lindner
War nach dem 20. Juni 1991 sehr sauer auf Bundeskanzler Helmut Kohl: Remagens damaliger Bürgermeister Hans Peter Kürten (links).
Foto: Jan Lindner

Herr Kürten, wie haben die Remagener auf die Entscheidung für Berlin reagiert?

Viele Menschen waren hier sehr traurig und richtig sauer. Viele hatten Angst. Auch ich war sauer, vor allem auf Bundeskanzler Helmut Kohl. Ich habe ihn sehr geschätzt, aber nie verstanden, warum er für Berlin stimmte mit seiner schrecklichen Belastung aus der Hitlerzeit. Ich fragte mich, warum laden wir uns das auf? Warum zieht die Regierung in den damals noch gefährlichen Osten? Ich glaube, Kohl wollte zurück in die alte Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches.

Weshalb war die Angst vor dem Umzug nach Berlin so groß?

Viele Remagener arbeiteten in Bonn. Es waren ja nicht nur Beamte, sondern auch viele Handwerker und Reinigungskräfte. Die fürchteten alle um ihren Arbeitsplatz. Die Firmen, die abhängig von Aufträgen aus Bonn waren, hatten unheimliche Angst, Pleite zu gehen. Viele mussten schon mal überlegen, wie sie über die Runden kommen sollten.

Mit Regierung und Parlament verschwand auch die Prominenz, gingen Politiker und Botschafter.

Ja, das haben wir schon gemerkt. Viele Politiker besuchten die Konzerte, auf Schloss Ernich lebte der französische Botschafter. Jedes Jahr zum Nationalfeiertag wurden wir eingeladen und tranken teuren Champagner. Das hörte leider auf. In Oberwinter lebten einige Leute mit gutem Namen. Die haben uns allerdings nicht wahrgenommen und sich nie bei uns gemeldet. Diese Leute lebten in einer anderen Welt.

Nach dem Beschluss am 20. Juni 1991 hatten die Leute also große Angst vor der Zukunft. Sind die Befürchtungen eingetreten?

Nein, in keinster Weise. Komischerweise, muss man ja sagen. Es ist auch nicht ein Unternehmer zu mir kommen, der gesagt hat, ich muss Mitarbeiter entlassen. Oder: Ich habe kein Geld mehr, ich muss meinen Laden dicht machen.

Wie erklären Sie sich diesen krassen Gegensatz zwischen der großen Angst und der letztlich recht harmlosen Entwicklung?

Einige Beamte sind in Bonn geblieben, andere haben eine neue Stelle bei einer anderen Behörde oder einem Verband gefunden. Auch die Handwerker hatten weiterhin gut zu tun in Bonn. Die ehemaligen Regierungsgebäude standen nicht lange leer, da sind schnell Firmen eingezogen. Die Arbeitslosenquote im Kreis lag auch deshalb danach weiterhin unter dem Landesschnitt.

Den weitaus größten Teil der Ausgleichszahlungen für den Kreis hat Remagen erhalten – für Fachhochschule und Arp Museum. War der Beschluss eine glückliche Fügung?

Nein. Ich denke, wir hätten die FH auch bekommen, wenn Bonn Hauptstadt geblieben wäre. Wir wussten, dass wir für Arbeitsplätze sorgen mussten. Remagen war damals ein armseliges Nest mit nur wenigen Gewerbeeinnahmen. Viele kleine Firmen waren zuvor pleite gegangen. Ich hatte also noch wesentlich größere Probleme statt mich dauernd über den Bonn-Berlin-Beschluss aufzuregen.

Nämlich?

Wir haben die im Rat recht umstrittene Nordeinfahrt gebaut, vorher die Südeinfahrt. Dann kam die Kommunalwahl, und die CDU verlor ihre Mehrheit. Das war alles sehr schwierig für uns und auch für mich als CDU-Bürgermeister. Aber ab und an habe ich zwischendurch ein wenig gegen den Beschluss gewettert.

Das Gespräch führten Uli Adams und Jan Lindner

Bad Neuenahr-Ahrweiler
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Online regional
Nina Borowski

Nina Borowski

Regio-CvD Online

 

Mail

Anzeige
epaper-startseite
Regionalwetter Bad Neuenahr-Ahrweiler
Dienstag

1°C - 5°C
Mittwoch

3°C - 4°C
Donnerstag

2°C - 5°C
Freitag

4°C - 6°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach