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Bad Kreuznach

Sexuelle Belästigung auch in Bad Kreuznach alltäglich: Sechs Frauen schildern ihre Erfahrungen

Unter dem Begriff #MeToo, einem sogenannten Hashtag (Internetschlagwort), veröffentlichen seit dem Weinsteinskandal in Hollywood Millionen Frauen ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch. Der Oeffentliche Anzeiger hat Frauen aus Bad Kreuznach nach ihren Erfahrungen in Sachen Übergriffe und Belästigungen gefragt.

Foto: mihaisurdu – sto

Jessica Máte, 22 Jahre, Krankenpflege-Azubi: Mitte Juni 2016 wartete ich gegen 18 Uhr am Bahnhof Alzey auf meinen heutigen Freund – mein erstes Date mit ihm. Ich hörte Musik, als mich ein betrunkener Mann, Mitte 50, ansprach. Er erzählte mir, was für eine hübsche junge Dame ich sei. Als Dorfkind bin ich da robust, hatte die Begegnung schon abgehakt, als er mir an den Po packte und sagte: „Was ein geiler Arsch.“ Seine Freunde lachten, als ich sagte, er solle aufhören. Er meinte: „Männer haben auch Bedürfnisse.“ Ich hätte ihm gern eine gescheuert, traute mich aber wegen seiner Kumpels und ignoranter anderer Wartender nicht. Ich fühlte mich sehr eklig, schmutzig und wollte eigentlich nur noch duschen.

Smilla Muhs-Feger (Name von der Redaktion geändert), 37 Jahre, Lehrerin, Mutter von drei Kindern: An meinem 21. Geburtstag wollte ich von Mainz, wo ich studierte, nach Bad Kreuznach zu meiner Geburtstagsfeier. Mein damaliger Freund konnte mich nicht abholen, so bin ich getrampt in meinem kurzen Sommerkleid. Mein Fahrer, ein Mann Mitte 40, legte mir dann eine Hand aufs Bein und meinte, dass er nun „eine kleine Gegenleistung“ erwarten würde. Ich hatte solche Angst, fühlte mich so ausgeliefert. Ich sagte ihm, dass ich sofort aussteigen wolle. Er ließ mich an der nächsten Raststätte raus. Seitdem bin ich dann nie mehr getrampt. Ich bin auch nicht mehr so vertrauensselig. Auf dem Parkplatz sprach ich einen alten Winzer an, der mich mitnahm und meinte: „Meedche, des derfste net mache.“

Als ich mit meinen Kindern über Missbrauch gesprochen habe, kam eine weitere Geschichte hoch: Im gleichen Jahr machte ich ein Praktikum in einer Ergotherapiepraxis. Mein Anleiter war ein freundlicher Familienvater Ende 30. Er bot mir in der Mittagspause eine Shiatsu-Massage an. Immer wieder berührte er mich dabei auch im Schambereich, obwohl ich klar sagte: „Da nicht!“ Als ich aufstand, konnte ich seine Erektion sehen. Ach ja, und als kleines Mädchen von vielleicht zehn oder zwölf Jahren wurden mir und meinen Freundinnen von Jungs, die bestenfalls ein oder zwei Jahre älter waren, immer wieder in den Schritt gegriffen.

Als ich mit 16 in einer Ausflugsgaststätte in der Region jobbte, war es nicht ungewöhnlich, dass mit dem Satz, „Ey, Meedche, bring mer emol e Piffche“, eine Hand auf meinem Hintern landete. Und in jüngster Vergangenheit ist es mir öfter passiert, dass ich auf dem Nachhauseweg abends von betrunkenen Männern verfolgt und vollgelabert wurde: „Willste nich' mit mir nach Hause kommen?“ Die sind mir bis zur Haustür gefolgt. Ich laufe abends nicht mehr allein durch die Stadt, sondern fahre mit dem Auto. Ich bin froh, dass ich nur Jungs habe.

Lisa Hüther (Name von der Redaktion geändert), 20 Jahre, Studentin: Mit 19 Jahren stand ich in einer Disco in der Stadt an der Theke, als ein Betrunkener die Hand auf meinen Hintern klatschte. Ein Kumpel ging zum Glück dazwischen, holte die Security. Dieses Jahr lief ich zeitweise an Krücken, stand vor einem Restaurant in der Salinenstraße, als mir aus einem vorbeifahrenden getunten Auto zugerufen wurde: „Oh, 'n geilen Arsch hat sie aber.“ Und als ich mit meiner damaligen Freundin Händchen haltend durch die Stadt ging, hieß es: „Na, die zwei würde ich ja auch gern mal flachlegen.“

Sexuell aufgeladene Übergriffe sind Thema bei #MeToo – und in Bad Kreuznach keine Seltenheit.
Sexuell aufgeladene Übergriffe sind Thema bei #MeToo – und in Bad Kreuznach keine Seltenheit.
Foto: H. Wolfraum/DPA

Manuela Förster (Name und weitere Angaben von der Redaktion geändert), 46 Jahre, Produktmanagerin, Mutter von drei Kindern: Ein Bekannter meiner Eltern hat mir beim Umzug geholfen und mir später auf den Hintern gehauen. Erster Gedanke: „Was'n Macho-Spinner, was erlaubt der sich?“ Ich war sprachlos. Eine Woche habe ich Abstand gehalten, dann sein Verhalten im Gespräch kritisiert. Ich ärgere mich, dass ich meine Position nicht klarer gemacht habe.

Pia Trost (Name von der Redaktion geändert), 18 Jahre, Auszubildende: Vergangenen Mittwoch wurde ich im Zug nach Bad Kreuznach von einem mitreisenden Geschäftsmann im Gang ab Ingelheim dauerhaft angestarrt. Sein Notebook interessierte ihn auf einmal nicht mehr. Als ich danach einen Freund traf und wir am Salinenplatz standen, pfiffen mir zwei Typen Mitte 20 immer wieder laut und penetrant nach.

Im Sommer 2016 kam am frühen Abend ein Betrunkener in der Mannheimer Straße auf mich zu, packte mir an den Hintern und wollte mich wegzerren. Mein Fluchtreflex funktionierte zum Glück. Seitdem wechsele ich die Straßenseite, wenn ich einen Betrunkenen sehe. Zwei andere junge Frauen halfen mir damals. Sie fühlten sich von dem Mann auch verfolgt. Abends schalt mich meine Mutter, dass ich selbst schuld sei. Seitdem ziehe ich keine Hotpants und bauchfreien Tops mehr an. Das ist besser so. In Bad Kreuznach wird man sowieso angegafft wie ein Stück Fleisch – inklusive Sprüchen wie „Ey, du hast ja gar keinen Arsch!“ oder „Was präsentierst du hier deine Scheißtitten“.

Seit zwei Wochen trage ich auch kaum noch Röcke, weil zwei Jungs von 13 oder 14 Jahren mich und meinen Vater zuerst verfolgten, mir in einer Drogerie zuriefen, ob sie schon mal Kondome kaufen sollten, und dann am Europaplatz anfingen, von mir Fotos zu machen. Dabei trug ich überm Rock einen Mantel. Mein Vater hat sich zwischen mich und die Jungs gestellt. Im Auto sagte er mir, dass ich diese provokativen Kniestrümpfe lieber daheim tragen solle.

Als ich mit 15 Jahren mit meiner damals 13-jährigen Schwester tagsüber im Schlosspark war, saß da ein älterer Mann um die 60 und starrte meine Schwester penetrant an. Als ich provokativ fragte, ob er denn vielleicht noch gern ein Foto meiner Schwester haben wolle, meinte er nur: „Oh, ja, gern“, und rieb sich mit der Hand im Schritt.

Im gleichen Sommer bin ich mit einer Freundin in der Metzgergasse durch den Regen getanzt. Ein Typ Ende 50 setzte sich auf die Bank, beobachtete uns und leckte sich die Lippen. Wir gingen dann lieber rein, holten etwas aus dem Keller – als wir sahen, dass er sich vorm Kellerfenster aufgebaut hatte. Er hat dann noch eine halbe Stunde vor der Tür gestanden.

Im Herbst vergangenen Jahres habe ich eine Freundin in der Viktoriastraße besucht. Ich hatte bei dieser Straße schon immer ein mulmiges Gefühl, telefonierte daher damals vorsichtshalber mit ihr. Ein Mann Anfang 50 mit schlechten Zähnen kommt mir entgegen, sagt „Hallo, schöne Frau“, dreht kurze Zeit später um und verfolgt mich. Ich habe es gerade noch so durch die Tür geschafft. Er hat sich dann in Ruhe die Klingelschilder angesehen. Das fand ich sehr traumatisierend. Ein Jahr zuvor wurde ich von drei Kerlen Mitte 20 am Bocksbrunnen verfolgt, die sich auch noch aufteilten. Hinterm Rewe in der Hochstraße konnte ich entkommen, sah aber, von der Kinscherfstraße auf die Rüdesheimer Straße und dort, dass sie mich immer noch suchten.

In den Schlosspark gehe ich gar nicht mehr, und nach 22 Uhr gehe ich nur noch mit männlicher Begleitung aus. Zeitweise hatte ich auch Messer und Pfefferspray mit mir. Und ins Schwimmbad gehe ich auch nicht gern. Da wird man immer mit Blicken ausgezogen.

Nina Gausländer (Name von der Redaktion geändert), 27 Jahre, Webdesignerin: Mein Chef äußert sich oft zweideutig. Als wir für eine Kampagne „knutschen“ als zentralen Begriff hatten, hieß es dann schon mal: „Ich muss noch mit Frau Gausländer knutschen.“ Knappe Kleidung wird immer lobend erwähnt, und mit irgendeinem vorgeblichen Grund wird mir auch schon mal an den Po oder an die Brüste gefasst. Dabei gehe ich gern zur Arbeit. Aber langfristig werde ich wohl dort nicht arbeiten.

Ein 40 Jahre älterer Freund, verheiratet hat mir bei einem Besuch gestanden, sich unsterblich in mich verliebt zu haben. Das zu sagen, ist ja okay, auch wenn es nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Aber er kam mir dabei sehr nah, nahm mich fest in den Arm, blickte tief in meine Augen und lehnte sein Gesicht an meines. Ich wollte auf der Stelle weg. Da wurden viele Grenzen überschritten. Oder der flüchtige Bekannte, der mich zu Ausflug und Film einlud und danach fragte: „Machen wir's jetzt noch miteinander?“ So was geht gar nicht.

Oder die Chatbekanntschaft, die schon recht bald Nacktbilder von mir nachfragte und mir unaufgefordert Fotos von seinem Penis zusendete. Oder in der Disco angesprochen werden mit den Worten: „Ich will dich ficken!“ Ich will nicht wie ein Objekt behandelt und ausschließlich auf mein Äußeres reduziert werden.

Oder die Bauarbeiter, die mich in einer Kleinstadt in der Nähe aus dem Lkw heraus gefragt haben, wie viel ich kosten würde. Solche Sachen, denke ich, widerfahren vielen Frauen. „#MeToo“.

Von unserem Reporter Stefan Butz

#Metoo: Mit Weinstein fing die Debatte an

New York/Hollywood. Mit einem Artikel in der „New York Times“ wurde am 5. Oktober bekannt, was schon Jahre vorher hinter vorgehaltener Hand oder nur in Andeutungen weitergegeben wurde. Dass der bekannte Hollywoodproduzent Harvey Weinstein von jungen Schauspielerinnen sexuelle Gefälligkeiten für eine Rolle forderte – laut Weinstein immer einvernehmlich, laut Aussagen vieler Schauspielerinnen eben genau nicht.

Die US-Schauspielerin Alyssa Milano startete die aktuelle #MeToo-Debatte am 15. Oktober: „Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, antworte 'Ich auch' auf diesen Tweet“.
Die US-Schauspielerin Alyssa Milano startete die aktuelle #MeToo-Debatte am 15. Oktober: „Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, antworte 'Ich auch' auf diesen Tweet“.
Foto: Michael Reynolds/DPA

US-Schauspielerin Alyssa Milano, unter anderem aus „Charmed – wunderbare Hexen“ sowie „Melrose Place“ bekannt, übernahm daraufhin auf Twitter ein Schlagwort der Aktivistin Tarana Burke, die schon 2006 den #MeToo-Hashtag (Internetschlagwort) benutzte – damals noch auf MySpace, einem inzwischen nur noch wenig genutzten sozialen Netzwerk.

Milano schrieb: „Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, antworte 'Ich auch' auf diesen Tweet.“ Ihre Nachricht wurde mehr als 25.000 Mal von anderen Nutzern übernommen (retweetet) und erhielt mehr als 68.000 Kommentare, in denen Frauen in knappen Worten von sexuellen Übergriffen, aber auch extremen Missbrauchserfahrungen berichteten. Nach 24 Stunden gab es auf Twitter eine halbe Million Tweets mit diesem Schlagwort, auf Facebook Beiträge von 4,7 Millionen Nutzerinnen.

Schlagwort wie Debatte verließen schnell die Sphäre Hollywoods und führten zu ähnlichen Diskussionen im britischen Unterhaus sowie in der dortigen Regierung als auch im europäischen Parlament. Kritisiert wird die Debatte unter anderem dafür, dass sie Vergewaltigung, Missbrauch und Anmache vermenge. Das amerikanische „Time“-Magazin wählte all jene, die unter #MeToo über ihre Erfahrungen berichteten, als Brecherinnen des Schweigens zu den Personen des Jahres. stb

Methodik und Aufruf

Es wurden 45 zufällig ausgewählte Frauen aus Bad Kreuznach befragt. 29 Frauen haben geantwortet. Davon konnten 15 von Übergriffen berichten. Neun Frauen hatten zwar ebenfalls Übergriffe erfahren, wollten aus persönlichen Gründen aber keine Angaben für die Zeitung machen. Die Aussagen kamen entweder im persönlichen Gespräch oder per Zusendung zustande. An den oben geschilderten insgesamt 21 Übergriffen waren in drei Fällen Menschen mit südländischem Aussehen beteiligt. stb

Sie haben sexuelle Übergriffe erfahren? Schreiben Sie an bad-kreuznach@rhein-zeitung.net, Betreff #MeToo. Ihr Name kann geheim bleiben. Bitte geben Sie trotzdem einen Kontaktweg an.

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