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    Der Islam

    Jung, liberal, Muslima – geht das? Ein Gespräch mit der Bendorferin Annika Mehmeti

    für die einen die Religion des Friedens, für die anderen eine des Hasses. Raum für Zwischentöne gibt es hier nur selten. Dabei gehen progressive und kritische Muslime in dieser Debatte oft unter. Im Liberal-Islamischen Bund hat sich 2010 eine Gruppe kritischer Muslime zusammengeschlossen. Die Bendorferin Annika Mehmeti koordiniert die Arbeit des Vereins.

    Gläubig und liberal: Die Bendorferin Annika Mehmeti will Kritik am Islam nicht Radikalen überlassen. Foto: Sascha Ditscher
    Gläubig und liberal: Die Bendorferin Annika Mehmeti will Kritik am Islam nicht Radikalen überlassen.
    Foto: Sascha Ditscher

    Die Mitglieder setzen sich gegen die Diskriminierung Homosexueller und für Rechte der Frauen ein, der Verein will zudem die liberale Positionen des in Europa vorherrschenden Islamverständnisses stärken. Deshalb wird er immer wieder angegriffen – von orthodoxen Moslems, die darin eine Verwässerung des Glaubens befürchten, aber auch von rechten Islamgegnern. Die Bendorferin Annika Mehmeti (38) vom Liberal-Islamischen Bund über ...

    ... die Rolle der Frauen im Islam:
    Es gibt viele Frauen bei uns, die sagen, dass sie ihren Glauben in der Moschee nicht so leben können, wie sie das gern möchten. Sie können das Freitagsgebet nicht besuchen, weil sie dort nicht so beten können, wie sie das möchten. Das heißt etwa: ohne Kopftuch oder neben ihrem besten Freund. Wir fordern die Emanzipation in diesem patriarchalen System. Wir setzen uns für eine Gleichberechtigung der Frauen ein und verurteilen jede Form der Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes.

    ... über die Ziele des Vereins:

    Wir wollen eine Repräsentanz deutscher Muslime etablieren, die ihren Glauben gleichberechtigt als Teil der Gesellschaft leben möchten. Wir haben bereits eigene Gemeinden gegründet und möchten weitere Moscheen öffnen. Anders ist es nicht möglich. Wir hatten auch mit Moscheen gesprochen, bisher haben sich aber keine Kooperationen ergeben. Das Problem ist, dass wir klar sagen, dass bei uns Homosexuelle und ihre Partner willkommen sind. Und dass bei uns Frauen vorbeten oder ohne Kopftuch beten können.

    ... über das religiöse Selbstverständnis des Vereins:

    Für uns ist vollkommene Gleichberechtigung und Gleichstellung wichtig, sowie dass jeder für sich selbst verantwortlich vor Gott ist, aber trotzdem keine Beliebigkeit im Glauben herrscht. Wir sind gläubig und spirituell, wir tragen unseren Glauben aber nicht mit uns voraus. Wir leben aber unseren Glauben und wir nehmen ihn ernst.

    ...  ihren Weg zum Islam:

    Ich habe mit der evangelischen Kirche, vor allem mit der Dreifaltigkeit, gehadert. Ich habe aber nicht bewusst nach einer anderen Religion gesucht, nur weil ich bestimmte Dinge im Christentum hinterfrage. Vom Islam hatte ich früher ein romantisierendes Bild. Dann habe ich den Koran gelesen und gedacht: Das ist es. Er hat mich spirituell berührt wie noch kein Text davor. Ich hatte einen Freund. Durch ihn habe ich den Islam, aber auch die problematischen Auslegungsmöglichkeiten kennengelernt. Der Freund, ein richtiger Klischeemuslim, musste gehen, der Islam blieb. Mit 16 bin ich konvertiert. Ich musste mir den Glauben ganz allein erarbeiten. Das ist einerseits ein Nachteil, andererseits ein großer Vorteil, denn nur so bekommt man einen eigenen Zugang zur Religion. Ich hatte Glück, dass es damals keine Salafistenkonvertiten gab, an die ich hätte geraten können.

    ... über die Zahl der Gläubigen, die hinter dem LIB stehen:
    Die Zahl ist noch gering, Wir sind derzeit etwa 250 bis 300 Mitglieder. In Rheinland-Pfalz bin ich fast allein. Viele Muslime leben den Glauben im Privaten, viele sind nicht daran interessiert, sich zu organisieren. Aber es gibt uns: Frauen wie Rabeya Müller und Lamya Kaddor sind seit Jahren aktiv.

    ... die theologischen Begründungen im Islam:

    Wir müssen unsere Aussagen theologisch untermauern und haben dafür auch unsere Experten. Wenn etwa im Koran (Sure 33, Vers 59) die Verschleierung des Kopfes gefordert wird, geschah dies, um die Frauen vor Begehrlichkeiten der Männer zu schützen. Heutzutage erfüllt eine solche Bedeckung ihren damaligen Zweck nicht mehr. Wir sollten uns von dieser Sicht auf das Verhältnis zwischen Frauen und Männern längst emanzipiert haben. Aber wir setzen uns für alle Frauen ein, die das Kopftuch freiwillig tragen möchten, vor allem auch im Lehrberuf. Ich persönlich finde, dass wir viele Fragen mit dem Hier und Heute begründen können. Nur ein Beispiel: Weshalb muss ich es theologisch begründen, wenn ich als Muslima einen Christ heirate? Ich lebe hier, ich bin als Deutsche aufgewachsen. Das reicht doch. Die muslimischen Mädchen müssen den Mut haben, ihren Eltern zu sagen: Ihr seid vor 50 Jahren in dieses Land gekommen, ihr wusstet, dass ich mit anderen Religionen aufwachsen werde. Wie könnt ihr verlangen, dass ich immer noch einen Türken oder nur einen Moslem heirate? Es ist sicherlich wichtig, dass wir das auch religiös herleiten können. Wieso muss ich aber immer alles damit begründen, wie es vor 500 Jahren geschehen ist? Häufig reicht der gesunde Menschenverstand.

    ...  über Selbstkritik:

    Der konservative Islam hat absolut seine Berechtigung. Wir müssen aber dafür sorgen, dass daraus kein Extremismus entsteht, und dazu bedarf es auch Selbstkritik. Wir müssen die Emanzipation der Gläubigen in der Moschee stärken. Wir müssen auch innerislamisch streiten. Auch das ist Teil der Kultur. Unsere Mitglieder Lale Akgün und Rabeya Müller können sich übrigens wunderbar miteinander über das Kopftuch streiten – Akgün lehnt es ab, Müller trägt es. Wir müssen unseren Leuten den Spiegel vorhalten. Dafür brauchen wir auch weniger Islamexperten, sondern mehr Soziologen.

    ...  über den Antisemitismus bei Muslimen:

    Der Antisemitismus ist da, das ist ein Fakt. Es herrscht häufig ein ganz bestimmtes Bild von Juden vor. Daran müssen wir arbeiten. Meine Neffen und Nichten haben auf dem Schulweg gelernt, dass „Du Jude“ ein Schimpfwort ist. Das ist ein Problem. Denn das haben sie nicht von deutschen Kindern gelernt. Hier müssen wir ansetzen. Wer klärt die Jugendlichen über den Israel-Palästina-Konflikt auf?

    ...  über die Ditib-Diskussion:

    Die Politik hat in der Vergangenheit vor allem mit den Herkunftsverbänden kooperiert. Wir kritisieren seit Jahren, dass vor allem die konservativen islamischen Verbände den Religionsunterricht mitprägen. Ich wundere mich, dass jetzt alle überrascht sind. Der Ditib-Verband ist wichtig, wir lehnen ihn nicht ab, wir möchten allerdings, dass sich die Mitglieder emanzipieren und sich nicht mehr vor allem als nationale türkische Muslime sehen. Es ist eine große Chance, wenn die Politik signalisiert, dass sie auch mit anderen sprechen möchte. Ich meine da gar nicht nur uns, sondern vor allem viele andere progressive Akteure, wie zum Beispiel an den Universitäten für Islamische Theologie.

    ...  über Klöckner und das Burka-Verbot:

    Es geht Julia Klöckner immer um Äußerlichkeiten. Dabei unterscheidet sich ihr Vorgehen wenig von dem was konservative, orthodoxe Muslime machen: Frauen etwas zu verbieten. Aber befreie ich die Frau, wenn ich die Burka verbiete? Oder bleibt sie dann lieber Zuhause? Ich würde mir wünschen, dass Klöckner sich genauso intensiv mit den progressiven Kräften im Islam auseinandersetzt wie mit der Burka. Wir müssen lernen, zu akzeptieren, dass auch eine emanzipierte Frau ein Kopftuch tragen kann. Ich habe im Übrigen kein Problem mit Leuten, die in einer Burka herumlaufen, ich habe ein Problem mit gewaltbereiten Salafisten.

    ... über die Kritik am Verein:

    Früher kam die Kritik vor allem von konservativen Religiösen. Wir haben übelste Prügel von dieser Seite eingesteckt. Vieles wird dabei direkt als Angriff gesehen, man wird schnell als Nestbeschmutzer bezeichnet. Heute werden wir fast überwiegend von rechter Seite attackiert. Ich habe den Eindruck, dass viele gar nicht mehr zwischen unserem liberalen Engagement und Salafisten unterscheiden. Es gibt einen schmalen Grat der Islamkritik. Es gibt Populisten, aber auch Kritiker, die etwas Positives erreichen wollen. Wir sollten stets zuhören und uns fragen: Ist da ein Körnchen Wahrheit dran?

    ... über die Antwort der Politik:

    Wir brauchen keine Symbole und keine Bilder von Vertretern, die Gläubigen die Hände schütteln. Wir brauchen gemeinsame Projekte und Begegnungen und wir brauchen Radikalisierungsprävention, die viel Geld kosten wird.

    Dietmar Telser

    Die Liberalen und ihre Kritiker

    Der Liberal-Islamische Bund wurde 2010 um die Religionspädagogin Layma Kaddor gegründet. Er hat nach eigenen Angaben rund 250 bis 300 Mitglieder. Zum Vergleich: Der Zentralrat der Muslime soll rund 10.000 Mitglieder haben, der Ditib-Verband rund 120.000.

    Rechte Kreise werfen dem LIB vor, einen liberalen Islam zu propagieren, den es deren Meinung nach nicht gibt und der einzig dazu diene, den Islam durch die Hintertür zu etablieren. Konservative Moslems werfen dem LIB wiederum eine beliebige Auslegung des Korans vor, sie würden sich als bessere Muslime darstellen. Der liberale Autor Patrick Bahners warf dem Verband in einem Artikel vor, mit dem liberalen Islam nur eine Funktionsstelle einzunehmen – als Vermittlungstheologen nach dem Geschmack der damaligen Bildungsmisterin Annette Schavan. Kaddor wurde vorgeworfen, Gelder der Universität veruntreut zu haben. Das Verfahren wurde eingestellt.

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