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In memoriam: Margaret Thatchers Aufstieg in den 70er-Jahren ist legendär

Sie hatten ihren Tod oft geprobt. Der Bestattungsunternehmer, der ihre Leiche einbalsamieren sollte. Und der Nachrichtensprecher, der durch die Eilmeldung vom Ableben der früheren Premierministerin zum Star aufstieg. Margaret Thatcher, durch die Demenz bereits geschwächt, war noch gar nicht tot, als der Dramaturg Tom Green ihr Ableben in einem kontroversen Theaterstück inszenierte.

In memoriam Margaret Thatchers Aufstieg in den 70er-Jahren ist legendär – Viele Briten hassten, viele Ökonomen loben sie
In memoriam Margaret Thatchers Aufstieg in den 70er-Jahren ist legendär – Viele Briten hassten, viele Ökonomen loben sie

Das makabre Schauspiel, das 2008 in London zu sehen war, löste einen Sturm der Entrüstung aus. Aber auch Begeisterung. Ein anderes Mal – sie war noch immer lebendig – hatten die Briten die Notwendigkeit eines pompösen Staatsbegräbnisses für ihre „Eiserne Lady“ diskutiert. Nun ist Lady Thatcher tot. Diesmal endgültig. Eine der schillerndsten Personen der Weltgeschichte, die als einzige Politikerin in Großbritannien einen „Ismus“ hinterlassen hat (den Thatcherismus), ist im Alter von 87 Jahren den Folgen eines Schlaganfalls erlegen. Thatcher, die legendäre Baronin mit der blond gewellten Betonfrisur, wurde als mutige Pionierin verehrt und zugleich als eine zynische Schlange verdammt.

Es ist erstaunlich, dass das Schicksal der dreifachen Wahlgewinnerin heute noch so viele Menschen bewegt. Vielleicht weil sie eine echte „Überzeugungspolitikerin“ war und eine streitlustige Kämpferin. Oder weil sie als erste Regierungschefin einer Atommacht manche mächtigen Männer schwach aussehen ließ. Es deutete jedoch nichts auf diese fantastische Karriere hin, als die Tochter eines Tante-Emma-Ladenbesitzers aus Grantham mit 18 Jahren dank eines gewonnenen Stipendiums ein Chemiestudium in Oxford begann.

Jüngste Kandidatin Englands

Doch das Herz von Margaret Hilda Roberts, wie sie damals hieß, schlug eher für Politik. Mit 25 Jahren wagte sie ein aufsehenerregendes Experiment: Roberts stellte sich als jüngste Kandidatin Englands zur Parlamentswahl – und verlor gegen die starke Labour-Konkurrenz. Privat hatte der aufgehende Tory-Star mehr Glück: Durch ihre Ehe mit dem reichen Unternehmer Denis Thatcher konnte sich die zukünftige Premierministerin einen luxuriösen Lebensstil leisten und ein Jurastudium, das sie 1953 als Steuerrechtlerin und frischgebackene Mutter der Zwillinge Carol und Mark beendete.

Sie muss es höllisch schwer gehabt haben nach dem Wahlsieg 1959 als eine von zwölf weiblichen Tory-Abgeordneten unter 333 männlichen Parteikollegen in Westminster. Als Anfängerin soll sie mit einer schrillen Stimme und zu schnell gesprochen haben. „Sie bellt wie ein Hund“, höhnten ihre Kritiker. „Ja, ich war unerfahren. Aber mein Gott, ich lernte so schnell“, sagte Thatcher später. Sie änderte ihre Frisur, stellte ihren Provinzakzent ab und ließ sich vom Schauspieler Lawrence Olivier rhetorisch schulen. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten.

Bis 1970 stieg Thatcher zur Bildungsministerin in der Regierung von Edward Heath auf, dessen Karriere sie nach dem Tory-Machtverlust 1974 zerschmetterte. Die junge Kandidatin, die für Erneuerung stand, forderte Heath als Außenseiterin heraus, und sie gewann überraschend den Parteivorsitz. Als Oppositionschefin fiel sie durch ihre monetaristische Weltanschauung und die antikommunistischen Überzeugungen auf.

Triumphaler Wahlsieg

„Großbritannien braucht eine Eiserne Lady“, tönte Thatcher im Wahlkampf 1979, den sie triumphal für sich entschied. Doch ihr Kampf um die Radikalkur für das kriselnde Königreich fing erst an. Vielleicht war Thatcher wirklich der „beste Mann für diesen Job“, wie ihr Sohn Mark glaubt, allerdings brauchte sie auch einen eisernen Willen und eine dicke Haut, um sich gegen das Misstrauen und die Kritik der Presse durchzusetzen. Die Früchte des Wahlsieges waren süß, Thatchers Regierungsalltag erwies sich jedoch als bitter.

Nach dem „Winter der Unzufriedenheit“ 1979 mit Massenstreiks war die Stimmung am Tiefpunkt. Thatcher brauchte Jahre, um der Arbeitslosigkeit, Inflation und Stagnation Frau zu werden. Ihre Kombitherapie für den schwachbrüstigen „englischen Patienten“ fanden viele Briten unerträglich. Sie wollte wenig Staat und viel Unternehmerfreiheit. Sie sparte am Wohnungsbau und der Bildung, sie verkaufte Staatseigentum, sie strich Subventionen und liberalisierte die wirtschaftlichen Spielregeln. Fast alle Ökonomen glauben heute, dass diese Verschlankung des Staates richtig war.

Sie hätte die nächste Wahl sicher verloren, doch dann marschierten die Argentinier 1982 auf den Falkland-Inseln ein. Die Briten holten die Inseln binnen zehn Wochen zurück. Auf der Welle der patriotischen Euphorie schlug die „Eiserne Lady“ die Labour-Partei 1983 leicht. Sie wiederholte diese Leistung vier Jahre später und stellte damit einen Rekord auf. Nach einer gescheiterten „Bauernrevolte“ der Tories gegen ihre Vorsitzende 1989 erreichte ein zweiter Aufstand im November 1990 sein Ziel. Ex-Minister Michael Heseltine machte Thatcher den Chefposten streitig.

Als es aussichtslos wurde, gab sie vor der zweiten Abstimmungsrunde auf. Am Tag ihres Abschieds von der Downing Street weinten viele Konservative: Eine Epoche ging zu Ende, und manchen war elend zumute. Sie blieb Abgeordnete, und sie mischte sich aktiv in die Politik ein, was ihrem Nachfolger John Major wenig genützt haben dürfte.

Alexei Makartsev

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