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Bad Kreuznach

Helga Baumann im Interview: Vor allem die kleinen Dinge rühren sie ungemein

Im Februar 1991, ein Jahr nach der Eröffnung der Einrichtung, wurde der Förderverein für das Frauenhaus gegründet, um den Trägerverein zu entlasten und nicht allein zu lassen: Helga Baumann war eine Frau der ersten Stunde.

Helga Baumann
Helga Baumann

Nach 27 Jahren zieht sie sich aus dem Vorstand zurück. Viele der Ziele wurden erreicht: Das Frauenhaus hat eine starke Lobby, die dort geleistete Arbeit genießt Akzeptanz und Wertschätzung.

Ein paar Jahre nach der Gründung des Fördervereins entstand dieses Foto mit (von links) den heutigen Ehrenvorsitzenden Marianne Rabb-Ohlenforst und Doris Platt, Erna Kilian, Helga Baumann und Marita Ingenbrand. Neben Helga Baumann und Doris Platt gehörten Anna-Maria Kroll, Marianne Stumm, Elina Schultheiß, Petra Uth und Gaby Dexheimer-Thiele zum Gründungsvorstand des Fördervereins Frauenhaus.
Ein paar Jahre nach der Gründung des Fördervereins entstand dieses Foto mit (von links) den heutigen Ehrenvorsitzenden Marianne Rabb-Ohlenforst und Doris Platt, Erna Kilian, Helga Baumann und Marita Ingenbrand. Neben Helga Baumann und Doris Platt gehörten Anna-Maria Kroll, Marianne Stumm, Elina Schultheiß, Petra Uth und Gaby Dexheimer-Thiele zum Gründungsvorstand des Fördervereins Frauenhaus.
Foto: Förderverein Frauenhaus

Frau Baumann, was waren Ihre Beweggründe, sich ehrenamtlich hier zu engagieren? Wie fing es an?

Ich war in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen. Wir haben versucht, in der Stadt etwas zu verändern, zu bewegen, anzustoßen. Alles fing 1987 an mit einer großen Sitzung im Frauenforum – überparteilich kamen viele interessierte, aktive Frauen zusammen. Gewalt in Familien wurde thematisiert, was damals noch ein Tabu war. Da ist der Funke übergesprungen – auch auf die politischen Frauen, nicht nur die sozialdemokratischen, genauso auf die CDU-Frauen und andere. Wir waren in Bad Kreuznach die erste Stadt, die mit Martina Hassel eine Frauenbeauftragte hatte. Viel lief dann unter ihrer Nachfolgerin Christine Stümpfl-Berrer. Wir haben uns von den Frauen der ersten Stunde anstecken lassen und mitgemacht.

Wie schwierig war die Anfangszeit? Wo gab es Widerstände?

Es gab keine Widerstände. Es gab Misstrauen: Natürlich passiert so etwas, aber nicht bei uns. Man wollte das nicht glauben. Es wurde dann eine Fragebogenaktion an Ärzte, Pfarrer oder Beratungsstellen auf den Weg gebracht. Natürlich anonym. Mit den Antworten hatten wir den Beweis und konnten damit in die Politik gehen.

Welche Erfahrungen haben Ihnen bei der Aufbauarbeit und auch später Mut gemacht?

Wir waren total davon überzeugt, etwas ändern zu wollen. Dass die Frauen sich trauen, diese Gewalttätigkeiten anzuzeigen, sich Hilfen zu holen und dass es für sie eine Unterkunft braucht, in die sie fliehen können – einen Schutzraum. Wir waren vor allem Macherinnen und hatten eine Strategie. Wir sind uns nicht zu fein gewesen, überall anzuklopfen und unser Anliegen zu schildern.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Der stetig wachsende Erfolg. Mir war aber immer klar, dass wir die Leute überzeugen können. Und wir haben uns als Team gesehen. Für uns stand immer das Wörtchen wir. Das macht die große Stärke des Fördervereins aus, weil wir die unterschiedlichsten Frauen im Vorstand hatten – aus Kirche, Geschäftswelt oder Parteien. Ich hatte nie Probleme mit diesen Strukturen, weil ich ein Teammensch bin. Wir waren gleichberechtigt, haben uns immer abgewechselt. Damit man das in der Öffentlichkeit nicht mit einer Frau verbindet, sondern auf Anhieb mit fünf Vorsitzenden.

Welches Ziel war das wichtigste?

Ein eigenes Haus. Das war das erste große Ziel. 1992 haben wir den Beschluss gefasst, zehn Jahre später das Haus gekauft. Und es ist bezahlt. Wir wollten einfach diese Unabhängigkeit haben, nicht von einem Vermieter abhängig sein. Wie den meisten Frauenhäusern war uns diese Unabhängigkeit in jeder Hinsicht wichtig. Wir hatten immer schon Männer, die uns unterstützt haben, aber es ist ein Projekt der Kreuznacher Frauen. Sie haben an einem Strang gezogen. Darum ist das so ein Gemeinschaftswerk geworden. Viele fühlen sich als Mitbegründerinnen. Was richtig ist. Und wir wollten eine Sicherheit haben, dass wir nichts umsonst machen, sich nichts in Luft auflöst. Das war das Ziel, dass das Frauenhaus in doppelter Hinsicht ein sicherer Ort ist. Heute ist die Einrichtung so akzeptiert und anerkannt, dass keiner mehr daran rüttelt. Das ist ein großer Erfolg.

Was wurde nicht erreicht?

Was mir am Herzen liegt und immer noch leidtut: dass wir kein barrierefreies Frauenhaus haben.

Nach 27 Jahren sagen Sie dem Fördervereinsvorstand tschüss. Im Trägerverein bleiben Sie weiter aktiv. Was hat Sie dazu bewogen?

Es ist für mich weniger Arbeit, weil der Förderverein diese arbeitsintensiven etablierten Veranstaltungen anbietet. Ich hätte das weiter machen können, wollte aber nicht ewig im Vorstand bleiben, sondern den Generationswechsel einleiten. Jeder hilft gern. Leute für den Vorstand zu finden, das ist nicht so ohne. Im Trägerverein warten andere Aufgaben, die ich gern noch einige Zeit übernehme. Ich will nicht alles auf einmal loswerden. Dafür ist es zu sehr mit mir verbunden.

Bei Ihrem Abschied haben Sie von einer aufregenden, aber auch anstrengenden und schönen Zeit gesprochen. Was war anstrengend, was schön?

Aufregend war das Neue dabei, ganz am Anfang auch die Unsicherheit. Und die Spannung: Können wir das, funktioniert das, kriegen wir das hin? Alles immer im Team abzusprechen, das ist auch nicht einfach. Aufregend war auch, dass wir uns ständig etwas Neues haben einfallen lassen, um das immer wieder zum Thema zu machen und nicht gleichzeitig selbst wie ein Opfer durch die Stadt zu laufen. Wir haben uns ja nicht als Opfer gefühlt und uns nie so gesehen. Das Aufregende waren die unglaublich vielen Erlebnisse, die uns gezeigt haben: Es klappt. Anstrengend war, dass wir sehr sorgfältig gearbeitet haben. Die Mühe war es aber wert. Jede hatte ihre Rolle, ihre Aufgabe. Sonst hätte das nicht funktioniert. Die Anstrengung ist schon groß. Aber die Freude wischt das weg.

Was war Ihr schönstes Erlebnis im Frauenhaus?

Die Kinder haben gemalt, wie sie sich den Garten im Frauenhaus wünschen. In drei dieser Gärten hing eine Hängematte. Darunter stand: „ein bisschen Gras“. Solche Erlebnisse finde ich rührend. Man merkt die Sehnsucht der Kinder. Die Bilder haben wir kopiert und bei einer Feminale auf jeden zweiten Platz gelegt. Da hatten wir ruck, zuck 5000 Euro für den Garten zusammen. Es ist für mich wirklich so, dass so scheinbar kleine Dinge wie das winzige lachende Mädchen im Sandkasten mich ungemein rühren und sie bei mir auch nicht in Vergessenheit geraten. Die lang und mühsam erarbeiteten Erfolge wie Hauskauf, Dauerbrenner Feminale, Verdienstorden des Landes oder die jetzt abgeschlossene Sanierung einschließlich Sehnsuchtsgarten mit „etwas Gras und einer Hängematte“ machen mich natürlich froh und stolz. Denn alles, was wir dort schaffen, ist ja keine Selbstverständlichkeit, sondern das Zusammenwirken vieler selbstbewusster und sensibler Menschen.

Wie hat sich das Selbstverständnis gegenüber der Arbeit im Frauenhaus in der Gesellschaft verändert?

Durch die viele Öffentlichkeitsarbeit, zusätzlich in Film und Fernsehen, wird Gewalt in engen sozialen Beziehungen immer wieder thematisiert. Es guckt keiner mehr weg, wenn man darüber spricht. Es hat sich verändert, weil es kein Tabuthema mehr ist, und sich die Frauen viel früher Hilfe holen. Sie sind aufgeklärter. Die Scham, dass ihnen so etwas passiert ist, geht langsam verloren. Und die Zuwendung, die sie bekommen, tut ihnen unendlich gut, und wie viele Menschen sich für sie einsetzen. Das stärkt natürlich das Selbstbewusstsein. Dazu die professionelle Beratung im Frauenhaus. Es muss aber alles auch immer von den Frauen gewollt sein, und sie müssen es können.

Die Feminale oder die Vortragsreihe „Starke Frauen“ – wie wichtig sind solche Veranstaltungen, die Sie mit initiiert haben?

Es sind Angebote, zu denen die Menschen gern gehen. Wir lassen sie dann nicht ganz ungeschoren davonkommen und erinnern sie daran, warum wir das machen: Indem wir Frauenleben in den Mittelpunkt stellen, beispielhafte Frauenleben zeigen in unterschiedlichsten Ländern und Zeiten. Und dass sie trotzdem stark bleiben konnten – auch bei Niederlagen. Das Publikumsinteresse ist groß, wir kommen ins Gespräch und gewinnen neue Unterstützer und Unterstützerinnen.

Was lässt Sie für den Förderverein optimistisch nach vorn schauen?

Ich bin davon überzeugt, dass es nicht so weiter gemacht werden muss. Es kann auch ganz anders weiter gehen. Der neue Vorstand kennt die Basis, weiß, wie der Erfolg entstanden ist, muss aber keine Aufbauarbeit mehr leisten. Da können andere Sachen entwickelt werden. Die Feminale machen natürlich alle gern weiter. Das ist der schönste Part. Ich habe mich immer wahnsinnig auf die Kinoabende gefreut, ebenso und auf die Vorträge. Ich helfe gern weiter bei der Feminale mit und bin für den Vorstand da. Unabhängig davon will ich mich aber nicht einmischen.

Blicken Sie nicht doch auch ein bisschen mit Wehmut zurück?

Nein. Wenn ich mir etwas so lange überlege, habe ich auch die innere Gewissheit, dass es richtig ist. Wehmut kommt da nicht auf.

Haben Sie lange mit sich über diesen Schritt gerungen?

Ja, schon. Bereits vor eineinhalb Jahren habe ich darüber nachgedacht. Ich habe immer wieder beobachten können, wie schwer es manchen Menschen fällt, sich von einem Amt oder einer Aufgabe zurückzuziehen. Es ist auch nicht so ganz leicht. Ich treffe solche Entscheidungen aber gern selbst. Es geht ja nichts verloren, und viele schöne Erinnerungen bleiben. Hinzu kommt, dass es Hunderten von Frauen gelungen ist, dass ihr Leben eine Wendung nimmt – in eine Zukunft ohne Angst vor drohenden Demütigungen und Gewalt.

Das Gespräch führte Harald Gebhardt

Zur Person Helga Baumann

Helga Baumann wurde 1941 in Graz/Österreich geboren. Seit 1983 lebt sie in Bad Kreuznach.

1988 war sie Gründungsmitglied im Trägerverein des Frauenhauses, Frauen helfen Frauen, 1991 Gründungsmitglied im Förderverein für das Frauenhaus Bad Kreuznach und von Anfang an Vorstandsmitglied als eine der gleichberechtigten Vorsitzenden.

1998 wurde sie Vorstandsmitglied – ebenfalls als eine der gleichberechtigten vorsitzenden im Trägerverein bis heute. Seit 1998 war sie also in beiden Vereinen eine der Vorsitzenden.

1994 war Helga Baumann SPD-Stadtratsmitglied (fünf Jahre), von 1999 bis 2009 Kulturdezernentin der Stadt Bad Kreuznach bis 2009.

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