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Bad Kreuznach

Auf den Spuren von Karl Marx und seiner Jenny: Philosoph heiratete am 19. Juni 1843 in Bad Kreuznach

Vor 200 Jahren wurde der deutsche Philosoph, Ökonom und Begründer des Marxismus, Karl Marx, in Trier geboren. Auch in Bad Kreuznach finden sich Spuren von ihm: In der Badestadt heiratete er vor 175 Jahren, am 19. Juni 1843, die Sozialistin Jenny von Westphalen (Johanna Bertha Julie Jenny Marx, geborene von Westphalen).

Schicksalsschläge in der Familie führten dazu, dass die Hochzeit des Paares nach sieben langen Jahren der Verlobungszeit eher zufällig in dem aufstrebenden Heilbad an der Nahe stattfand. Es ging wohl darum, Abstand zu gewinnen: Am 3. März 1842 war Jennys Vater Johann Ludwig von Westphalen in Trier verstorben. Wenige Monate später verstarb auch die Schwester von Jennys Mutter, die mit der Familie in einem Haushalt lebte.

In dieser Situation siedelten Mutter und die 29-jährige Tochter, deren Bruder Edgar sowie eine Hausangestellte auf begrenzte Zeit nach Kreuznach über. Das Haus in Trier wurde kurzzeitig vermietet, was auf die Absicht zur Rückkehr schließen lässt. In Kreuznach traf man wohl Ende September ein, schreibt der Historiker und Geschäftsführer der Gesellschaft Gesundheit und Tourismus für Bad Kreuznach (GuT), Michael Vesper.

STATION 1 – Hochstraße 65/Stadthaus: Ende September 1842 bezieht Jenny von Westphalen mit ihrer Mutter und Geschwistern für ein Jahr eine Wohnung, beim Gastwirt Valentin Keller. Dessen  Hotel „Zur Sonne“ – später Hochstraße 65 – liegt nahe dem Casinogebäude und vis-a-vis des Stadthauses. Marx hat entweder hier ein Zimmer bezogen (im Gasthof?) oder aber in dem Haus der Schmiede Conradi in der Kreuzstraße 26. Im Stadthaus vollzog Oberbürgermeister Franz Buß als Standesbeamter die standesamtliche Trauung. Ein Freund arbeitete hier bei einem Notar. Das Foto zeigt das frühere „Hotel zur Sonne“ in der Hochstraße 65 (rechts) vis-a-vis des Kreuznacher Stadthauses in den 70er-Jahren. 1973 wurde das Gebäude für die Straßenerweiterung abgerissen.
STATION 1 – Hochstraße 65/Stadthaus: Ende September 1842 bezieht Jenny von Westphalen mit ihrer Mutter und Geschwistern für ein Jahr eine Wohnung, beim Gastwirt Valentin Keller. Dessen Hotel „Zur Sonne“ – später Hochstraße 65 – liegt nahe dem Casinogebäude und vis-a-vis des Stadthauses. Marx hat entweder hier ein Zimmer bezogen (im Gasthof?) oder aber in dem Haus der Schmiede Conradi in der Kreuzstraße 26. Im Stadthaus vollzog Oberbürgermeister Franz Buß als Standesbeamter die standesamtliche Trauung. Ein Freund arbeitete hier bei einem Notar. Das Foto zeigt das frühere „Hotel zur Sonne“ in der Hochstraße 65 (rechts) vis-a-vis des Kreuznacher Stadthauses in den 70er-Jahren. 1973 wurde das Gebäude für die Straßenerweiterung abgerissen.
Foto: Sammlung Steffen Kaul

Marx hielt sich in dieser Zeit, 1842 und 1843, mehrere Male in Kreuznach auf – zunächst wohl nur gelegentlich, weil er die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ in Köln übernimmt, bis er wegen staatlicher Zensurmaßnahmen im März 1843 aus der Redaktion austreten wird, aber offensichtlich in Köln gemeldet bleibt. Er weilt in den ersten Oktobertagen, in der Weihnachtszeit, im März und schließlich ab Ende Mai in Kreuznach.

Sicher ist, dass die standesamtliche Trauung am 19. Juni 1843 im Stadthaus vollzogen wurde. Trauzeugen sind Dr. Carl Engelmann, Notariatskandidat Heinrich Balthasar Christian Clemens, der Rentner Elias Mayer und der Gastwirt Valentin Keller. Zur Hochzeit trägt die Braut ein grünes Kleid mit rosafarbenem Bouquet. Am gleichen Tag erfolgte durch den evangelischen Pfarrer Johann Wilhelm Schneegans auch die kirchliche Trauung. Wo, ist nicht ganz klar.

Die Kreuznacher Wilhelmskirche mit Kirchenschiff nach dem Brand von 1861. Links ist das damalige neue Pfarrhaus zu sehen. Möglicherweise hat sich Karl Marx im Juni 1843 hier trauen lassen. Die Pauluskirche auf der anderen Seite des Mühlenteichs jedenfalls wurde seit 1842 renoviert.
Die Kreuznacher Wilhelmskirche mit Kirchenschiff nach dem Brand von 1861. Links ist das damalige neue Pfarrhaus zu sehen. Möglicherweise hat sich Karl Marx im Juni 1843 hier trauen lassen. Die Pauluskirche auf der anderen Seite des Mühlenteichs jedenfalls wurde seit 1842 renoviert.
Foto: Sammlung Steffen Kaul

Nach der Hochzeit unternimmt das frisch vermählte Paar eine Hochzeitsreise. Sie führt zunächst nach Ebenburg in den Gasthof Sickingen, von dort aus vermutlich nach Bingen, von wo man mit der Bahn oder auf dem Fluss den Weg nach Baden-Baden antritt. In der Fremdenliste ist die Ankunft von Karl und Jenny Marx (aus Köln!) für den 24. Juni vermerkt. Im Laufe des Folgemonats dürften sie wieder in Kreuznach gewesen sein. Ende September dürfte Marx mit seiner Familie dann abgereist sein und Kreuznach verlassen haben.

Die neue Stadtführung mit den Stationen von Karl Marx: Stadthaus (1), Pauluskirche (2), Kreuzstraße 26 (3), Heimatwissenschaftliche Bibliothek (4), Salinenstraße (5)
Die neue Stadtführung mit den Stationen von Karl Marx: Stadthaus (1), Pauluskirche (2), Kreuzstraße 26 (3), Heimatwissenschaftliche Bibliothek (4), Salinenstraße (5)
Foto: maps4news

Die GuT bietet ab diesem Sommer eine neue Führung an – „Auf den Spuren von Karl und Jenny“. Sie beinhaltet die Stationen Stadthaus, Pauluskirche/Wilhelmskirche, Kreuzstraße, Heimatwissenschaftliche Bibliothek sowie Salinenstraße/Kurhaus. Sie dauert 60 bis 90 Minuten und soll dauerhaft angeboten werden, erklärt Vesper. Die Tour beginnt am Stadthaus und endet am Kurhaus. Vorgesehen ist, im Rahmen der Führung die Pauluskirche und die Heimatwissenschaftliche Bibliothek zu besuchen.

Harald Gebhardt

Harald Gebhardt kommentiert: Kreuznach hat das Thema Marx verschlafen

Man muss ihm an der Nahe ja nicht gleich ein Denkmal setzen wie in seiner Heimatstadt Trier. Aber als Stadt mit Karl Marx werben, um Touristen anzulocken, könnte man schon. Dazu würden schon ein paar Hinweisschilder an seinen historischen Aufenthalt in Bad Kreuznach genügen.

Harald Gebhardt
Harald Gebhardt

Immerhin hat er – das ist unstreitig – vor 175 Jahren hier geheiratet. Ja mehr als das: Es lassen sich weitere Spuren des weltbekannten Philosophen finden: Er war 1842/1843 mehrmals in Bad Kreuznach, hat für kurze Zeit hier gelebt und gearbeitet. Auch seine Frau Jenny von Westphalen bezog mit ihrer Familie eine Zeit lang eine Wohnung in der Hochstraße.

Insgesamt gibt es fünf Stellen in der Stadt, an denen sich Marx nachweislich aufgehalten hat. Leider findet sich bislang nirgendwo ein Hinweisschild darauf. Bislang wurde das Thema schlicht verschlafen. Das ist schade. Denn Marx ist eine welthistorische Figur. Er mag zwar umstritten sein – vor allem sein politisches Erbe –, doch das, was später in seinem Namen geschah, kann man ihm nicht ankreiden.

Keine Angst! Niemand will den Titel Marx-Stadt anstreben wie im Falle von Faust. Doch während sich Marx' Aufenthalt hier belegen lässt, verhält es sich bei der Faust-Legende etwas anders. Und: Das historische Fausthaus ist schon lange geschlossen, es gibt nur ein kleines privates Faustmuseum unterhalb der Brückenhäuser.

Da lässt sich Marx touristisch eindeutig besser ausschlachten – mit der neuen Stadtführung macht die Tourismus GmbH endlich den Anfang. Spät zwar ist man aufgewacht (die hätte eigentlich schon zum 200. Geburtstag fertig sein müssen), aber vielleicht noch nicht zu spät. Zurzeit ist Marx noch wieder „in“.

E-Mail: harald.gebhardt@rhein-zeitung.net

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