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    Berlin/Rheinland-Pfalz

    ADHS: Wie viele Zappelphilippe gibt es wirklich?

    Am Thema Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung scheiden sich die Geister. Nun könnten neue Studien bei der Diagnose helfen.

    Den Zappelphilipp kannte der Struwelpeter-Schöpfer und Arzt Heinrich Hoffmann schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch erst im späten 20. Jahrhundert nahmen die ADHS-Fälle drastisch zu.
    Den Zappelphilipp kannte der Struwelpeter-Schöpfer und Arzt Heinrich Hoffmann schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch erst im späten 20. Jahrhundert nahmen die ADHS-Fälle drastisch zu.
    Foto: Esslinger Verlag

    Von unserem Mitarbeiter Dirk Förger

    Das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern ist ein Thema, an dem sich die Geister scheiden. Häufig wird es sehr emotional diskutiert – vor allem, wenn es um die Behandlung mit Medikamenten geht. Erst vor Kurzem haben sich Gesundheitspolitiker von Union und Grünen in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ darüber beklagt, dass Tausende Kinder wegen voreiliger Diagnosen mit Medikamenten ruhiggestellt werden. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Stefanie Vogelsang sagte, dass heutzutage Maßstäbe an Kinder angelegt würden, die nicht passten. Wenn die Zeit fehle, sich mit diesen unangepassten Kindern zu beschäftigen, werde mit ADHS oft ein „Krankheitsbild zur Schadensbegrenzung“ herangezogen. Die CDU-Politikerin warnte: „Das Streben nach Leistung darf nicht durch Medikamente unterstützt werden.“

    Harald Terpe von den Grünen kritisierte insbesondere den Einsatz von Methylphenidat (MPH), das beispielsweise als Ritalin im Handel ist. So warnte Terpe davor, dass damit „nicht erwünschtes Verhalten wegtherapiert“ wird.

    Andere Gegner gehen sogar noch weiter und bezeichnen ADHS als erfundenes Krankheitsbild. Sie sehen Profiteure in allen beteiligten Gruppen: Die Pharmakonzerne verdienten mit den Medikamenten mehrere Hundert Millionen Euro pro Jahr. Bei Ärzten käme neben finanziellen Gründen der Druck hinzu, helfen zu wollen und zu müssen. Eltern stünden unter Druck, dem Vorwurf ausgesetzt zu werden, dass sie entweder nicht gewillt oder nicht fähig seien, ihr Kind angemessen zu erziehen. Und in der Schule seien Lehrer natürlich auch daran interessiert, dass einzelne Schüler nicht ständig stören und ihre Mitschüler ablenken. Ein weiteres Problem sehen ADHS-Gegner in der Diagnose. Dort werden Kriterien wie „zappelt häufig mit Händen oder Füßen“ oder „redet häufig übermäßig viel“ herangezogen. Das ist den Kritikern zu schwammig. Denn an welchem Standard sollen Begriffe wie „häufig“ oder „übermäßig“ gemessen werden?

    Abhilfe bei diesen Unsicherheiten könnten aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse schaffen. So wurde nachgewiesen, dass Gehirne von Kindern mit ADHS tatsächlich anders arbeiten: Bestimmte Signalwege, die an der Verarbeitung von Informationen beteiligt sind, scheinen laut US-Forschern unterbrochen zu sein. Das haben US-Forscher mithilfe bildgebender Verfahren (Magnetresonanztomografie) sichtbar gemacht. Dies könnte neue Möglichkeiten für eine sicherere Diagnose eröffnen. Forscher in Korea haben überdies eine Erbanlage entdeckt, die bei ADHS eine Rolle spielt. Sie gehen davon aus, dass ein Defekt dieses Gens die Kommunikation zwischen bestimmten Hirnzellen stören könnte. Dass auch zu wenig Schlaf das ADHS-Risiko bei Kindern erhöht, haben finnische Wissenschaftler herausgefunden. Dies würde auch die Hypothese stützen, dass sich Schlafmangel bei Kindern eher in Verhaltensproblemen als in Müdigkeit äußert.

    Doch bis die Forschungsergebnisse in der Praxis Anwendung finden, sind die Ärzte auf ihre Erfahrung angewiesen. Für Professor Michael Huss. Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Rheinhessen-Fachklinik Mainz, kennzeichnen drei Kernkriterien die ADHS: Impulsivität, Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung. Doch damit nicht genug. „Die Symptome müssen in mindestens zwei unterschiedlichen Situationen auftreten. Und sie müssen für mindestens sechs Monate bestehen“, sagt Huss. Würden alle Kriterien berücksichtigt, sinkt die tatsächliche Häufigkeit von ADHS deutlich – auf etwa 4 bis 5 Prozent unter Kindern. Daher halten andere Experten 90 Prozent der derzeitigen ADHS-Diagnosen für falsch.

    Laut Huss reicht es nicht aus, lediglich Medikamente zu geben. Unter anderem könne auch eine familienbezogene Intervention helfen, etwa ein veränderter Erziehungsstil der Eltern. „Andernfalls arbeitet man mit dem Medikament gegen Windmühlen“, sagt Huss.

    Auch die Koblenzer Kinderärztin Andrea Hoffecker befürwortet einen eher ganzheitlichen Ansatz: „ADHS erfordert viel Energie in der Erziehungsarbeit. Eine größere Konsequenz ist ebenfalls notwendig – und wird von den Kindern letztlich auch erwartet.“ Nützlich wäre darüber hinaus eine bessere praktische Ausbildung der Mediziner: „Als Kinderarzt lernt man im Krankenhaus die Akutbehandlung von Unfällen oder Erkrankungen kennen. Aber erst in der eigenen Praxis begleitet man Kinder über Jahre und kommt häufig erst dann mit ADHS in Berührung.“

    Aus ihrer Sicht ist das Schulsystem für Kinder mit ADHS nicht geeignet und macht sie eher kaputt. Sie weist aber auch darauf hin, dass ADHS nicht nur ein Problem in der Schule ist, sondern Betroffene im Freundeskreis und in der Familie häufig ebenfalls isoliert.

    In der Behandlung komme es darauf an, dass die Kinder nicht nur in der Schule „funktionieren“, sondern ihr ganzes Leben in den Griff bekommen. „Diese Kinder sind von Anfang an als Schreibabys und Unruhekinder extrem anstrengend, was eher die Mütter als die Väter aushalten.“ Am Ende bleibe die Frau allein, die Vaterfigur fehle – was gerade bei männlichen ADHS-Kindern die Situation noch mehr verschärfe. „Alleinerziehung macht kein ADHS, aber ADHS möglicherweise alleinerziehend.“

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