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Angler werfen sie um: Skulpturen aus Stein erregen Anstoß

Michael Michels aus Bad Bodendorf baut seit Jahren Steintürme am Ahrufer. Doch den Anglern passt das gar nicht.

Mit seinen Steinmännchen will Michael Michels einen Orts schaffen, an dem Menschen sich freuen und einen anderen Blick auf die Natur bekommen. Doch die Skulpturen werden immer wieder von den Anglern umgeworfen.
Mit seinen Steinmännchen will Michael Michels einen Orts schaffen, an dem Menschen sich freuen und einen anderen Blick auf die Natur bekommen. Doch die Skulpturen werden immer wieder von den Anglern umgeworfen.
Foto: Judith Schumacher

Zu Türmchen aufeinandergestapelte Steinmännchen finden sich über die Jahrhunderte auf der ganzen Welt. Je nach Kultur dienen sie als Wegweiser oder Vermessungspunkt, Schutz vor bösen Geistern oder wie bei den Indianervölkern als Verehrung für die Natur und Ort der Besinnung. Letzteres kommt dem am nächsten, was Michael Michels seit drei Jahren in der Ahr bei Bad Bodendorf tut. Und das in schöner Regelmäßigkeit. Denn sobald er die kunstvollen Steinfiguren zu scheinbar schwerelos aufeinander zu balancierenden Installationen errichtet hat, werden diese von bislang Unbekannten immer wieder umgeworfen.

Allerdings weiß Michels nun, aus welcher Ecke der Ärger kommt. „Nach dem Vatertag habe ich einige Angler selbst auf frischer Tat ertappt, wie sie die Türmchen umwarfen“, so Michels. Zuerst habe er die Jäger in Verdacht gehabt und vor lauter Wut eine Wildbeobachtungskamera zerstört. Dass dies eine Übersprungshandlung war, hat Michels schnell eingesehen, die Kamera für 329 Euro ersetzt, und sich bei den Jägern entschuldigt. Zudem wurde er per Gerichtsentscheid zu 40 Tagessätzen à 15 Euro verdonnert. „Ich bin jetzt in gutem Einvernehmen mit dem zuständigen Jagdpächter Dr. Herbert Pira aus Remagen auseinander gegangen, doch jetzt hat der Angelsportverein mir die Polizei auf den Hals gehetzt, die jetzt prüfen soll, ob ich ein Aufenthaltsverbot bekomme – aber die Ahr gehört allen“, kann es Michels nicht fassen. „Sie behaupten, ich würde den Flusslauf und das ökologische System stören, die Renaturierung behindern und sogar Kinder gefährden“, ärgert sich Michels.

Dabei habe er den Platz für seine Steininstallationen ganz bewusst dorthin weit von Wohnbebauung verlegt, wo Kinder ohne die Aufsicht von Erwachsenen sowieso nicht hinkommen sollten.

Er habe nur einen Ort schaffen wollen, an dem die Menschen sich freuen und einen anderen Blick auf die Natur bekommen. Täglich kommen Leute an diese Stelle, um mit ihren Kindern die Natur zu genießen und die besondere Atmosphäre in sich aufzunehmen. „Ich dachte schon, er hätte aufgegeben, ungeheuerlich was manche Leute so gegen ihn vorbringen“, ereifert sich eine Mutter, die mit ihren vier Kindern in der Ahr herumplanscht. Sie kommt extra wegen der Steinfiguren von Ahrweiler dorthin. „Es kommt auch immer mal wieder jemand vom Maranatha, um zu sehen, ob die Steine gerade wieder stehen, um dann mit einigen Bewohnern Ausflüge hierhin zu machen“, sagt Michels. Er habe sogar Bänke aus Treibgut für ältere Menschen aufgestellt, die Unbekannte jedoch wieder zerstört hätten. Auch der Verkehrs- und Verschönerungsverein Bad Bodendorf preist die Skulpturen in der Ahr als Bereicherung für Einheimische und Touristen an. „Bilder von den Steinmännchen kursieren mittlerweile schon in einigen Ländern wie etwa Portugal oder auch den USA“, so der naturverbundene Michels. Ihn ärgert es besonders, dass er genau das Gegenteil von dem bewirken wollte, was ihm vorgeworfen wird.

Michels selbst meditiert dort an der Ahr nahezu täglich seit 25 Jahren, unterhält sich mit den Menschen, die dorthin kommen, fühlt sich nicht selten gar als Seelsorger. Er sammelt aber ebenso lange schon den Müll entlang der Ahr ein, auch als Gemeinschaftsaktion mit Kindern. Zudem hält er die Wege frei, damit die Leute die Ahrauen genießen können. „Und die Steine habe ja nicht ich hier in die Ahr verfrachtet – die sind durch die Bagger im Rahmen der Renaturierung der Ahr hier verteilt worden“, betont er. Den flutenden Hahnenfuß habe er als Wasserfilter und Biotop vor allem für Libellen wieder in der Ahr angepflanzt. „Seitdem man die Ahr als Landschaftsarchitekten einfach machen lässt, siedeln sich auch viele Tiere hier an wie Neunaugenaale, Kreuzottern, Smaragdeidechsen, Eisvögel und sogar Marderhunde“, so Michels. Letztere haben Ähnlichkeit mit Kleinbären. Unlängst habe er einen Wurf gefunden, der jedoch von Hunden zerbissen worden war, wie er sagt. Während der Renaturierungsarbeiten wies er die Baggerfahrer darauf hin, dass in diesem Bereich der Ahr geschützte Wanderfledermäuse leben. Diese „Ein-Mann-Demo“ rief einen mit der ökologischen Beaufsichtigung des Projekts zuständigen Mann aus Koblenz auf den Plan. Dieser habe Michels zugesichert, dass er dessen Steinaktionen und ökologische Arbeit gut findet. Doch eben dieses scheint den Anglern ein Dorn im Auge zu sein.

Seit der 54-Jährige als junger Mann nach einem Lungenriss klinisch tot war und ein Nahtoderlebnis hatte, das ihn für den Rest seines Lebens positiv beeinflusste, hat sich Michels Sicht auf das Leben verändert. Er reiste viel, begleitete Sterbende und betreute aus sich heraus psychisch kranke Menschen. „Man kann mich als Spinner bezeichnen, aber ist die Gesellschaft nicht in sich krank und hätte es nötig, den Blickwinkel auf die Natur und sich selbst zu ändern?“, fragt er. Judith Schumacher

Angelsportverein: Eingriff in die Natur

Die Aktivitäten von Michael Michels sind dem Angelsportverein Lohrsdorf ein Dorn im Auge. Der Vorsitzende des Angelsportverein Mario Malik bezieht Position: „Natürlich werfen wir die Steintürme immer wieder um, das ist ein Eingriff in die Natur, Herr Michels nimmt auch Steine von den Strömungslenkern weg, sodass einige Gumpen (Stellen, an denen Fische laichen) verschwunden sind.“ Zudem wirft er Michels vor, Gänse und Enten vertrieben zu haben und irgendwelche Kräuter dort angepflanzt zu haben. „Ich habe ja nichts dagegen, wenn er zwei oder drei Steine übereinander stapelt, aber der baut da ja eine ganze Großstadt“, sagt der Vorsitzende. „Außerdem, wenn da einer drunter liegt, wenn die Steine herunter fallen, ist das Geschrei groß – soll er das doch bei sich zu Hause machen“, meint Malik.

Auf der Internetseite des Angelsportvereins ist unter dem Button „Steintürme – schön aber gefährlich“ nachzulesen:

„Die Türme sind zum Teil so ausbalanciert, dass sie bei der kleinsten Berührung in sich zusammenbrechen. Dies kann durchaus dazu führen, dass spielende Kinder durch die mitunter zentnerschweren Steinbrocken verletzt werden. Die Steine im Flussbett und auf den Strömungslenkern bilden Schutz- und Bruträume für Klein- und Kleinstlebewesen, die für die Flussökologie extrem wichtig sind. Werden diese Schutzräume zerstört, kann dies schwerwiegende Folgen für das Ökosystem Fluss bedeuten.

Die notwendigen Renaturierungsmaßnahmen an der Ahr wurden mit Steuergeldern über die Regionalstelle Wasserwirtschaft der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Koblenz gemeinsam mit dem Landkreis durchgeführt. Werden die Wasserbauwerke (Strömungslenker) nachhaltig geschädigt, müssen diese gegebenenfalls wieder erneuert werden, was zu Schadenersatzforderungen führen kann. ith

Weitere Infos und ein Video finden Sie im Internet unter der Adresse  www.asv-lohrsdorf.de/home/stein-tuerme

Bad Neuenahr-Ahrweiler
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