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    Kunst und Kitsch aus Omas Kemenate

    Auf den ersten Blick sind die Bilder Kitsch pur: Die Farben grell, die Motive süßlich, Jesus, Maria, die Schutzengelchen – sie alle tragen den gleichen verträumt-frommen Ausdruck auf ihren blassen Gesichtern.

    Thomas Webel-Reiner sammelte Schlafzimmerbilder. Drei hat er noch, den Rest stiftete er einem Museum. Dafür möchte er jetzt Vorträge halten.
    Thomas Webel-Reiner sammelte Schlafzimmerbilder. Drei hat er noch, den Rest stiftete er einem Museum. Dafür möchte er jetzt Vorträge halten.

    Unterhält man sich aber mit Pfarrer i.R. Thomas Webel-Reiner, dann wird schnell klar, diese handtuchgroßen, meist in Goldrahmen gefassten religiösen Motive waren für viele Menschen weit mehr, als nur geschmackloser Wandschmuck. „In der Zeit, in der ich gesammelt habe, habe ich mich viel mit den Menschen unterhalten, von denen ich die Bilder gekauft habe, und sie alle verbanden Erinnerungen oder Geschichten mit diesen Bildern", so Webel-Reiner. Und noch mehr weiß der Hobbysammler zu berichten: So hingen die Werke, die maßgeblich von zwei österreichischen Malern zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefertigt wurden, zumeist in den Schlafzimmern der Menschen. Oftmals hatten sich die Familien das Kunstwerk quasi vom Munde abgespart. „Sie müssen sich das so vorstellen, dass die Menschen damals oft in ärmlichen Verhältnissen gelebt haben. Die Wände waren kahl, keine Tapeten. Gemälde oder Fotografien konnten sich oft nur die besser betuchten leisten. Diese Gemälde, die mit der Möglichkeit des Farbdrucks aufkamen, stellten plötzlich eine für alle Menschen erschwingliche Volkskunst dar", sagt der Experte. Und fügt noch an: „In dieser kargen Zeit muss das vom Sinneseindruck her gewesen sein, wie heute für die Menschen das IPhone." Durch die Erzählungen der Verkäufer erfuhr der Pfarrer auch, dass die Eltern oder Großeltern oftmals ihre Religiosität sehr eng mit dem guten Stück über dem Bett verbanden, sie etwa abends davor knieten, um zu beten, oder vor dem Verlassen des Hauses noch einmal kurz vor dem Schlafzimmerjesus inne hielten. Begonnen hat der 56-Jährige seine Sammlung übrigens mit einem „Jesus auf dem Ölberg", einem dieser kitschigen Kunstdrucke aus dem Jahr 1917. Das von blauen Farben dominierte Bild fand er Anfang der 80er Jahre in Münster auf einem Flohmarkt. Und weil Webel-Reiner kein gewöhnlicher Sammler ist, sondern gerne den Dingen auf den Grund geht, befasste er sich nach diesem ersten Spontankauf tiefer gehend mit den Schlafzimmerbildern. „Ich fragte mich, warum es weniger wurden, die man auf den Trödelmärkten sah und fand heraus, dass Antiquitätenhändler gerne das alte Glas aus den Goldrahmen zum Renovieren von Vitrinen nahmen, die Bilder landeten im Müll." Zu Schade, befand der Pfarrer und sammelte, was er kriegen konnte – ausgenommen die damals ebenfalls beliebten kitschigen Landschaftsbilder inklusive röhrendem Hirsch und blauem Bächlein. Webel-Reiner suchte nach christlichen Motiven. In Gelsenkirchen, wo er bis zu seinem gesundheitsbedingten Rückzug aus dem Berufsleben als Pfarrer tätig war, war der Mann mit der Sammelleidenschaft eine kleine Berühmtheit, Radio und Zeitungen berichteten mehrfach über ihn. Und natürlich riefen die Menschen bei ihm an, die wieder so ein altes Schätzchen auf ihrem Dachboden gefunden hatten. Seine Sammlung hat er mittlerweile dem Freiluftmuseum in Detmold gestiftet, das die Bilder zum einen besser lagern kann, zum anderen eine Sonderausstellung mit den Werken plant. In seinem kleinen Haus in Berzhausen, das er vor drei Jahren mit seiner Frau Irma kaufte und liebevoll selbst renovierte, hängen aber immerhin noch drei der guten Stücke, unter anderem auch „Jesus als Hirte", ein Gemälde, das für ihn eine besondere Geschichte hat. Mit diesem Druck konnte er seinen Konfirmanden eine wichtige Botschaft bildhaft übermitteln: das Jesus an ihre Herzen – symbolisiert durch eine grüne Tür – klopft und sie ihn nur herein lassen müssen. Sonja Roos

    Wer mehr über das Thema erfahren möchte, Pfarrer i. R Webel-Reiner bietet darüber einen interessanten Dia-Vortrag für Vereine oder Institutionen. Weitere Infos unter Tel. 0176/26261025

    Das Schlafzimmerbild: Der Ausdruck Schlafzimmerbild bezeichnete einen Öldruck im überlangen Breitformat, dem so genannten „Handtuchformat“, der zum Aufhängen über den Ehebetten bestimmt war. Durch sein Format (52x120 cm) passte das Bild gut in die oftmals beengten, niedrigen Wohnungen der Käufer. Man legte die Bilder so an, dass sie auf verschiedene Weise gerahmt und beschnitten werden konnten. Oft verkauften Händler die Bilder für 60 Mark von Haus zu Haus – mit der Option, in Raten zu zahlen. Der Kundenkreis bestand meist aus Arbeitern und kleinen Beamten. Schlafzimmerbilder wurden in den 1920er Jahren populär, der Kunsthandel bezeichnete sie aber als „Schmarren“ und „süßlichen Kitsch“

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