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Kreis Altenkirchen

AK-Kreis: Immer mehr sind auf Pflege angewiesen

Die Zahl pflegebedürftiger Menschen im Kreis Altenkirchen steigt und steigt. Und wenn erst einmal die geburtenstarken Jahrgänge aus den 1950er- und 1960er-Jahren älter als 75 sind und sich zunehmend nicht mehr selbst versorgen können, dann reichen die Pflegeangebote, die es zurzeit im Westerwald und an der Sieg gibt, bei Weitem nicht mehr aus. Das ist die zentrale Botschaft des Datenreports zur Pflegestrukturplanung, die Landrat Michael Lieber am Mittwoch mit seinen Fachleuten vorstellte.

Der demografische Wandel schreitet unaufhaltsam voran: Im Kreis Altenkirchen gehen auf längere Sicht die Einwohnerzahlen zurück, wobei die Lebenserwartung und auch die Zahl der Pflegebedürftigen steigen.
Der demografische Wandel schreitet unaufhaltsam voran: Im Kreis Altenkirchen gehen auf längere Sicht die Einwohnerzahlen zurück, wobei die Lebenserwartung und auch die Zahl der Pflegebedürftigen steigen.
Foto: Sascha Ditscher

Von unserem Redaktionsleiter Marcelo Peerenboom

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Wie eine Untersuchung des Instituts für Gerontologie an der Technischen Universität Dortmund ergeben hat, ist die Bevölkerung im Landkreis Altenkirchen in einem deutlich höheren Maße pflegebedürftig als der Durchschnitt in Rheinland-Pfalz. Konkret: Je 1000 Einwohner gibt es hier 34 Pflegebedürftige, während es in ganz Rheinland-Pfalz nur 27 sind. Joachim Brenner vom Kreissozialamt lässt diese Zahl ein wenig ratlos zurück. Zur Frage, woran es liegen könnte, dass Pflegebedürftigkeit im AK-Kreis so viel häufiger verkommt, sagt Brenner: "Wir haben dazu keinen Erklärungsansatz."

Die andere Seite der Medaille sieht so aus: Auch wenn mehr Menschen auf Pflege angewiesen sind, gibt es nicht etwa einen überdurchschnittlichen Bedarf an Seniorenheimen. Denn hier erkennt man eine andere Besonderheit des Kreises Altenkirchen: 56,4 Prozent der Betroffenen werden von ihren Angehörigen daheim gepflegt. Im Land liegt diese Quote nur bei 50,9 Prozent, in ganz Deutschland lediglich bei 47,3 Prozent. Joachim Brenner dazu: "Das sehen wir als Stärke an. Wir haben da eine recht intakte Struktur." Von den übrigen pflegebedürftigen Personen nutzen 18,9 Prozent im Kreis ambulante Dienste, und 24,7 Prozent leben in einem Heim.

Glaubt man den Wissenschaftlern mit Professor Waldemar Schmidt von der TU Dortmund an der Spitze, dann wird das nicht so bleiben. Sein Institut rechnet damit, dass die Versorgung durch Familienangehörige drastisch zurückgehen wird. Im Jahr 2020 wird sie demnach bei nur noch 48 Prozent und 15 Jahre später bei 47,7 Prozent liegen. Dafür nimmt die Bedeutung ambulanter Dienste (2020: 21,3 Prozent) zu und am deutlichsten die der Seniorenheime (30,7 Prozent). Die eine Seite ist die prozentuale Verteilung; viel entscheidender jedoch sind für die Planer die konkreten Fallzahlen. Und da wird das Ausmaß der Herausforderung für den Kreis erst recht deutlich: Während es 2007 noch 1802 Menschen im Alter ab 60 Jahren gab, die Pflegegeld erhielten und zu Hause von Angehörigen versorgt wurden, so werden es im Jahr 2035 schon 2219 sein. Und die Zahl der Heimbewohner schnellt von 1035 im Jahr 2007 auf 1438 im Jahr 2035 nach oben. Dem stehen allerdings nur 1300 Plätze gegenüber.

Um nicht eines Tages den Pflegenotstand ausrufen zu müssen, werden im Kreisgebiet bereits heute entscheidende Weichen gestellt. So sind durch eine Heimschließung in Flammersfeld jüngst 40 Plätze entfallen. Dafür aber wird eine Einrichtung in Mehren durch Umbaumaßnahmen ihre Kapazität deutlich erhöhen. In Flammersfeld plant die Lebenshilfe seit Längerem eine neue Einrichtung, die vor allem ältere Behinderte im Blick hat. Auch in Gebhardshain tut sich etwas: Dort steht eine Ausweitung um 20 Plätze an.

Nicht nur die bedarfsgerechte Versorgung mit Heimplätzen haben Professor Schmidt und sein Team den Akteuren im AK-Kreis ins Stammbuch geschrieben, sondern auch weitere Zukunftsaufgaben – etwa die Erarbeitung neuer Pflegekonzepte für Personen, die an Demenz erkrankt sind. Auch die Versorgung in der allerletzten Lebensphase haben die Forscher als Baustelle ausgemacht. Wie Joachim Brenner erklärt, hätte er gern im Kreis ein Hospiz, hat dafür aber noch keinen Träger finden können. Umso mehr setzt die Kreisverwaltung auf entsprechende Fortbildung im Bereich der Palliativpflege. Auch behinderte Senioren soll der Kreis nicht aus den Augen verlieren und zudem die zunehmende Bedeutung von "kultursensibler Pflege" beachten. Hierbei geht es um Menschen mit Migrationshintergrund, die in wachsendem Maße pflegebedürftig werden.

Da die Pflege in den eigenen vier Wänden an Sieg, Wied und Nister die größte Bedeutung hat, ist auch hier noch einiges zu tun, um die Versorgung zu verbessern. So kündigt Landrat Lieber an, im Rahmen eines neuen Nahverkehrsplanes die Mobilität in möglichst vielen Orten zu gewährleisten. "Wir werden aber nie jeden Ort an den Nahverkehr anbinden können. So ehrlich muss man sein", betont Michael Lieber. Joachim Brenner betont daher die Bedeutung von Bürgerbussen wie in Kirchen.

Um Angehörige zu entlasten, sollen zudem die Kurzzeitpflegekapazitäten erweitert werden; auch die teilstationären Angebote (Tages- und Nachtpflegeangebote) sollten nach Ansicht der Berater ausgebaut werden. Viel zu investieren gilt es darüber hinaus in die Barrierefreiheit der bestehenden Häuser und Wohnungen.

Und über all dem schwebt gewissermaßen der drohende Fachkräftemangel. Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit will die Kreisverwaltung Anreize bieten, damit sich noch mehr junge Menschen in Pflegeberufen ausbilden lassen. Gelingt dies nicht, so Joachim Brenner, droht doch noch der Pflegenotstand.

Altenkirchen Betzdorf
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